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„Der Volker, der ist ein Freund“

Volker Drewes ist Pfarrer und liebt seine Gemeinde. Der muss er aber immer hinterherfahren. Und seine Gottesdienste hält er zwischen Autoscooter und „Wilder Maus“. Ein Tag mit einem Schaustellerpfarrer.
Von PRO
Volker Drewes ist mit ganzem Herzen dabei, wenn es um „seine“ Schausteller geht
Volker Drewes ist mit ganzem Herzen dabei, wenn es um „seine“ Schausteller geht
Noch stehen die Fahrgeschäfte still und die meisten Buden sind verrammelt. Ein LKW rollt langsam auf den Festplatz. Mit viel Getöse werden Teile für ein Karussell abgeladen. Einige Schausteller platzieren schon Plüschtiere und Plastikspielzeug in ihren Auslagen. Kinder knattern auf Bobbycars über den Asphalt. Am folgenden Tag wird hier im hessischen Lauterbach der Prämienmarkt eröffnen. Volker Drewes sitzt mittendrin auf einer Bierbank und schaut dem Treiben zu. Der Lärm stört ihn nicht. „Mir macht die Arbeit einfach nur Spaß. Ich muss davon nicht abschalten“, sagt er. Der 61-Jährige ist Schaustellerpfarrer. Seit 18 Jahren besucht er die Schausteller, Zirkusleute und Puppenspieler auf den Festplätzen im Gebiet der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er nennt sie seine „reisende Gemeinde“. Wie viele Mitglieder es genau sind, kann er nicht sagen. In ganz Deutschland gebe es wohl um die 20.000 evangelische Schausteller, die in deren jeweiligem Reisegebiet von einem Pfarrer betreut werden.Der Dienst in der Schausteller- und Zirkusseelsorge macht eigentlich nur zehn Prozent von Drewes Arbeit aus. Zu 90 Prozent ist er als Klinikpfarrer in seiner Heimatstadt Bad Hersfeld angestellt. An den Abenden und Wochenenden leistet er ehrenamtlich aber viel mehr als diese zehn Prozent. Denn er ist nicht nur in seinem Reisegebiet unterwegs, das bis in die Randregionen von Nordrhein-Westfalen reicht. Er reist „seinen“ Schaustellern auch hinterher. Über die Jahre haben sich enge Kontakte entwickelt. Steht eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung an, dann verlangen die Schausteller oft nach „ihrem“ Pfarrer. Einen Pfarrer „vor Ort“ und eine feste Kirchengemeinde haben Schausteller nicht. Die meiste Zeit des Jahres ziehen sie in ihrem jeweiligen Gebiet von Rummelplatz zu Rummelplatz. Also bringt Drewes die Kirche zu ihnen. Den Kontakt zu ihnen zu halten, ist ihm sehr wichtig: „Damit sie wissen, dass die Kirche sich um sie kümmert und sie nicht vergessen sind.“ Zum Geburtstag erhält jedes Gemeindemitglied eine handgeschriebene Karte. Und in der Weihnachtszeit kümmert er sich besonders um sie. „Die erste Adventswoche bin ich ständig unterwegs. Ich fahre von einem Weihnachtsmarkt zum anderen, um meine Schäfchen noch ein letztes Mal im Jahr zu sehen“, sagt Drewes. 80 Familien besucht er dann in dieser Woche, jede bekommt einen Adventskalender. Bei diesen Besuchen erfährt er auch außerordentliche Termine fürs folgende Jahr wie zum Beispiel Taufen und Hochzeiten. „Ich muss also immer mit meinem Timer und meinem Weihnachtspaket rumlaufen“, erzählt der Schaustellerpfarrer mit dem Vollbart.

