Das christliche Medienmagazin

Der Gekreuzigte als Mahnmal

Der jüdische Maler Marc Chagall war in seinem Leben existenziellen Bedrohungen ausgesetzt. Bei der Auseinandersetzung mit Flucht, Vertreibung und der eigenen Identität taucht dabei immer wieder der Gekreuzigte auf.
Von Norbert Schäfer
Engelsturz

Foto: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler

„Der Engelsturz“ (1923 – 1933 – 1947) von Marc Chagall ist bis zum 19. Februar 2023 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt

Unheilvoll stürzt in der Mitte des Gemäldes kopfüber ein blutroter Engel zur Erde. Ein geöffnetes Auge und der geöffnete Mund verleihen dem Wesen nahezu dämonische Züge. Das Engelsauge an der Schnittstelle der Bilddiagonalen nimmt den Betrachter in den Blick. Der Engel rauscht in die Tiefe, reißt mit seinem linken, flammenförmigen Flügel eine Pendeluhr mit in die Tiefe. Die Zeit ist stehen geblieben. In der linken unteren Bildhälfte flieht ein Rabbi in schwarzblauer Dunkelheit aus der Szene. Er trägt rettend eine Thorarolle vor seiner Brust. Der Davidstern auf der Buchrolle ist fast verblasst. Er sieht zurück auf die Sonne hellerer Tage mit Musik und Lebensfreude in seiner fernen ländlichen Heimatstadt. Im Sog des Engels hat es im linken, oberen Bereich des Ölgemäldes einen Mann von den Füßen gerissen. Die Beine des Fortschritts ragen grotesk und hoch über dem Kopf. Sein Spazierstock trifft den fliehenden Juden an Mütze und Schläfe. Von der linken Bildhälfte durch den Engel getrennt, wiegt rechts eine ikonenhaft dargestellte Frau einen Knaben im Arm. Am rechten unteren Bild­rand kämpft eine einzelne Kerze gegen die Dunkelheit der Nacht an und erhellt eine Reihe kleiner Häuser. Von dort aus blickt eine weitere Figur auf die Szene: Der Gekreuzigte, um die Lenden einen jüdischen Gebetsschal gebunden. Warum hat der Künstler dort Jesus Christus platziert?

Künstler mit jüdischen Wurzeln

„Der Engelsturz“ ist aktuell in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen. Sonst hängt es im Kunstmuseum Basel. Gemalt hat das Ölbild Marc Chagall, der als einer der bekanntesten Maler der Moderne gilt. Mehr als zwanzig Jahre hat der Künstler an dem Ölbild gearbeitet, davon zeugen verschiedene Skizzen und drei Datierungen auf dem Werk, das 147 mal 188 Zentimeter misst. Die erste Version beginnt Chagall 1923 in Frankreich als eine Art Vorahnung unter dem Eindruck wachsender judenfeindlicher Stimmung in Europa. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler 1933 drängt ihn, die Arbeit an dem Bild erneut aufzunehmen. Abschließen wird er das Werk nach dem Tod von Millionen Juden in der Sho’a. 1947, kurz vor seiner Rückkehr nach Frankreich aus dem Exil in den USA, beendet Chagall die Arbeit an dem Gemälde.

Im Laufe seines langen Lebens hat der Künstler mit jüdischen Wurzeln eine Fülle von Werken geschaffen. Seine Gemälde, Lithografien, Zeichnungen oder Glasfenster werden gerne als „traumhaft“ oder „poetisch“ beschrieben. Darin taucht in der Bildsprache Chagalls immer wieder der Gekreuzigte auf. Stets kennzeichnen dabei religiös jüdische Attribute, etwa die traditionellen Gebetsriemen, den Mann am Kreuz als Juden.

