„Das Leder auf den Herzen durchdringen“ – 20 Jahre im Dienst für die Ärmsten

Vom Gartentisch zum 20-Millionen-Hilfswerk: Nach 20 Jahren an der Spitze von „Compassion“ zieht Steve Volke Bilanz über Berufung, Wachstum, Rückschläge und die Frage, wie man Armut zeigt, ohne die Würde der Betroffenen zu verletzen.
Von Norbert Schäfer
Steve Volke

Als Steve Volke 2006 zum ersten Mal von „Compassion“ hörte, reagierte er ablehnend. „Ich halte da gar nichts von, ihr könnt bleiben, wo ihr seid“, sagte er dem „Compassion“-Mitarbeiter Tony Neeves, der ihn für eine Bürogründung in Deutschland gewinnen wollte. Eine Stunde später hatte sich das Bild gewandelt: „Ich glaube sogar, dass wir in Deutschland ‚Compassion‘ brauchen.“ Nach 20 Jahren als CEO verlässt Volke das Kinderhilfswerk zum Jahresende – Zeit für eine Bilanz.

Vom Gartentisch zum 20-Millionen-Werk

Die Anfänge waren denkbar bescheiden: „Wir haben uns anfangs die Gartenmöbel von zu Hause mitgebracht“, erinnert sich Volke. Zwei Teilzeitkräfte, ein Vollzeitangestellter, ein geliehener Schreibtisch – so begann eine Entwicklung, die heute beeindruckende Zahlen liefert: „Compassion hat gerade das Geschäftsjahr beendet mit mehr als 20 Millionen Spenden und 35.000 Partnerschaften. Das ist ein Knaller.“

Zwei Entscheidungen aus der Gründungszeit hätten das Wachstum entscheidend geprägt, sagt Volke: die bewusste Überkonfessionalität und die Offenheit für alle Gemeindeformen. „Wir sind nicht exklusiv, sondern wir laden alle, die möchten, ein, dabei zu sein.“

Geprägt durch die Verlegerzeit

Bevor Volke zu „Compassion“ kam, hatte er bereits eine verlegerische Laufbahn hinter sich. Acht Jahre lang leitete er den Brendow-Verlag, danach kurz die Bereichsgeschäftsführung Buch bei SCM, ehe er sich mit einer eigenen PR- und Beratungsagentur selbstständig machte. Bei Brendow betreute er renommierte Autoren wie Adrian Plass.

Gerade aus den Rückschlägen dieser Zeit zieht Volke rückblickend eine Lehre, die ihn bei „Compassion“ begleitet hat: „Ich glaube, ich habe in meiner Verlegerzeit mehr Flops produziert als bei ‚Compassion‘. Träume und gute Inhalte allein verkaufen keine Bücher. Es muss ganz viel dazukommen, dass etwas erfolgreich wird.“ Diese Erfahrung übertrug er später auf das Hilfswerk: Erfolg entstehe nie durch eine einzelne gute Idee, sondern durch das Zusammenspiel vieler – Spender und Paten, Mitarbeiter, ehrenamtlicher Advokaten, Botschafter und mittragender Gemeinden.

Eine Berufung, die nicht verhandelbar war

Den entscheidenden Schritt – von der eigenen, gut laufenden PR-Agentur zum „Compassion“-Geschäftsführer – wollte Volke zunächst gar nicht gehen: „Meine Antwort war rasch und sehr klar und die hieß: Nein, will ich nicht.“ Was ihn umstimmte, beschreibt er als unmittelbares geistliches Erlebnis. Nach einer Predigt über den Präses einer russischen Freikirche, der sein Amt für den Gemeindeaufbau in einem sowjetischen Hochhaus aufgab, folgten an einem einzigen Vormittag drei unabhängige Anrufe aus England, Stuttgart und Marburg – alle mit derselben Botschaft: „Bei dir gibt es Veränderungen und ich soll dir sagen, du sollst das tun“. Am selben Tag berichtete auch seine Frau von einem ähnlichen Anruf. „Das war die Berufung“, sagt Volke rückblickend – und fügt hinzu, er habe sich selbst „überhaupt nicht fähig“ gefühlt, ein Kinderhilfswerk zu führen.

Die Arbeit bei „Compassion“ veränderte auch sein theologisches Verständnis grundlegend. Zuvor sei er, geprägt durch Jahre im Presse-Team von „ProChrist“, vor allem evangelistisch unterwegs gewesen: Wenn Jesus vom „Brot des Lebens“ sprach, habe er das rein übertragen verstanden – als Bild für die Verkündigung des Evangeliums. „Aber dass Jesus tatsächlich sagt, ich bin das Brot des Lebens und meint dann auch Brot […] das war neu für mich. Das habe ich gelernt durch ‚Compassion‘. Und jetzt ist beides ineinander, es gehört beides zusammen.“

Diese Wende sieht er auch historisch verortet: In den 1970er-Jahren sei die Evangelische Allianz sozial engagierter gewesen als später. Prägende Figuren wie Ron Sider, Tony Campolo oder Jim Wallis hätten christliches Engagement und gesellschaftliche Verantwortung zusammengedacht – „obwohl in den 60er, 70er Jahren die Linken noch wirklich links waren, sodass Sider, Wallis und Campolo dort gar nicht als links galten“. Soziales Engagement habe bei „ganz Frommen“ dennoch oft unter Verdacht gestanden. Volke verweist auf mehr als 3.000 Bibelstellen zu Gerechtigkeit und Armut – deutlich mehr als zu Themen wie Gebet oder Lobpreis.