„Viehmarkt und Pfarrhaus – das passt!“

Taufen sind seine Spezialität. „Da bin ich fast Weltmeister. Ich habe immer mehr Taufen als Bestattungen“, sagt er und lacht. „Guten Morgen Emil“, grüßt er kurz darauf einen kleinen, blonden Jungen, der auf einem Bobbycar vorbeifährt. Der war vor nicht allzu langer Zeit sein Täufling. Die Schaustellerei begleitet Drewes schon sein ganzes Leben lang. Er ist quasi auf einem großen Volksfest aufgewachsen, der Vater war auf dem Wilbaser Markt im Kreis Lippe für die Logistik zuständig. Als Drewes als junger Erwachsener sein Theologiestudium in Göttingen begann, dachte er jedoch nicht daran, beruflich mit der Schaustellerei zutun zu haben. Er nahm eine ganz normale Pastorenstelle bei Kassel an. Zehn Jahre war er dort Gemeindepfarrer. Die Schausteller und Zirkusleute liefen ihm trotz allem immer wieder über den Weg. „Ich habe die Pfarrstelle im Oktober angetreten, und hinter dem Pfarrhaus war gerade ein Volkfest zu Ende gegangen. Da dachte ich mir: Viehmarkt und Pfarrhaus – das passt!“ Also besuchte er das fahrende Volk jedes Mal, wenn es auf dem Festplatz hinter seinem Pfarrhaus eintraf. „Ich habe sie als Gemeindeglieder begrüßt. So wie das ein Gemeindepfarrer machen sollte“, sagt er. Dann baten die Schausteller, dass er sie auch an anderen Orten besuchen sollte. Manchmal tat der Vollblutpfarrer das auch. Das Reisevirus hatte ihn infiziert. „Und auf dem Kirchentag 1981 in Hamburg hatte ich nur Augen für den Stand der Zirkus- und Schaustellerseelsorge“, erinnert sich Drewes. Der damalige Schaustellerpfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bot ihm sogar an, einzusteigen ins Geschäft. Aber Drewes blieb seiner Gemeinde treu. Schließlich hatte er die Stelle gerade erst angetreten. „Ich bin also bei meiner Gemeinde geblieben. Aber ich habe der Reisetätigkeit immer nachgetrauert.“

Berufung statt Beruf

Zehn Jahre später zog er mit seiner Familie nach Bad Hersfeld und wurde dort Klinikpfarrer. Wieder begegnete er Schaustellern. Diesmal änderte das sein Leben. Es sei fast wie ein Déjà-vu gewesen: Bei seiner Ankunft in der neuen Stadt war das älteste Volksfest Deutschlands, das Lullusfest, gerade in vollem Gange. „Das war der Aufhänger“, erinnert sich der Pfarrer und lächelt. Mit dem neuen Job hatte er endlich mehr Zeit. „An den Wochenenden konnte ich jetzt zu meinen Schaustellern fahren“, sagt er. Die EKD begrüßte sein Engagement: Erst übernahm Drewes die Schaustellerseelsorge ehrenamtlich. Ab 1996 durfte er zehn Prozent seiner Klinikstelle darauf verwenden. Seitdem sei er „offiziell installiert“, so nennt er es. Mittlerweile habe er erkannt, dass dieser Beruf für ihn eine Berufung sei. Vielleicht, weil sich die Begegnungen mit Schaustellern wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben ziehen und die Liebe für diese reisende Gemeinde nie abgerissen ist. Seine Aufgabe erfüllt er deshalb mit ganzem Herzen: „Ich kann den Menschen etwas geben, was sie brauchen: Liebe.“ Bis heute fühle sich das fahrende Volk rastlos und nicht genügend anerkannt. Das will Drewes ändern. „Wir als Kirche sagen: Ihr seid wichtig. Wir brauchen euch. Ihr seid Gott genauso wichtig wie jeder andere Mensch.“ Dann fällt ihm noch etwas ein: „Es ist doch das Schönste, was es gibt, wenn man einem Menschen berufsmäßig sagen kann: ‚Du bist mir wichtig.‘“ Wenn er in den Ruhestand geht, will er deshalb auch weiter machen. Dann kann er zu hundert Prozent für seine „reisende Gemeinde“ da sein.