Jesus, der Jude

In der Ausstellung „Chagall. Welt in Aufruhr“, die bis zum 19. Februar 2023 zu sehen ist, nehmen neben dem beschriebenen „Engelsturz“ noch weitere Arbeiten den jüdischen Jesus am Kreuz als Motiv auf.  Den Gekreuzigten bettet Chagall in den Werken in einen Zusammenhang von Vertreibung, Flucht oder Gewalt. In der Zeichnung „Apokalypse in Lila, Capriccio“ taucht eine finstere Gestalt in schwarzer Kleidung und mit Hakenkreuz unter dem Gekreuzigten auf, der einen Gebetsschal trägt. Bei der „Kreuzigung in Gelb“ (1942) deutet der Künstler in der Darstellung des Gekreuzigten mit Gebetsschal und Gebetsriemen gar einen Heiligenschein an. Stellt der Künstler so Jesus als Bindeglied zwischen Judentum und Christentum dar? Das wäre eine mögliche Interpretation. Aber wie wahrscheinlich ist sie?

„Chagall hat in erster Linie den Gekreuzigten als Juden dargestellt. Er hat Jesus in seiner Bildsprache ins Judentum zurückgeholt“, erklärt Heiner Eberhardt, Referent für Gemeindearbeit im Dienst der Fackelträger. Eberhardt beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Künstler und bringt in Ausstellungen und Vorträgen Menschen mit dem Leben und Werk Chagalls – und damit der Bibel – in Berührung.

„Man muss die christliche Brille hier absetzen, denn es handelt sich um einen jüdischen Künstler, der aber die christliche Ikonografie sehr gut kennt und auch damit aufgewachsen ist“, erklärt Ilka Voermann, Kuratorin der Schirn-Ausstellung. Betrachter sollten aufpassen, die Werke nicht zu christlich zu interpretieren, sondern sich klarmachen, dass dahinter ein jüdischer Blick stehe. Chagalls Bilder zeigten Versöhnliches. Aber auch Mahnendes. Das sei in den Darstellungen der Kreuzigung sehr gut erkennbar. Chagall entlasse in seinen Bildern über Vertreibung, Flucht, Gewalt und Antisemitismus die Christen nicht einfach aus der Verantwortung, sondern indem er den Christus als Juden darstelle, stelle er eine Verbindung zwischen beiden Religionen her. Das Schaffen Chagalls ist somit ein Anknüpfungspunkt für den christlich-jüdischen Dialog.

Sicher ist, dass der Maler sich intensiv mit der Bibel auseinandergesetzt hat. Nach einer Reise ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina arbeitete der Künstler von 1931 bis 1939 und von 1952 bis 1956 an der Darstellung alttestamentlicher Berichte. Im Steindruckverfahren (Lithografie) druckte er den Bibelzyklus „La Bible“, in dem er Engel, die Erzväter, Propheten und die Geschichte von Mose darstellt. Die farbenfrohen Darstellungen treffen bei vielen Kunstinteressierten einen Nerv.

Voermann spricht von einer regelrechten Begeisterung der Deutschen für Chagall nach dem Krieg. Die ist scheinbar ungebrochen. Bei der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung drängen sich mehr als 50 Journalisten im Foyer der Schirn. Die Ausstellung über die düstere Schaffensperiode des russisch­-jüdischen Künstlers, in der er sich mit Flucht und Vertreibung der osteuropäischen Juden beschäftigt hat, könnte angesichts des Ukraine-Krieges, flüchtender Menschen und wachsendem Antisemitismus in Deutschland kaum aktueller sein. Und es ist gut, wenn sich Christen in der Advents- und Weihnachtszeit am Werk Chagalls neu daran erinnern, dass Jesus Jude war.

Über den Künstler:
Marc Chagall wird am 7. Juli 1887 in Witebsk im heutigen Belarus als Moische Schagal in eine chassidisch-jüdische Familie hinein geboren. In einer jüdischen Elementarschule lernt Chagall die hebräische Sprache nach Bibeltexten und kommt mit der christlichen Religion in Berührung. Um 1903 tritt er in eine Malschule ein. 1911 geht er nach Paris, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert 1914 die Rückkehr in die Stadt nach einem Heimatbesuch. 1922 kehrt der Künstler Russland den Rücken und wird nach einem kurzen Berlin-Aufenthalt 1923 in Frankreich sesshaft. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zieht Chagall mit seiner Frau Bella und Tochter Ida in den Süden des Landes, 1941 flieht die Familie vor den Nazis in die USA. 1944 stirbt seine Frau. 1948 kehrt der Künstler endgültig nach Frankreich zurück, wo er am 28. März 1985 in Saint-Paul-de-Vence stirbt.

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