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Der gejagte Bischof

Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing wird Ende des Monats sein Amt vorzeitig abgeben. Der Umgang mit dem Bischof macht pro-Kolumnist Jürgen Mette nachdenklich. Predigt die Kirche sonst nicht Gnade und Barmherzigkeit?
Von PRO
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Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Foto: pro/Jürgen Mette

Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Ja, es ist eine Tragödie. Ein prominenter und beliebter Kirchenmann fühlt sich gejagt und getreten. Der die Kirche zusammenhalten wollte, hält den Druck nicht mehr aus und macht sich unerreichbar. Wie hätten wir gehandelt?

Ich kann Bischof Rentzing so gut verstehen. Mir ist zwar solch ein Desaster erspart geblieben, aber ähnliches kenne ich auch. Ich hatte mich etwas gewagt und unweise in einer Radiosendung geäußert. Eine Jugendsünde im fortgeschrittenen Alter. Bitterböse Leserbriefe mit persönlichen Beleidigungen waren die Folge. Ich fühlte mich falsch verstanden. Aber es gab keine Gnade für mich. Ich brauchte gar nicht abzutauchen, wie es Carsten Rentzing gemacht hat, denn ich war schon längst weg: in einer neurochirurgischen Klinik in Stuttgart. Vom Krankenbett aus habe ich telefonisch und per Mail versucht, die Sache geradezurücken. Ich fühlte mich wie ein angeschossenes Tier, das sich mit letzter Kraft von der freien Wildbahn in den Wald schleppt. Keine Gnade für den Sünder.

So unter Druck geraten, tut man Dinge, die den Schaden noch vergrößern.

Wo bleibt die Barmherzigkeit?

Der Bischof hat die Brocken hingeworfen. Er hätte sich angesichts seines tiefen Rückhalts in der Bevölkerung auch den kritischen Fragen seiner Gegner stellen können, zumal sie ja nicht seinen Rücktritt gefordert hatten. Der Bischof hätte sich klipp und klar zu den Vorwürfen äußern können. Dann hätten andere über seine Zukunft befinden müssen. Jetzt geht das Kräftemessen der Petitionen los.

Die Ankläger brachten bisher rund 1.200 Unterschriften zusammen, die Freunde Rentzings bedienen sich des gleichen fragwürdigen Werkzeugs und können nun auf über 20.000 Stimmen verweisen. Das erinnert an die frivolen Gesänge der Israeliten in einer Pro-David-Demo (1.Samuel 18) „Saul hat tausend Mann geschlagen, David aber 10.000“. Seit wann legen wir Wert auf Mehrheiten, auf Meinungsumfragen? Ist durch eine Unterschriftenliste jemals etwas nachhaltig zum Besseren gewendet worden? Hätte das den verletzten Bischof motivieren können, sich vom Rückzug zurückzuziehen?

Mitten in allem Frust über den traurigen Abtritt des Bischofs möchte ich eine ganz andere Frage aufwerfen. Wie will die Kirche ein Erfahrungsort für Gnade und Barmherzigkeit sein, wenn sie ihren Hirten die Gnade und Barmherzigkeit nicht gewährt? Ich hoffe und bete, dass Rentzing jetzt gute Berater an seiner Seite hat.

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