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Der Drei-Minuten-Seelsorger

Zwischen Ankunft und Abflug versucht der Flughafenseelsorger Justus Münster den Mitarbeitern und Passagieren an Berlins Flughäfen zu helfen. Aber in der Hektik ist es schwer, mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Von PRO
Er arbeitet da, wo andere in den Urlaub fliegen: Flughafenseelsorger Justus Münster

Foto: pro

Er arbeitet da, wo andere in den Urlaub fliegen: Flughafenseelsorger Justus Münster
Die Arbeitskleidung von Justus Münster ist lila und leuchtet. Über Jeans und Pulli trägt er eine Warnweste mit Leuchtstreifen. Das ist nicht ungewöhnlich für Mitarbeiter am Flughafen, nur dass seine Weste eben lila ist. Eine Farbe, die sonst niemand trägt und mit der er auffällt zwischen den Passagieren und dem Personal in der Schalterhalle. Das ist Absicht, denn die Weste ist ein Angebot: Sprich mich an. Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Wolfgang Felber betreut Justus Münster als Seelsorger Angestellte und Fluggäste an den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld. Im Flughafen-Gebäude in Schönefeld ziehen Passagiere ihre Rollkoffer über den glatten Boden. Aus der Bäckerei riecht es nach Kaffee. Eine Gruppe Jugendlicher hat sich auf ihren Rucksäcken niedergelassen. Das Büro der Flughafenseelsorge liegt am Ende der Schalterhalle; eine Glaskabine mit großem Schreibtisch und drei Stühlen um ein kleines Tischchen. Die Durchsagen aus der Halle schallen durch die dünnen Wände. Im Schrank steht ein Kreuz. Zwischen zwei Aktenschränken lehnt Grünewalds Bild von der Auferstehung Jesu. Von hier aus ziehen die Seelsorger los. Schönefeld ist ein kleiner Flughafen mit nur drei Terminals. Fast sieben Millionen Reisende sind im vergangenen Jahr hier angekommen oder abgeflogen. Kein Vergleich zu Flughäfen wie Frankfurt, über den im selben Jahr 58 Millionen Menschen reisten. Trotzdem – viele Menschen für zwei Seelsorger und ein Team von 15 Ehrenamtlichen. Reisegesellschaften rufen Münster und seinen Kollegen an, wenn jemand im Ausland gestorben ist und die Angehörigen am Flughafen erwartet werden. Das Personal weist sie auf Passagiere hin, die Hilfe brauchen. Meist aber gehen sie selbst aufmerksam durch den Flughafen und sprechen andere an. Die Gespräche sind kurz: Drei bis fünf Minuten pro Fluggast. Das Thema gibt der andere vor. Münster sucht nach dem, was er den „Auftrag des Gesprächs“ nennt. Wenn ein Geschäftsmann sagt: „Meine Familie ist in Dresden, ich bin hier“, will er dann über seine Einsamkeit reden? Oder über Probleme in der Familie? „Das ist sicher eine schwierige Situation“, sagt Münster und wartet, was als nächstes kommt. In die Tiefe zu gehen, mit Menschen, von denen er nichts weiß, ist in der kurzen Zeit, die die Reisenden für ihn übrig haben, fast nicht möglich.Dass sich jemand bekehrt hat oder mit ihm beten wollte, hat Münster noch nie erlebt. Aber alles, was mit Gott zu tun hat, lagern die Fluggäste an ihn aus, sie nehmen ihn als den Profi wahr. Auch wenn sie nicht mit ihm beten wollen – „beten Sie mal für mich“, sagen viele Menschen. Das tut er dann auch. Immer.

