„Heute Morgen eröffnete unser Kommandeur die Lagebesprechung zur Gefechtsbereitschaft, indem er uns aufforderte, keine ‚Angst‘ vor dem zu haben, was derzeit bei unseren Kampfoperationen im Iran geschieht“, berichtete ein US-Soldat der NGO „Military Religious Freedom Foundation“ (MRFF).
Der Kommandeur habe seine Untergegeben gedrängt, „unseren Soldaten zu sagen, dass dies ‚alles Teil von Gottes göttlichem Plan‘ sei, und er verwies ausdrücklich auf zahlreiche Stellen aus dem Buch der Offenbarung, die sich auf Armageddon und die unmittelbar bevorstehende Wiederkehr Jesu Christi beziehen.“ Präsident Trump sei von Jesus gesalbt worden, um im Iran das „Signalfeuer“ zu entzünden, das Armageddon auslöst und seine Rückkehr auf die Erde markiert.
Wenn Sie beim Lesen dieser Zeilen den Kopf schütteln, geht es Ihnen so wie mir gestern, als ich diesen Bericht las. Prüfen kann man ihn nur schwer, da er aus nachvollziehbaren Gründen anonymisiert ist. Sicherlich handelt es sich hierbei auch um Einzelfälle. Ins Bild mancher Christen in den USA, die in Präsident Donald Trump einen Gesandten Gottes sehen, passt er aber.
Egal, wie man zum Krieg gegen den Iran politisch steht: Wenn Christen sich im wörtlichen Sinne als Gotteskrieger gerieren, sind sie falsch abgebogen. Und schon ein oberflächlicher Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass dies nicht das erste Mal ist. Doch dieser Fall ist besonders.
Und zwar wegen der Begründung, die der Kommandeur laut MRFF angegeben habe: Das US-Militär wolle damit das Endgericht herbeiführen, das in der Bibel angekündigt ist. Fast könnte man auf die Idee kommen, Gott müsse man auf die Sprünge helfen, schließlich komme er mit der Heilsgeschichte nur sehr schleppend voran. Für mich eine beispiellose Selbstüberschätzung des Menschen. Und das Gegenteil dessen, was die Offenbarung aussagt.
Was bedeutet die Offenbarung?
Passenderweise steht der gestrige Lehrtext der Herrnhuter Losungen im Buch der Offenbarung, Kapitel 4, Vers 11: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“
Ein Vers, den man schnell überlesen kann. Gott ist würdig – na klar. Interessant wird es aber durch den Kontext. Und der hat es in sich. Johannes berichtet von einem Thron im Himmel, von 24 weiteren Thronen um diesen herum, auf denen 24 goldgekrönte Älteste in weißen Gewändern sitzen, von Figuren, die tier- und menschenähnlich sind, von Blitzen, Stimmen, Donner, einem gläsernen Meer. Bilder, die faszinieren, überwältigen, verwirren. Was heißt das alles?
Über die Bedeutung der Offenbarung streiten sich Exegeten seit Jahrtausenden. Ist sie eine Zukunftsvorhersage? Wenn ja, für wann? Geht es um Erlebnisse der jungen neutestamentlichen Gemeinde in der Verfolgung oder auch um uns? Bei all diesen Fragen droht die wichtigste Botschaft der Offenbarung des Johannes verloren zu gehen:
Gott sitzt auf dem Thron. Niemand anderes.
Er ist Schöpfer und Richter des Universums, er ist Lenker der Geschichte, der Anfang und das Ende. Nicht der Mensch.
Trotzdem ist die Hybris des Homo Sapiens grenzenlos. Sie zieht sich durch die Geschichte: Die Menschen, die in Babel ein Türmchen bauen wollten, „um sich einen Namen zu machen“, sind ein klassisches Beispiel. Man könnte auch Judas dazuzählen, der – so vermuten manche Theologen – Jesus verraten haben könnte, weil er ihn zu einer göttlichen Aktion gegen das Römische Reich zwingen wollte. Oder den Kosmonauten Juri Gagarin, der zynisch angab, „keinen Gott gesehen“ zu haben, nachdem er das kosmische Staubkörnchen, das wir „Erde“ nennen, als erster Mensch verlassen hatte.
Christen, die allen Ernstes meinen, sie könnten Gott mit Bomben dazu zwingen, seinen Plan mit den Menschen anzuschubsen, sind auf dem Holzweg.
Die Offenbarung lehrt: Gott ist der Herr. Was auch immer kommen mag. Gut, wenn wir zu ihm gehören.
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