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„Das Thema Abtreibung treibt mich um“

Seit 1998 sitzt Thomas Dörflinger (CDU) für den Landkreis Waldshut im Bundestag. Das Steckenpferd des zweifachen Vaters ist die Familienpolitik. Als ehrenamtlicher Bundesvorsitzender des Kolpingwerkes und als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken liegen ihm junge Menschen am Herzen.
Von PRO
Der Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger ist gläubiger Katholik. Als gelernter Redakteur und jetziger Bundestagsabgeordneter ist er vorsichtiger gegenüber Journalisten

Foto: pro

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger ist gläubiger Katholik. Als gelernter Redakteur und jetziger Bundestagsabgeordneter ist er vorsichtiger gegenüber Journalisten

pro: Ihr Vater Werner Dörflinger saß bereits für die CDU im Bundestag. Vorher war er als Lokaljournalist tätig. Bei Ihnen ist das auch so. Die Gene?

Thomas Dörflinger: Ich habe eigentlich nie eine politische Karriere angestrebt. Als Radiomoderator konnte ich meinen Traumberuf ausüben. Wenn es bei meinem damaligen Arbeitgeber nicht zu Schwierigkeiten gekommen wäre, dann hätte sich die Alternative Politik als Beruf eigentlich nie gestellt.

Wieso kam es trotzdem anders?

Ich habe ja aus nächster Nähe erlebt, wie das Leben als Abgeordneter ist. Das war unter rein zeitlichen Gesichtspunkten nicht unbedingt eine Werbeveranstaltung für diesen Beruf. Ich habe mich dann doch dafür entschieden, weil meine Familie und insbesondere meine Frau mich unterstützt hat. Wir waren der Meinung, dass man das Mandat und das Familienleben einigermaßen unter einen Hut bringen kann. In der Rückschau kann ich sagen, dass das ganz gut funktioniert hat.

Sie haben zwei Söhne. Wie viel Platz bleibt für die Familie? Sie sind ja nicht nur Abgeordneter, sondern auch ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Kolpingwerkes …

Um die Frage von Erwerbsarbeit und Familienarbeit zu diskutieren, ist der Abgeordnete so ziemlich das schlechteste Beispiel, das man sich vorstellen kann. Bei dem Terminkalender und den Erfordernissen des Mandats geht das nie. Zur Organisation unseres Familienlebens kann ich maximal 20 Prozent beitragen, während meine Frau 80 Prozent leistet. Das ist unbefriedigend, aber es geht nicht anders.

Dabei engagieren Sie sich besonders stark in der Familienpolitik. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Der Weg, den die CDU – offensichtlich ganz bewusst – gegangen ist, ist nicht meiner. Ich muss die Arbeit so organisieren, dass die Familie darin Platz findet, und nicht umgekehrt. Wenn beide Elternteile erwerbstätig sein möchten, dann hat der Staat die Voraussetzung zu schaffen, dass die Eltern beides unter einen Hut kriegen können. Das geht auch. Allerdings hätte dazu nicht die Erziehung vor allem von Ein- bis Dreijährigen verstaatlicht werden müssen. Aber dass sich ein Kind schon unter drei Jahren nicht in elterlicher Obhut befindet, sondern eine staatliche Betreuung erfährt, scheint politisch gewollt zu sein.

Wo stoßen Sie als Christ an Ihre politischen Grenzen?

Das sind im weitesten Sinne Dinge, die mit dem Lebensschutz zu tun haben. Neben der aktuellen Debatte um die Beihilfe zum Suizid waren es in der Vergangenheit Themen wie die Präimplantationsdiagnostik. Das Thema Abtreibung treibt mich um, auch wenn es auf der politischen Agenda nicht ganz oben steht. Es gibt ein Spannungsfeld zwischen dem, was man politisch denkt, und was politisch mehrheitsfähig ist. Das führt zu Kompromissen, die auch schmerzhaft sein können. Man trifft eine politische Entscheidung nicht, weil man von dem Inhalt zu 100 Prozent überzeugt ist, sondern weil sie dazu geeignet ist, Schlimmeres zu verhindern.

Wo bleibt beim vollen Terminkalender noch die Zeit, Ihren Glauben zu leben?

Da muss ich schon Abstriche machen. Eigentlich sollte sich der Terminkalender nach dem Kirchgang richten und nicht umgekehrt. Aber in der Realität ist das so. Da sich mein ehrenamtliches Engagement in einem verbandlich-kirchlichen Sektor abspielt, ist das sozusagen eher ein Ausgleich als zusätzliche Arbeit. Natürlich ist das auch Arbeit, aber wenn ich während eines Kolping-Wochenendes einen Gottesdienst feiere, dann fahre ich relativ entspannt nach Hause.

