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Das Streben nach Gerechtigkeit

Noch nie hatte der einfache Bürger so viel Macht wie heute. Das Monopol der Meinungsbildung liegt nicht mehr bei den Journalisten, auch Blogger haben Einfluss auf die ganz große Politik, wie der Fall Guttenberg zuletzt gezeigt hat. In Berlin diskutierten am Freitagabend russische und deutsche Netzaktivisten über die Chancen und Gefahren ihrer Arbeit.

Von PRO

Foto: Ilja Masik /fotolia)

"Ich habe mich gefreut", sagt Martin Heidingsfelder über den Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg im März dieses Jahres. Man könnte wohl auch sagen, es hat ihn inspiriert. Nach Vorbild des "GuttenPlag Wikis", das damals die Plagiate des CSU-Politikers zusammentrug, gründete Heidingsfelder "VroniPlag". Die größtenteils anonymen Autoren dieser Plattform untersuchen Dissertationen berühmter Persönlichkeiten. Man könne einfach nicht hinnehmen, dass jemand lüge und betrüge, beschreibt er seine Motivation. Gemeinsam mit dem Blogger Markus Beckedahl, dem russischen Journalisten Oleg Kaschin und dem Juristen beim Anti-Korruptionsportal "Rospil", Konstantin Terekhov, gab er bei der Veranstaltung "Bürger, Blogger, Wähler – Der Einfluss neuer zivilgesellschaftlicher Initiativen auf die Politik" Auskunft über seine Arbeit. Organisiert wurde die Veranstaltung im Rahmen der "Deutsch-Russischen Herbstgespräche" vom Verein "Deutsch-Russischer Austausch" und der Evangelischen Akademie zu Berlin.

"Wer sich einfach nur über irgendetwas ärgert, kann Sport machen", erklärte Beckedahl. Blogger wie ihn treibe aber ein "Streben nach Gerechtigkeit" an. Außerdem mache es "Spaß, einen Politiker zu jagen". Seiner Meinung nach wird die Bloggerszene in Deutschland dennoch weitgehend negativ wahrgenommen. Und das, obwohl sie sogar schon ein Staatsoberhaupt zu Fall gebracht habe, wie er am Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler zeigt. Dieser hatte am Samstag vor Pfingsten 2010 ein Interview im Deutschlandfunk gegeben, in dem er erklärte, im Notfall sei auch "militärischer Einsatz notwendig (….), um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege". Aufgegriffen wurden die streitbaren Passagen aber zunächst nur von Bloggern. Erst in der Woche nach dem Interview sprang die Presse auf, montags folgte der Rücktritt Köhlers.

Blogger in Russland: "Wir haben Angst"

Zu dem Rücktritt eines hochrangigen Politikers hat die Arbeit Oleg Kaschins bisher nicht geführt. Doch der Russe gilt als unbequemer Journalist. Vor einem Jahr spürte er das am eigenen Leib. Unbekannte griffen ihn vor seiner Haustür an, er wurde lebensgefährlich verletzt. In Berlin erinnerte er daran, dass es auch in Russland einen Plagiats-Fall gegeben hat. Der US-Ökonom Clifford Gaddy entdeckte 2006, dass Wladimir Putin bei seiner Doktorarbeit von 1996 zentrale Passagen aus einem amerikanischen Lehrbuch abgeschrieben hatte. "Im Grunde hätte das ein größerer politischer Skandal werden müssen, wurde es aber nicht", erinnert sich Kaschin. Der Staat überwache und beeinflusse schon jetzt die Blogger, sagte er und prognostizierte, in einem Jahr werde die Szene möglicherweise ebenso beeinflusst wie das russische Fernsehen. "Wir haben Angst", sagte Terekhov, der als Jurist für die spendenfinanzierte Anti-Korruptionsplattform "Rospil" arbeitet. Schon jetzt wüssten die nicht-anonymen Mitarbeiter, dass ihre private Post durchsucht werde und es gebe auch Anzeichen dafür, dass E-Mail-Konten gehackt würden. Dennoch ließen sich die Aktivisten nicht von ihrem Unbehagen lähmen.

Heidingsfelder findet es "unvorstellbar", dass sich beim Putin-Plagiat "keine Menschen gefunden haben, um das aufzudecken" und erklärte die Arbeit an diesem Fall kurzerhand zu seinem persönlichen Ziel. Und noch einen Traum hat der "VroniPlag"-Gründer. Eines Tages, so sagte er, würde er gerne auch "mal bei Papst Benedikt nachschauen", ob in dessen wissenschaftlichen Arbeiten alles sauber sei. (pro)

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