Not zeigen, aber Würde wahren

Ein zentrales Spannungsfeld seiner Arbeit beschreibt Volke als ständige Gratwanderung zwischen dem Zeigen echter Not und dem Respekt vor der Würde der Betroffenen. „Wir können nur helfen, indem wir manchmal die Brutalität von Armut deutlich machen. Das kannst du nur mit Bildern machen. Sonst ist das Leder auf dem Herzen nicht durchdringbar.“ Zugleich dürfe man nicht nur lachende Kinder zeigen, weil dann der Eindruck entstehe, es gebe keine Not – „und das ist ganz, ganz fatal“.

Ein Beispiel aus der eigenen Praxis: Ein Compassion-Prospekt zeigte auf der Vorderseite ein lächelndes Kind, im Hintergrund jedoch – unbemerkt – ein Kind mit laufender Nase, das auf der Rückseite erschien. Eine kenianische Mitarbeiterin machte Volke darauf aufmerksam: „Würdest du gerne eins deiner Kinder so auf einem Prospekt sehen?“ Der Prospekt wurde zurückgezogen und neu produziert. Für Volke gilt: „Du musst das Elend zeigen, aber du darfst es nicht zur Schau stellen. Das ist diese unglaubliche Balance. Menschen, die in einem Slum leben, haben die gleiche Würde wie jeder andere Mensch. Sie sind Geschöpfe Gottes.“

Nicht jede Spende ist willkommen

Auch beim Thema Fundraising sieht Volke ethische Grenzen. „Compassion“ habe für den neu aufgebauten Bereich Großspenden eigens eine „Ethik des Spendens“ formuliert: „Wenn jetzt irgendein Rüstungskonzern käme und für uns spenden würde, nur damit die Verantwortlichen ein gutes Gewissen haben, würden wir uns sehr genau überlegen, ob wir das Geld annehmen würden.“ Gleichzeitig räumt er ein, dass die Herkunft von Geld oft nicht nachprüfbar ist – etwa im Fall eines anonymen Briefumschlags mit 10.500 Euro in bar, der kurz nach der Gründung in seinem Briefkasten lag. Seine Haltung dazu: „Meine Verantwortung ist, in welche Bereiche gehe ich, um nach Geld zu fragen, und in welche nicht.“ Die Spendenethik sei daher „eher eine Ethik des Verzichts als des Ablehnens“.

Politik, Nothilfe und ein bleibender Eindruck

Auf die Frage nach den Folgen aktueller US-Politik für die Entwicklungshilfe wird Volke deutlich: Die abrupte Einstellung der USAID-Hilfen habe etwa in Äthiopien dazu geführt, dass vorübergehend ein Lager mit Aids-Medikamenten für Jugendliche geschlossen wurde.

Als eindrücklichstes Erlebnis seiner Amtszeit nennt Volke einen Besuch in einem somalischen Flüchtlingslager bei Addis Abeba im vergangenen November, wo eine Mutter ihm erzählte, wie ihre beiden Kleinkinder während ihrer Essenssuche verhungerten. Eine spontane „Compassion“-Spende habe dem Lager dann aber über die Trockenzeit geholfen – und einer dort tätigen Gemeinde staatliche Anerkennung eingebracht. „Geld rettet Leben. Und die lokale Kirche hat dadurch eine ganz andere Akzeptanz bekommen.“

Doch nicht alles gelang. Eine teure Anzeigenkampagne in einer kirchlichen Zeitschrift mit einer Auflage von einer Million brachte gerade einmal zwei neue Patenschaften: „Das war einfach komplett Geld in den Sand gesetzt.“ Auch der Versuch, 2015 die Zahl der Patenschaften zu verdoppeln, scheiterte. Volkes Fazit aus solchen Rückschlägen: „Ich bin ein Freund von kalkuliertem Risiko“ – man müsse vorab wissen, was im schlimmsten Fall verloren gehen könne, und bereit sein, dieses Risiko zu tragen.

Abschied ohne Wehmut

Volke verlässt „Compassion“ nach eigenen Worten nicht erschöpft, sondern aus Überzeugung: „Ich gehe nicht frustriert, ich gehe gesegnet und freudig.“ Sein Verständnis von Berufung erlaubt ihm den Abschied: „Ich bin berufen, Jesus nachzufolgen, aber nicht, in einer Aufgabe zu bleiben, bis ich sterbe.“ Sein Nachfolger wird der langjährige Mitarbeiter Daniel Dieckmann. Was danach kommt, weiß Volke noch nicht – nur, dass etwas kommen wird: „‚Compassion‘ ist in mein Leben vom Himmel gefallen. Und dasselbe, glaube ich, passiert jetzt noch einmal.“

„Compassion“ ist ein christliches Kinderhilfswerk, das sich seit mehr als 70 Jahren – gegründet 1952 durch den amerikanischen Evangelisten Everett Swanson – weltweit dafür einsetzt, Kinder und ihre Familien aus extremer Armut zu befreien. Der deutsche Zweig mit Sitz in Marburg ist eines von zwölf Partnerländern von „Compassion“ International und arbeitet in 29 Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas mit mehr als 8.600 lokalen Partnerkirchen zusammen, die die Lebensbedingungen vor Ort am besten kennen. Über Patenschaften werden Kinder ganzheitlich – physisch, emotional, sozial und geistlich – gefördert; das erklärte Ziel lautet „Kinder aus Armut befreien – im Namen Jesu“.

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