Seelsorger für Einsame

Er betet und liest Bibel auch für sich, als „Selbstsorge“. Er brauche sie bei allem, was ihm in seinem Beruf begegnet, genauso wie die gemeinsame Zeit mit seiner Frau und dem acht Monate alten Sohn. Gerade erst ist er aus der Elternzeit zurückgekehrt. Münster ist gern Seelsorger. Sein Vater ist Pastor, die Mutter Kirchenmusikern. „Evangelium fand ich gut. Pastor auch“, sagt er. Also hat er auch Theologie studiert, wurde zuerst mit einer halben Stelle Pfarrer in Berlin-Pankow und mit der anderen Hälfte Leiter der Notfallseelsorge, bevor er 2008 hauptamtlich die evangelische Flughafenseelsorge übernahm. Im Gegensatz zu anderen Pastoren ist sein Job nun nicht das Predigen, sondern nur noch das Zuhören. Und die Probleme, von denen er hört, sind viel breiter gestreut als in der Gemeinde. Im Kleinen spiegle sich am Flughafen das ganze Leben, sagt Münster. Gestresste, Verzweifelte, Einsame, Entspannte – sie alle passieren den Flughafen. Er hört von Scheidung, Selbstmordgedanken oder Armut. Eine Frau kam nachmittags an den Flughafen und wartete lange. Sie wolle ihre Freundin aus Moskau abholen, sagte sie den Seelsorgern. Am nächsten Tag kam sie wieder und gab die gleiche Antwort. Wochenlang wartete sie auf eine Freundin, die es nicht gab. Persönliche Probleme sind häufiger als große Unfälle, aber natürlich hat Münster auch damit zu tun. 2012 nahm er am Flughafen Tegel die Reisenden des verunglückten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia in Empfang. Die Flughafenseelsorge war extra angerufen worden, um für die Menschen da zu sein. Aber schon als sie aus dem Flugzeug stiegen, war Münster klar, dass er nicht viel tun konnte. „Die wollten keine Hilfe, die wollten nur nach Hause“, sagt er. Er gab ihnen trotzdem Flyer für Anlaufstellen in Berlin, sollten sie es sich später anders überlegen. Er muss akzeptieren, dass er nicht immer gefragt ist. Es gibt Tage, da kommt er mit keinem Fluggast ins Gespräch. Für die Flughafenseelsorge gibt es keine Vorgaben, weder von der Evangelischen noch von der Katholischen Kirche. Für die Berliner gilt, sie wollen nur da sein für die, die sie brauchen und die Kirchen an dieser Durchgangsstation vertreten. Wo Menschen sind, sollte auch die Kirche sein, das ist der Gedanke. Dabei erleben sie, dass Fluggäste, die gar nichts mit dem Glauben zu tun haben, trotzdem viel von ihnen erwarten. Als Helfer ist die Kirche sehr willkommen. Münster sieht das positiv: „Es ist toll, dass uns als Kirche die Kompetenz zugeschrieben wird, jemandem wieder auf die Beine zu helfen“, sagt er. Vielleicht könnten sie dazu beitragen, dass jemand eine positive Sicht auf Glauben und Kirche bekomme. Wer weiß, was noch daraus wachse. Sie erführen ja nicht, ob ein Reisender zuhause nicht doch einen Gottesdienst besuche.

Kapelle im unfertigen Flughafen

Münster freut sich, wenn er für Reisegruppen einen Segen sprechen darf. Zu Weihnachten ist er mit der Gitarre durch den Flughafen gezogen, hat Liedblättchen an Mitarbeiter und Fluggäste verteilt und gemeinsam mit ihnen Weihnachtslieder gesungen. Mehr Gottesdienst geht nicht in der lauten Schalterhalle. Erst im neuen Flughafen BER wird es eine Kapelle geben, in der man Andachten und Gottesdienste halten kann, vielleicht sogar Taufen und Trauungen. Die Kapelle ist bereits fertig, wann der Flughafen eröffnet wird, ist immer noch unklar. Die riesigen Gebäude des unfertigen BER kann man von der Besucherterrasse bereits erkennen, zu der Münster jetzt noch läuft, bevor sein Arbeitstag für heute zu Ende ist. Unterwegs wirft er routiniert einen Blick auf die Bänke in der Galerie über der Halle. Hier oben ist es ruhig. Reisende, die am Flughafen übernachten, schlafen meist hier, aber jetzt, am späten Nachmittag, sind die Bänke noch leer. Auch sonst kommt ihm niemand mehr entgegen, der ihn anspricht oder der aussieht, als würde ihm ein Gespräch gut tun. Auf der Terrasse unterhält er sich aber doch noch mit einem bulligen Security-Mitarbeiter. Da er den Mitarbeitern öfter begegnet, ist es leichter, an ihrem Leben Anteil zu nehmen als an dem der Passagiere. Beide lehnen an der Brüstung, hinter ihnen wird gerade ein Flugzeug entladen. Länger als drei Minuten dauert auch dieses Gespräch nicht. (pro)
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