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Der besessene Gerasener und die “Occupy”-Bewegung

Der Bericht des Markus-Evangeliums über den Besessenen von Gerasa ist ein "Occupy"-Evangelium. Diese ungewöhnliche These vertritt der Journalist und Publizist Heribert Prantl in seiner soeben erschienenen Streitschrift "Wir sind Viele – eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus". Die "Süddeutsche Zeitung" hat nun einen Auszug veröffentlicht, in dem der bibelfeste Autor diese These begründet.
Von PRO

Foto: André Karwath (Wikipedia)

Das Anliegen der "Occupy"-Bewegung sei es, zu verhindern, dass aus der Krise des Kapitalismus eine globale Krise der Demokratie wird, schreibt Prantl, der als Ressortleiter Innenpolitik auch Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) ist. In seiner Streitschrift kritisiert er die radikale Ökonomisierung der Politik und des öffentlichen Lebens, ergreift Partei für den Protest, fordert neue Regeln für ein sozialverträgliches Wirtschaften  – und erzählt die Geschichte von der Heilung des besessenen Geraseners (Markus-Evangelium, Kapitel 5), dessen Dämonen in eine Herde mit etwa 2.000 Schweinen gejagt wurden. Warum diese Begebenheit "ein Occupy-Evangelium" ist, erklärt er so: "Es handelt von den Besessenen auf den Finanzmärkten, die bisher niemand zu bändigen vermochte; es handelt von der globalisierten Wirtschaft, die nicht mehr im Dienste des Menschen steht, weil sie alle Bindungen gesprengt hat."

Ängste, Zwänge und Handlungsmuster

Prantl bezeichnet die Begebenheit als "eine Geschichte über gute und böse, reine und unreine Geister. Es ist eine biblische Geschichte, auf die man stößt, wenn man darüber nachdenkt, wohin eine Welt kommt, der die Gabe und die Kraft fehlt, zwischen guten und bösen Geistern zu scheiden." Dieser tobende Mensch habe kein eigenes Ich mehr, mit dem man reden könne. "Stattdessen existiert in ihm eine Vielzahl von Handlungs- und Denkgewohnheiten, die sich verselbständigt haben, in ihm stecken Ängste, Zwänge und Handlungsmuster." Dass die unreinen Geister in eine Herde von Schweinen gefahren seien, legt er als "ein furchtbares Ausagieren aller bisher verinnerlichten Aggression und Gewalt" aus, die jetzt nach außen dränge und sich entlade. "Der Besessene ist geheilt, sein unheimliches Wesen ist verschwunden",  berichtet Prantl weiter. "Der Mann hatte schon auf Erden wie in der Hölle gelebt und er kehrte in der Nähe Jesu vom Tod ins Leben zurück."

Für den SZ-Journalisten steckt "ein tiefer, ein existentieller Ernst in solchen Geschichten: Sie handeln vom Ungeist, der die Menschen zerfrisst. Sie handeln von dem Ungeist, der zur Verwahrlosung der Menschen und der Gesellschaft führt." Der "Dämon des Evangeliums vom Besessenen von Gerasa" sei die zerstörerische Variante des Freigeistes, "der Geist der pervertierten Freiheit, der keine Bindungen akzeptiert, der sie zerreißt, es ist der Geist der Hemmungslosigkeit und der Gier". Es sei der Geist, der den Turbo des Kapitalismus, den Turbokapitalismus antreibe.

Exorzismus für Finanz-Analysten?

"Vielleicht bräuchten viele Finanz-Analysten den Besuch eines guten Exorzisten, einen Ungeist-Austreiber, einen, der sie heilt", schlägt der SZ-Ressortleiter vor. Man könne die "Occupy"-Bewegung als Exorzismus im erweiterten Sinn verstehen: "Als eine ‘Besetzung’ der Finanzplätze mit besseren Geistern – mit dem Geist der Verantwortung und dem Geist der Sorge für das Gemeinwohl. Befreiung heißt ja nicht, von jedem Geist verlassen zu werden, sondern von einem anderen, einem guten Geist erfüllt zu werden. Das können die Finanzplätze brauchen."

Zorn als Christenpflicht

Konsequent zu Ende gedacht, müsste Prantl eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass eine Hinwendung zu Jesus die Antwort auf den Geist der pervertierten Freiheit, der Hemmungslosigkeit und der Gier ist. Stattdessen bricht er eine Lanze für den Zorn, den er als Christenpflicht bezeichnet, und belegt dies mit einer weiteren biblischen Begebenheit: der Tempelreinigung, "die ja nicht so heißt, weil Jesus den Tempelboden geputzt hätte, sondern weil er falsche Einstellungen, den Geist der Habsucht, der Gier, den Geist des ökonomischen Exzesses aus dem Tempel hinauswarf", schreibt Prantl. Und weiter: "Der Zorn sei eine Todsünde, sagen Theologen. Der Zorn kann eine Christenpflicht sein, zeigt das Beispiel des Jesus", wenn er eine Leidenschaft sei, die aus dem Leiden wächst, aus der Trauer über erlittenes Unrecht. "Dann reißt der Zorn die Trauer heraus aus der Depression; dann ist der Zorn das Gegenteil der verbreiteten Kann-man-eben-nichts-machen-Haltung; dann ist er etwas anderes als Wut. Ein Wüterich will sich abreagieren. Der Zornige will agieren."

Ob das Jesu Weg ist, mit der Krise umzugehen, darüber lässt sich allerdings streiten. (pro)
http://www.sueddeutsche.de/politik/wir-sind-viele-anklage-gegen-den-finanzkapitalismus-gott-liebt-die-zornigen-1.1227394
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