„Die Religion ist eher eine archaische“

Der LKW fährt wieder dröhnend vorbei und hält an. Man kann kaum sein eigenes Wort verstehen. „Muss das sein?“, ruft Drewes. Und dann noch: „Moin, Chef!“, zu dem Fahrer. Ein kleines blondes Mädchen taucht hinter dem Transporter auf. „Hallo Marie“, begrüßt der Pastor sie: „Wir haben uns ja letztes Wochenende gar nicht gesehen. Aber nachher dann!“ Lachfältchen umspielen seine Augen als er erklärt: „Die Marie, die hab ich letztes Jahr auch getauft.“ Überhaupt bekommt er sehr viel mit vom Leben jedes einzelnen Schaustellers. Sie erzählen ihm das, was sie bewegt und fragen um Rat. Sogar danach, ob der Kauf eines neuen Karussells sinnvoll sei. Denn: „Du kennst unsere berufliche Situation.“ Ärger mit der Schwiegermutter oder Probleme mit den Kindern stehen genauso auf der Tagesordnung. Natürlich geht es auch um den christlichen Glauben. Den zu vermitteln, ist Drewes das größte Anliegen. Schausteller seien im tiefsten Innern sehr religiös, aber nicht immer im kirchlichen Sinne: „Die Religion ist eher eine archaische.“ Viele hätten starke Traditionen und seien oft recht konservativ, was Werte und Traditionen betrifft. Drewes weiß auch, warum: „Ein Schausteller ist immer existenziell herausgefordert. Außerdem lebt er nur vom Augenblick, ist selten lange an einem Ort.“ Die äußere Beweglichkeit verlange innerlich einen festen Standort. Eine „höhere Instanz“ spielt bei den allermeisten Schaustellern eine große Rolle: Wenn das Wetter schlecht ist und die Geschäfte nicht laufen, dann müsse dafür jemand Höheres verantwortlich sein. Und Drewes, als Pfarrer mit dem direkten Draht zu Gott, wird dann schon mal die Schuld für die Einbußen gegeben. „So einfach sind das Leben und der Glaube aber nicht. Dieses Denken muss ich dann manchmal aufbrechen“, beschreibt er seine Aufgabe. Oft gelingt ihm das in Extremsituationen und im Leid. Drewes erinnert sich an einen Vorfall aus dem vergangenen Jahr. „Der Bruder der ‚Wilden Maus‘ dort hinten ist letztes Jahr nach einer Transportfahrt plötzlich tot zusammengebrochen“, sagt er traurig und meint den Bruder des Betreibers der kunterbunten Achterbahn, die am anderen Ende des Festplatzes weithin sichtbar aufragt. Der Mann sei erst 27 Jahre alt gewesen. Dessen erstes Kind hatte Drewes getauft. Etwa 1.000 Trauergäste seien zur Beerdigung erschienen und jeder habe sich gefragt, wie Gott das zulassen könne. „Meine Aufgabe war, das auszuhalten und zu formulieren, was hinter dem Leid steckt.“ Die Art, wie Drewes mit der Situation umgegangen ist, kam an. Viele Schausteller aus Norddeutschland riefen ihn danach an, wenn sie einen Trauerfall in der Familie hatten und sagten: „Du hast damals genau unsere Sprache gesprochen.“ Drewes möchte in das Leben seiner reisenden Gemeinde hineinsprechen, das geprägt ist von Unbeständigkeit, Konkurrenzkampf und Existenzangst. Schausteller seien übrigens sehr emotionale Menschen, bemerkt der 61-Jährige. „Jeder Rummelplatz ist ein Sammelsurium von Gefühlen“, sagt er. Zum Job der Schausteller gehöre es, Emotionen zu vermitteln und zu verkaufen. Deshalb schwanke die Gefühlslage bei ihnen selbst innerhalb eines Tages oft von „himmelhochjauchzend bis hin zu Tode betrübt“. Drewes kennt die Schaustellerseele und scheint genau zu wissen, was sie braucht. Kirche und christlichen Glauben will er dem fahrenden Volk in seiner besonderen Lebenssituation erfahrbar und lebendig machen. „Gott ist erst einmal fremd. Aber wenn ich ihnen deutlich mache, dass unser christlicher Glaube trägt und das Heil in Jesus liegt, dann nehmen sie das auch an“, ist seine Erfahrung.Dann sagt er noch, dass Schausteller eine große Familie seien und sich auch immer um das Wohl ihres Pfarrers sorgten. Als er einmal nach einem Gottesdienst an einem sehr heißen Tag in der Sonne saß, schenkten sie ihm einen Hut. „Ich trage keinen Hut“, sagte er daraufhin. „Bei dieser Hitze wäre das für dich aber ganz angebracht“, antwortete einer der Anwesenden und stülpte ihm einen Strohhut über. Drewes ist Teil dieser Großfamilie. Später am Tag trifft er auf den Betreiber eines der größten Schaustellerbetriebe Hessens. Der legt seinen Arm um Drewes und sagt: „Der Volker, der ist eigentlich gar kein Pfarrer. Der ist ein Freund.“ (pro)
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