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Deutsche Einheit: Eine biblische Geschichte

Ich bin froh, dass ich noch zu jener Generation gehöre, die die DDR persönlich miterlebt hat. Wegen Verwandten „im Osten“ war ich als Kind mehrere Male „drüben“. Ein Kommentar von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher
Am 3. Oktober feiern die Deutschen auch das Ende eines Regimes, das den Freiheitsdrang unterdrücken wollte
Am 3. Oktober feiern die Deutschen auch das Ende eines Regimes, das den Freiheitsdrang unterdrücken wollte
Ich habe die Angst meiner Eltern vor den strengen Grenzsoldaten mitbekommen, die mit Spiegeln und Hunden unser Auto untersuchten, die uns harsch anschnauzten, als seien wir Verbrecher; ich erinnere mich, dass ich meine Bücher und Hörspielkassetten nicht mitnehmen durfte, an den Geruch der Trabbi-Abgase im Osten, und dass dieses Land traurig und grau zu sein schien. Ich erinnere mich, wie unser West-Auto in der DDR von allen Menschen bestaunt wurde, dabei war es ein alter Opel, und für mich nach West-Standard eher langweilig. Später hatten wir sogar ein Wohnmobil, das muss drüben wie ein Raumschiff gewirkt haben. Meine Eltern forderten mich und meine Geschwister auf, eins unserer Spielzeuge an die Kinder aus unserer Verwandtschaft abzugeben – für einen 8-jährigen Jungen nicht die leichteste Übung, und doch war es hier wie selbstverständlich. Irgendwie war das, was man war, tat und besaß, etwas Besonderes. Und doch kam es niemandem von uns in den Sinn, sich für etwas Besseres oder Überlegenes zu halten. Vielmehr war es eher die Ratlosigkeit, wieso es mächtigen Politikern einfallen kann, andere Menschen in einem ganzen Land einzusperren, die unsere Gedanken beherrschte. Ich erinnere mich an die Angst der DDR-Bürger vor der Polizei, vor der Stasi, vor dem Abhören und vor dem Auffallen. Die Gleichmacherei, die gleichen Autos, das brave Anstellen in der Schlange und das Hinnehmen, dass es in den Geschäften kaum Auswahl gab und die Qualität der Produkte gering war, schien in Resignation angenommen worden und in die Weltanschauung übergegangen zu sein.

Ein Volk nach 40 Jahren befreit

Den Fall der Mauer haben wir als Familie dann ungläubig, mit offenen Mündern und Tränen in den Augen, am Fernseher verfolgt. Seitdem stelle ich mir immer wieder vor, wie es für die Menschen der DDR gewesen sein muss, als die Tür endlich, endlich aufgestoßen wurde wie die Tore eines Gefängnisses, das abgeschafft wird. Was damals passierte, dass ein Volk ohne einen Tropfen Blut nach 40 Jahren befreit wurde, könnte für mich so auch in der Bibel stehen. Ich glaube seither, dass die Sehnsucht nach Freiheit in jedem Menschen als eine der wichtigsten Eigenschaften tief angelegt ist. Auch wenn man Menschen einsperrt und ihnen vorschreibt, wie sie zu leben haben, wird man diesen Wunsch, selbstbestimmt zu sein, nie töten können. Ein Satz, den damals jemand aus der DDR sagte, hat sich mir tief eingebrannt: „Ich will gar nicht in alle Länder dieser Erde reisen. Aber ich will es dürfen können.“ Der Fall der Mauer ist für mich immer wieder ein Zeichen dafür, dass die Freiheit eines der wichtigsten Güter des Menschen ist, für die es sich zu kämpfen lohnt. Dass die Wende in Kirchen begann und besonders von Pastoren ausging, ist für mich ein Zeichen dafür, dass Christen vielleicht nicht nur denselben Freiheitsdrang haben wie alle anderen Menschen, sondern dass sie zusätzlich die Zuversicht haben, dass hinter ihnen ein Gott steht, der ebenfalls die Freiheit liebt. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/ein-volk-nimmt-sich-die-freiheit-90041/
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/das-wunder-der-einheit-90030/
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