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Die Armee ohne Waffen

Mitte des 19. Jahrhunderts begann ein Brite von London aus mit dem Aufbau einer internationalen Streitmacht, deren Soldaten im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben, den Lazaretten und an den Heimtatfronten aller kriegführenden europäischer Staaten zu finden sein würden. Diese Streitmacht gibt es noch heute.
Von PRO
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US-amerikanische Heilssoldatinnen verteilen in Frankreich Doughnuts an britische Soldaten
US-amerikanische Heilssoldatinnen verteilen in Frankreich Doughnuts an britische Soldaten
Bereits 1886 fasste die 21 Jahre zuvor von William Booth gegründete „Salvation Army“, die Heilsarmee, im deutschen Kaiserreich Fuß. Von Stuttgart ausgehend breitete sich die christliche Freikirche im Deutschen Reich aus und machte sich den aufstrebenden Militarismus zunutze. Albert Shaw Clifton, promovierter Kirchenhistoriker und als General im Ruhestand ehemaliger Leiter der internationalen Heilsarmee, hat in seiner Dissertation am Londoner King‘s College die Geschichte der „Salvation Army“ von 1899 bis 1945 aufgearbeitet. Darin zeigt sich: Die Mitglieder dieser Freikirche, die Heilssoldaten, waren weitgehend gegen den in allen christlichen Kirchen aufkeimenden Nationalismus immun. Warum? Drei Prinzipien zeichnen die Einstellung der Heilsarmee zum Krieg aus: An erster Stelle steht die geistliche Priorität der Evangelisation und der „Seelenrettung“, zweitens die praktische Priorität mitfühlender guter Werke und drittens die Aufrechterhaltung des christlichen Internationalismus. Die politische Neutralität, die vom Internationalen Hauptquartier der Heilsarmee in London immer wieder von allen Mitgliedern eingefordert wurde, konnte in Kriegzeiten nicht in allen Territorien durchgesetzt werden, da der Gedanke der Supranationalität vielerorts von patriotischen Gedanken überlagert wurde. Dennoch ist der Grundsatz der politischen Neutralität ein wesentlicher Grund, warum die Mitglieder dieser Freikirche nur in geringem Maß in den Strudel der Überhöhung spezifischer nationaler Werte hineingerissen wurden.

„Jedes Land ist mein Vaterland“

Noch Ende Juni 1914 hatte die Heilsarmee in London zu einem Internationalen Kongress eingeladen, an dem etwa 4.000 Delegierte aus 58 Ländern teilnahmen. 164 Konferenzteilnehmer waren aus Deutschland angereist. Etwa einen Monat später, im August 1914, brach der Krieg aus. Clifton beschreibt die Stimmung in England zu Beginn des Krieges als deutschfeindlich. Selbst Dackel, „German sausage dog“ genannt, habe man gesteinigt. Die Heilsarmee habe sich von Anfang an darum bemüht, neutral zu bleiben. Der Sohn des Gründers, Bramwell Booth, hatte nach dem Tod seines Vaters 1912 die Leitung der Heilsarmee als General übernommen. Er ließ in der offiziellen Publikation der Freikirche, dem „War Cry“ (Kriegsruf), Schriften seines Vaters nachdrucken, in denen dieser die Prinzipien der Heilsarmee beschwor. Bramwell Booth, analysiert Clifton, habe es nicht so gut wie sein Vater verstanden, seine patriotischen Gefühle zu unterdrücken und stattdessen den christlichen Internationalismus, die Verbundenheit mit Christen weltweit, zu pflegen. Bramwell habe sich im Laufe des Krieges zu Äußerungen verleiten lassen, die mit dem neutralen Standpunkt der Heilsarmee nicht im Einklang standen. Eine Aussage Bramwells aus der Kriegszeit ist jedoch bis heute prägend für die internationale Heilsarmee. Bei einer Weihnachtsansprache formulierte Bramwell Booth den Satz: „Jedes Land ist mein Vaterland, denn jedes Land ist meines Vaters Land.“

Samariter im Krieg

Das Bemühen der Heilsarmee auf der britischen Insel, die Neutralität gegenüber Deutschland zu wahren, spiegelte sich etwa in dem Verbot wieder, das den Machern vom „Kriegsruf“ untersagte, das Wort „Feind“ zu verwenden, wenn es um andere Nationalitäten ging. Clifton konstatiert, dass Deutsche so „positiv wie möglich“ in den Schriften der britischen Heilsarmee beschrieben worden seien. Die Heilsarmee in den USA hatte lange vor dem Kriegseintritt ihres Landes tonnenweise Bettzeug in Streifen schneiden und zu Verbänden rollen lassen. Das Verbandsmaterial verschickten die Heilssoldaten an die Streitkräfte der Entente nach Frankreich, Russland und Serbien, aber auch an das verfeindete Deutschland. Die Lieferungen von Verbandmaterial nach Deutschland, beschreibt Clifton, habe man in England nicht verschwiegen. Im Deutschen Reich wurden auch die hauptberuflichen Heilssoldaten, die Offiziere, zum Militär eingezogen und dienten teils in der kämpfenden Truppe, teils in Lazaretten oder in Schreibstuben. Die Informationen über die Lage der Heilsarmee im deutschen Kaiserreich der Kriegszeit sind lückenhaft. Der Kriegsruf, die offizielle Zeitschrift der Heilsarmee, wurde mit Kriegsbeginn nur noch in reduziertem Umfang gedruckt, zudem gelangten die Berichte aus Deutschland nur noch vereinzelt an das Internationale Hauptquartier nach London.

Internationale Konferenz mit deutscher Beteiligung

Über das Renomee der Heilsarmee im Deutschen Kaiserreich kann eine Konferenz im neutralen Schweden Eindrücke vermitteln. 1916 erhielten einige Heilsarmee-Offiziere aus Deutschland die Genehmigung, an dieser internationalen Konferenz teilzunehmen und nach Schweden zu reisen. Dort traf General Bramwell Booth mit Oberst Carl Treite zusammen, der als Territorialleiter die Leitung der Heilsarmee in Berlin vorläufig übernommen hatte. Booth notierte über das Treffen: „Empfang Treite, der älter aussieht, und dünner. Ich bemerkte, dass er keinen Ehering trug. (Das Gold ist alles eingezogen.) Er war ruhig und vorsichtig, gab mir einen guten, intelligenten Überblick über die Position der Heilsarmee in Deutschland … eine bemerkenswerte Geschichte von treuer Hingabe. … Manche Korps sind kleiner geworden. In Berlin geht die Sozialarbeit weiter. 6 (sic!) von den 20 Berliner Korps sind inzwischen geschlossen.“ Die Heilsarmee stand im deutschen Kaiserreich wegen der vielfältigen Verbindungen nach England während des Krieges besonders unter Beobachtung. Die Heilsarmee in Deutschland tat, was sie konnte, um evangelistisch tätig zu sein, praktisch zu helfen und politisch neutral zu bleiben.
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