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Der Islamhasser, den es nicht gab

Eine Falschmeldung über ein antiislamisch motiviertes Verbrechen in Kanada sorgt derzeit für Aufregung. Eine elfjährige Muslima hat erklärt, ein Mann habe ihr Kopftuch zerschnitten. Die Öffentlichkeit stürzte sich auf den Fall – wenige Tage später wurde bekannt: Es gab ihn nie. Ein Leitartikel von Anna Lutz
Von Anna Lutz
Englischsprachige Medien berichteten in der vergangenen Woche von einem Überfall auf eine Muslima – doch der Vorfall entpuppte sich als Falschmeldung

Foto: Fotolia/Glaser

Englischsprachige Medien berichteten in der vergangenen Woche von einem Überfall auf eine Muslima – doch der Vorfall entpuppte sich als Falschmeldung

War es die Schuld der Medien oder die der Polizei? Hat eine elfjährige Muslima es ganz alleine geschafft, Premierminister Justin Trudeau zu täuschen? Oder war sie Teil einer geplanten Aktion? Darüber mutmaßt gerade die kanadische Öffentlichkeit. Die verwirrende Geschichte begann am vergangenen Freitag.

An diesem Tag nämlich gab Khawlah Noman bei der Polizei zu Protokoll, dass sie auf ihrem Schulweg im Ort Scarborough nahe Toronto von einem Mann überfallen worden sei. Dieser habe versucht, ihr Kopftuch mit einer Schere zu zerschneiden, wie kanadische Medien unter Berufung auf die Behörden berichteten. Auch die Mutter des Mädchens trat noch am selben Morgen vor die TV-Kameras und erklärte, sie sei froh, kanadische Staatsbürgerin zu sein, und eine solche Tat habe nichts mit dem kanadischen Selbstverständnis zu tun.

Trudeau äußerte sich umgehend

Es dauerte nicht lange und die ersten Reaktionen auf den Fall wurden öffentlich. Der Nationale Rat kanadischer Muslime verurteilte die Tat; Wissenschaftler erklärten, die Zahl sogenannter Hasstaten, die sich etwa gezielt gegen Angehörige bestimmter Kulturen oder Religionen richten, habe um 60 Prozent zugenommen. Und auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau äußerte sich via Twitter: „Mein Herz ist bei Khawlah Noman, wenn ich heute Morgen von dem feigen Angriff auf sie in Toronto höre. Kanada ist ein offenes und gastfreundliches Land, Vorfälle wie dieser können nicht toleriert werden.“

Das ist viel Wirbel für eine Tat, die es gar nicht gab. Denn nur drei Tage später – am Montag dieser Woche – räumte die Polizei ein, es gebe keinerlei Belege für das Verbrechen. „Nach detaillierten Untersuchungen hat die Polizei ermittelt, dass die Vorgänge, die in der ursprünglichen Nachrichtenveröffentlichung beschrieben wurden, nicht geschehen sind”, zitiert etwa der Sender Fox News die Behörden. Außerdem erklärte die Polizei, das Mädchen werde für ihre Falschaussage nicht belangt. Der Grund dafür dürfte ihr Alter sein.

Wirbel um nichts – aber mit Konsequenzen

Viel Wirbel um nichts, könnte man nun sagen und den Fall ad acta legen. Tatsächlich aber bleibt die Frage nach dem Schuldigen. Einige Medien mutmaßen nun, die Familie des Mädchens stecke hinter der Lüge. Immerhin habe es auch ein durch Stiche ramponiertes Kopftuch gegeben, das der Polizei als Beweisstück vorgelegt worden sei. Alles in allem erscheine die Tat als zu ausgeklügelt, um sie allein einer Elfjährigen anzulasten.

Es bleibt auch die Frage nach der Verantwortung der Medien. Die Toronto Sun veröffentlichte nach Bekanntgabe der Falschmeldung einen selbstkritischen Artikel, in dem der Autor einräumt, selbst Zweifel gehabt zu haben, ob die breite Berichterstattung gleich nach den Anschuldigungen gerechtfertigt gewesen sei – immerhin habe die Polizei ihre Ermittlungen da erst begonnen. Der Autor wirft auch die Frage auf, ob die große Aufmerksamkeit für diesen einzelnen Fall nicht übertrieben sei – immerhin gebe es täglich Überfälle auf Menschen in Kanada, auch wenn diese kein Kopftuch trügen.

Zurückhaltung bitte!

Tatsächlich haben Medien in einem solchen Fall keine andere Wahl, als zu berichten, immer mit Verweis auf den aktuellen Ermittlungsstand natürlich. Denn bis zum Ende solcher Verfahren vergehen Monate oder Jahre, manche werden nie aufgelöst. Das darf kein Grund für mediale Zurückhaltung sein. Wohl aber sollten Berichterstatter sich mit der Deutung solcher Fälle zurückhalten – und Staatschefs ebenso. Wer verfrüht und an falscher Stelle Islamophobie beklagt, läuft Gefahr, beim nächsten Mal auf taube Ohren zu stoßen. Und dann handelt es sich vielleicht um einen echten Fall von Islamfeindlichkeit.

Von: Anna Lutz

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