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Der Mensch wird zur billigen Ware

Am 30. Juli ist der Internationale Tag des Menschenhandels. Dazu zählen nicht nur sexuelle Ausbeutung und Zwangsarbeit, sondern auch Organhandel. pro hat beim deutschen Leiter der International Justice Mission, Dietmar Roller, nachgefragt, welche Ansatzpunkte es gibt, das Elend einzudämmen.
Von PRO
Hier wird gerade Geld bezahlt, um hinterher einen Menschen sexuell auszubeuten

Foto: International Justice Mission Deutschland

Hier wird gerade Geld bezahlt, um hinterher einen Menschen sexuell auszubeuten

pro: Herr Roller, wie groß ist das Problem Menschenhandel weltweit?

Dietmar Roller: Wir gehen davon aus, dass durch Menschenhandel und moderne Sklaverei über 40 Millionen Menschen brutal ausgebeutet werden. Aktuell werden jedes Jahr Waren im Wert 30 Milliarden Euro nach Deutschland importiert, die durch Menschenhandel und Sklaverei kontaminiert sind.

Aktuell arbeitet die Politik an einem Aktionsplan …

Ja, Lieferketten  deutscher Unternehmen müssen frei sein von Menschenhandel und Sklaverei. Es steht viel auf dem Spiel. Wir leben in einer globalen Welt, und Deutschland profitiert besonders davon. Die Schattenseite ist, wenn Sklaverei in Lieferketten nicht angegangen wird. Wir brauchen eine humane Globalisierung. Deswegen ist der Aktionsplan ein Kernthema für uns. Wir haben eine Verantwortung dafür, dass die Menschenrechte für alle gelten. Deswegen sind Politik und Wirtschaft hier in der Pflicht.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich schreibt in seinem Buch, dass Menschenhandel vor der Haustür geschieht. Wo liegen aus Ihrer Sicht die geographischen Schwerpunkte?

Es gibt die sexuelle Ausbeutung und die Arbeitsausbeutung. Erstere findet mitten unter uns statt: zum Beispiel in der Berliner Kurfürstenstraße, aber auch in kleinen Bordellen, die überall sein können. Eine internationale Drehscheibe für die sexuelle Ausbeutung ist Osteuropa. Wir haben als International Justice Mission (IJM) dort gerade ein Büro eröffnet. In Ostasien werden vor allem Kinder sexuell ausgebeutet. In Südasien ist ein Schwerpunkt für Arbeitssklaverei und in vielen Ländern Afrikas sehen wir Gewalt an Frauen und Mädchen als traurige Realität. Die Arbeitsausbeutung in Europa beginnt beim Gemüseanbau, den billige Arbeitskräfte in Spanien und Italien machen. Menschenhandel erwirtschaftet jährlich 150 Milliarden Euro Gewinne. Darin sind auch Banken verstrickt.

Wie wichtig ist der Organhandel?

Der Organhandel ist ein sehr verschwiegenes Geschäft. Wir beobachten Schwerpunkte in Moldawien, der Türkei, Südasien und dem Nahen Osten, wo viele Menschen hineingezwungen werden. Aktuell gibt es auch Entwicklungen zum professionellen Betteln. Babys gehören oft gar nicht den Frauen, die mit ihnen in europäischen Großstädten betteln.

Wie gerät man in die Spirale des Menschenhandels?

Armut ist die Hauptvoraussetzung dafür. So wie arme Menschen keinen Zugang zur Bildung und zum Gesundheitssystem haben, so haben sie auch keinen Zugang zum Rechtssystem. Täter können bei geringem Risiko einen hohen Gewinn mit der Ware Mensch erzielen. Er ist heute oft nur noch 80 Euro wert. Dieser Betrag hat sich schnell amortisiert. Der Menschenhandel ist fast so lukrativ wie Waffen- und Drogenhandel.

Wo sind die wichtigsten Hebel, um den Menschenhandel einzudämmen?

Wir müssen Menschen einen Zugang zum Rechtssystem schaffen. Unsere Anwälte bringen Täter zur Anklage. Sobald ein Bereich für die Sklavenhalter juristisch gefährlich ist, ist er nicht mehr attraktiv. Wir schulen Polizei, Staatsanwalt und Richter. Der Staat muss stärker Verantwortung übernehmen. Bei Arbeitssklaverei in Lieferketten brauchen wir ein deutliches Ja der Wirtschaft und Politik zum Nationalen Aktionsplan Menschenrechte (NAP). Moderne Sklaverei ist kein Kavaliersdelikt.

Wo wird die Debatte geführt?

Die hitzige Debatte findet zwischen der Politik und den Verbänden statt. Gerade bremst das Wirtschaftsministerium das Außen- und Entwicklungshilfeministerium aus. Wir würden alle von einem einheitlichen Aktionsplan profitieren.

Was ist am wichtigsten, um das mit Betroffenen aufzuarbeiten?

Opfer werden nicht ohne die Möglichkeit auf eine anschließende Rehabilitation befreit. Menschen brauchen eine Zukunftsperspektive. Egal, ob sie in der Textilindustrie oder im Steinbruch tätig waren. Sie müssen in die Dorfgemeinschaft integriert werden. Kleinkredite ermöglichen ihnen, dass sie in Freiheit leben können. Für Opfer sexueller Gewalt ist es natürlich wichtig, Traumata aufzuarbeiten. Dazu haben wir speziell geschulte lokale Partner (Kirchen und Nicht-Regierungsorganisationen) vor Ort.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dietmar Roller ist Vorstandsvorsitzender von International Justice Mission Deutschland Foto: privat
Dietmar Roller ist Vorstandsvorsitzender von International Justice Mission Deutschland

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil.

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