Das Kolpingwerk ist ein internationaler katholischer Sozialverband. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Jugendbildung. Welche Werte wollen Sie der jungen Generation vermitteln?

Ich würde es mit Kolping einmal so zusammenfassen: Der einzelne Menschen soll sich mit seinen unterschiedlichen Möglichkeiten einbringen – beruflich, familiär, innerhalb der Kirche oder gesellschaftlich. Das ist nie nur eine Veranstaltung zum Zuschauen, sondern sie sollen mitmachen, Verantwortung übernehmen und für Positionen eintreten. Notfalls heißt das, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Die Gemeinschaft lebt letztlich davon, dass viele sich einbringen.

Wo haben es die Jugendlichen heute schwerer und wo leichter als in Ihrer Generation?

Die Medienwelt des 21. Jahrhunderts war für uns kein Thema. Telefone hatten Schnüre. Ich bin aufgewachsen mit Schwarz-Weiß-Fernsehen. Das ist für meine Kinder gar nicht denkbar. Die modernen Kommunikationsmittel sind völlig alltäglich. Das breit gefächerte Freizeitangebot ist Fluch und Segen zugleich. Heute ist es nicht mehr ganz so selbstverständlich, dass man sich in irgendeiner Form engagiert. Häufig ist es zeitlich begrenzt. Von ihrer Grundstruktur sind junge Leute heute nicht anders gestrickt, als wir es damals waren. Nur die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, sind andere.

Inwiefern nutzen Sie selbst moderne Medien?

Zu twittern ist für meine politische Arbeit nicht erforderlich. Der Personenkreis, den ich damit erreiche, ist im Wahlkreis verschwindend gering. Auf Facebook kann ich nur schwer verzichten. Ich nutze es privat und dienstlich sehr intensiv. Die Menschen sollen dort mit mir kommunizieren können.

Als gelernter Redakteur wissen Sie, wie Journalisten ticken. Inwiefern hilft Ihnen das, wenn Sie als Politiker mit den Medien sprechen?

Vielleicht hat es dazu geführt, dass ich etwas vorsichtiger bin als andere. Jeder Politiker hat natürlich auch seine negativen Erfahrungen mit dem Journalismus gemacht, etwa wenn später Dinge in der Zeitung standen, die man so nicht gesagt hat. Insofern ist der berufliche Hintergrund schon hilfreich.

Wo wurden bei Ihnen Grenzen überschritten?

In den 17 Jahren als Bundestagsabgeordneter gab es ein oder zwei Fälle, in denen es gegen mich als Person ging und auch meine persönliche Integrität in Frage gestellt wurde. Ich habe das Thema mit meiner Frau besprochen, aber nach außen schweigen wir darüber. Jeder weitere Kommentar macht das Ganze nur noch schlimmer.

Wie weit darf Satire in den Medien aus Ihrer Sicht gehen?

Sie darf sehr weit gehen. Tucholsky hat formuliert, sie dürfe alles. Das unterschreibe ich im Prinzip. Der Altmeister der Karikatur, Dieter Hanitsch, hat nach den Bombenanschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo gesagt, er lege sich eine Selbstbeschränkung auf, was die Behandlung religiöser Themen angeht. Wenn eine Glaubensgemeinschaft die jungfräuliche Geburt als Dogma sieht, dann würde er sich darüber nicht lustig machen. Ich fand das bemerkenswert, weil er weder katholisch ist, noch an die Jungfrauengeburt glaubt. Letztlich muss jeder, der Satire macht, dies mit sich selbst klären. Ich kann mich über den Papst lustig machen. Das muss er auch abkönnen. Wenn ich einen Papst mit Soutane auf dem Cover der Titanic darstelle und darunter schreibe, die undichte Stelle sei entdeckt, ist das jenseits der Grenze des guten Geschmacks. Die Grenzüberschreitungen, mit denen ich jemanden verletze, müssen klar sein. Wenn es um Muslime geht, ist das relativ schnell klar, bei den Christen nicht.

Welche Geschichte der Bibel hilft Ihnen in schwierigen Zeiten?

Es gibt mehrere Stellen. Mein persönliches Leitwort ist das Zitat von Paulus: „Prüfet alles, das Gute behaltet.“ In jedem Engagement gibt es Dinge, die nicht laufen oder die einem stinken. Da braucht man einen Punkt, an dem man sich wieder aufrichten kann. Das mündet immer in den Gedanken: Gut, dass dieser oder jener sich nicht hat entmutigen lassen und bis zum Erfolg weitergekämpft hat. Es klingt trivial: Wenn es bergab geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, auch im persönlichen Gefühlsleben. Wenn ich in schlechten Zeiten noch darüber jammere, wird es dadurch auch nicht besser.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Weil. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/ard-und-zdf-machen-kirchen-laecherlich-88231/
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