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DDR-Doku: Jenseits der Zensur

Ungeschönte Bilder aus dem DDR-Alltag sind in einem Archiv ans Licht gekommen. Das Filmmaterial zeigt auch die Situation der Christen in der SED-Diktatur. Nun sind einige Bilder in einer Sendung des RBB zu sehen. Eine TV-Kritik von Sebastian Schramm
Von PRO
Ein Rentnerehepaar beklagt, dass es immer wieder Eimer und Schüsseln aufstellen muss, weil das Dach des Ost-Berliner Mietshauses seit Jahren undicht ist...

Foto: rbb

Ein Rentnerehepaar beklagt, dass es immer wieder Eimer und Schüsseln aufstellen muss, weil das Dach des Ost-Berliner Mietshauses seit Jahren undicht ist…
Ein verwahrloster Mann läuft unbeholfen in einem völlig verdreckten Zimmer auf und ab. Zwischen den Bergen von Müll und Unrat, die sich bis unter die Decke stapeln, kann er sich kaum bewegen. Immer wieder fängt die Kamera den verstörten Blick des Mannes mit dem zerzausten Haar ein. Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines Messies. Einblicke in die Lebenswirklichkeit eines Menschen am Rande der Gesellschaft – Bilder, die im Staatsfernsehen der DDR nicht zu sehen waren. Es sind dennoch Aufnahmen, die im Auftrag des SED-Staates angefertigt wurden. Der Dokumentarfilm „Der heimliche Blick – Wie die DDR sich selbst beobachtete“, den der RBB am Dienstag um 22.45 Uhr ausstrahlt, beleuchtet erstmals umfassend die Arbeit der „Staatlichen Filmdokumentation“ (SFD). Zwischen 1971 und 1986 entstanden unter deren Regie rund 300 Filmdokumente mit insgesamt über 200 Stunden Spiellänge aus dem Alltagsleben in der DDR, die aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Auftrag des Kulturministeriums an die SFD war es, eine systematische Eigendokumentation des „realsozialistischen“ Staates zu erstellen. Das Ziel war nicht Agitation, sondern Information. Das Material sollte späteren Generationen ein vollständiges Bild der Lebenswirklichkeit in der DDR liefern.

Christen im DDR-Fernsehen – ein Tabuthema

Die SFD sollte Menschen auf den mittleren Ebenen der Macht in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft filmen. Die Dokumentarfilmer hielten aber auch die normale Arbeits- und Lebenswelt verschiedener sozialer Gruppen fest. Die zensierten Medien in der DDR zeigten nur eine Wirklichkeit, „wie sie sein sollte“, erklärt die Historikerin Anne Barnert im Film. Im Staatsfernsehen wurden die Errungenschaften des „Arbeiter- und Bauernstaates“ gefeiert. Das „Negative und Hässliche“ sei bei den Machthabern unerwünscht gewesen. Die ungeschönten Aufnahmen der SFD handeln indes auch von dem Versagen der Altenpflege, maroden Betrieben, Umweltverschmutzung und Mangelwirtschaft oder auch der prekären Wohnsituation in der DDR. Als besonders heikel galt in der DDR der Umgang mit den Kirchen. Offiziell herrschte zwar Religionsfreiheit. Der Lebensalltag von Christen aber war tabuisiert. Die SFD filmte auch Manfred Stolpe, damals Mitglied der Kirchleitung im Bund evangelischer Kirchen in der DDR, im Gespräch mit Jugendlichen bei einer Rüstzeit. Allein das sei schon „eine Verbesserung des Stellenwertes der kirchlichen Jugendarbeit“, sagt Stolpe im Film, vermutlich nicht wissend, dass die Aufnahmen im Archiv verschwinden würden. Außerdem begleitete die SFD Stolpe bei einer Tagung der Kirchensynode, bei der die Teilnehmer offen über Probleme der Christen in der DDR sprachen. Für die Dokumentation „Der heimliche Blick“ lassen die Filmemacher noch einmal Stolpe zu Wort kommen, dem nach der Wiedervereinigung der Vorwurf gemacht wurde, als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatsicherheit Kircheninterna weitergegeben zu haben.

Wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Ein beeindruckendes Zeugnis für die ungewöhnliche Freiheit der SFD in der Themenwahl sind auch die Aufnahmen unter dem Titel „Christ und Keramiker“. Wegen seines christlichen Glaubens hatte der Berliner Keramikkünstler Christian Richter den Wehrdienst verweigert. Die SFD filmte ihn zu Hause beim gemeinsamen Tischgebet mit der Familie. Offen spricht er vor der Kamera über seine Unterstützung für die pazifistische Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. In „Der heimliche Blick“ wundert sich Johannes Richter, der Sohn des im vergangenen Jahr verstorbenen Künstlers, dass sein Vater für diese Aussagen nicht eingesperrt wurde. Geschützt wurde Richter durch die Geheimhaltung des Materials. Es sollte erst nach der „Verwirklichung des Kommunismus“ von den „Mühen des Anfangs“ berichten, erklärt Historikerin Barnert. Mit den rund 300 Filmdokumenten lieferte die SFD ein relativ ungeschminktes Bild der DDR. Denn auch die Filmemacher hätten einer „gewissen Selbstzensur“ unterlegen. „Wir wussten, was möglich ist“, erklärt Wolfgang Klaue, damals Direktor des Staatlichen Filmarchivs, dem die SFD zugeordnet war. Es habe auch Themen gegeben, die zu heikel waren. Aufnahmen der Absicherungsmaßnahmen an der innerdeutschen Grenze etwa seien undenkbar gewesen. Dennoch gewähren das Archivmaterial und die RBB-Dokumentation „Der heimliche Blick“ selbst Insidern einen überraschend unverstellten Einblick in den DDR-Alltag der 1970er und 1980er Jahre. Heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, liefern die Bilder einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Selbst bei Zeitzeugen können sie Lücken in der Erinnerung an die Lebenswirklichkeit der DDR schließen. (pro) „Der heimliche Blick – Wie die DDR sich selbst beobachtete“, 45 Minuten, rbb, 17. März 2015, 22.45 Uhr
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