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Das Leben im Sterben

In ihrem neuen Buch „Das letzte Tabu“ gehen Annelie Keil und Henning Scherf mit einem Gesprächstabu unserer Gesellschaft ins Gericht: dem Sterben. Mit lebensnahen, teils traurigen Beispielen erklären sie, warum es wichtig ist, über dieses Thema zu sprechen. Eine Rezension von Marena Ruppert
Von PRO
Der ehemalige Ministerpräsident von Bremen, Henning Scherf (SPD), hat bereits zahlreiche Bücher zu gesellschaftlichen Themen veröffentlicht
Der ehemalige Ministerpräsident von Bremen, Henning Scherf (SPD), hat bereits zahlreiche Bücher zu gesellschaftlichen Themen veröffentlicht
Der Tod und das Sterben sind Themen, die unsere Gesellschaft nicht gerne thematisiert. Aber der Tod lässt sich nicht einfach boykottieren, er ist da und er bleibt – gerade in einer Gesellschaft, in der sehr viele alte und weniger junge Menschen leben. Wenn Menschen plötzlich mit dem Tod konfrontiert werden, wissen manche nicht, wie sie damit umgehen können. Fragen treten auf: An wen wende ich mich? Wie komme ich als Angehöriger mit meinem Schmerz klar? Und es entsteht Angst und Einsamkeit bei denjenigen, deren Leben plötzlich kurz vor dem Ende steht. Dem wirken die Soziologin Annelie Keil und der Jurist und ehemalige Oberbürgermeister Bremens Henning Scherf mit ihrem Buch „Das letzte Tabu“ entgegen. Keil schildert etwa ihre eigenen Erfahrungen als Kind mit Flucht und Tod. Ende des Zweiten Weltkrieges war sie als sechsjähriges Mädchen in einem Flüchtlingstross aus Polen gen Deutschland unterwegs, kämpfte ums Überleben. Sie wurde Zeuge, wie Menschen vor ihren Augen starben. Gesprochen wurde darüber nicht. Dabei hätte sie gerade das gebraucht, erklärt sie. Scherf widmet sich ebenfalls der Auswirkung des „Schweigens über den Tod“ auf Kinder. Er erklärt: „Kinder brauchen Klarheit über das, was passiert ist, um sich ein Bild zu machen, das der Realität entspricht. Und manchmal phantasieren sie sich eine Welt herbei, in der ihre Liebsten hinübergegangen sind, um mit ihnen zu singen oder zu sprechen.“ Auch Beispiele aus Kinderhospitzen schildern die Autoren, wenn Kinder über ihre Krankheit reden wollen und wissen, dass sie sterben müssen, ihre Eltern aber darüber schweigen. Dies bedrücke und beschäftige die Kinder.

Ein offenes Ohr oder Botox?

Den Autoren geht es zudem um den Umgang mit sterbenden Menschen. Sie betonen: „Sterbende wollen mit der Welt verbunden bleiben“, sie brauchen die Hilfe, Liebe und Aufmerksamkeit anderer Menschen, um mit so einer Situation klarzukommen. Viele Sterbende haben das Bedürfnis, mit Fehlern abzuschließen, tief vergrabene Erfahrungen loszuwerden, erklären die Autoren. Zudem ist das Leben auch im Tod noch nicht vorbei. Es gibt noch einmal die Chance, alte Konflikte zu beseitigen. Menschen können auch in ihren letzten Tagen für sie persönlich noch sehr wertvolle Erfahrungen sammeln. Noch etwas Schönes erleben, ein wenig gemeinsame Zeit mit Familie verbringen. Dinge die sonst klein und unwichtig sind, bedeuten plötzlich sehr viel. Scherf erzählt von einem Erlebnis, das er als prägend empfand. Als 17-Jähriger musste er während eines Ferienjobs in der Pflege eine Nacht an der Seite eines im Sterben liegenden Anwalts wachen. Der Mann erzählte ihm in dieser Nacht sein ganzes Leben, bevor er am Morgen starb. Er brauchte ein offenes Ohr, jemanden, der nur da ist und zuhört, erläutert Scherf. Auch würden die Menschen bis zum Schluss noch mit der Welt verbunden bleiben wollen. Bildlich beschreibt er: „Sie wünschen sich, nicht allein zu gehen, eine Hand zu spüren, die Halt auch dann bietet, wenn sie zittert.“ Vor allem Vertrauen sei wichtig. Problematisch ist laut den beiden Autoren besonders die heutige Mentalität. Es herrscht eine Orientierung auf Leistung eines Menschen vor. Dadurch fühlen sich alte Menschen wertlos, wenn sie keinen wirtschaftlichen Nutzen erbringen können und von anderen abhängig werden. Aber: „Mensch sein heißt, auf Hilfe angewiesen zu sein“ und „abhängiger zu werden“, sagt Scherf. Er kritisiert eine Gesellschaft, in der alle ewig jung und gesund bleiben wollen, und in der Menschen so lange wie möglich als Konsumenten verfügbar sein sollen. „Letztlich hilft mir kein Botox, letztlich helfen mir nur helfende Hände“ quittiert Scherf dieses Verhalten nach dem Besuch einer Seniorenmesse. Durch viele Beispiele, Geschichten aus dem Leben unterschiedlicher Menschen, belegen die Autoren ihre Aussagen einleuchtend. Das macht das Buch glaubwürdig und es entsteht beim Leser eine Nähe zu einem Thema, dem er vielleicht vorher eher mit Distanz begegnet sein mag. Die Botschaft in dem Buch, das nicht aus einer explizit christlichen Sicht verfasst wurde, ist klar: Sterben ist ein Teil unserer Gesellschaft und gehört zum Leben. Die Gesellschaft muss darüber reden und offen sein, mehr im Miteinander zu leben. Dass in diesem Zusammenhang nicht auf die christliche Hoffnung der Auferstehung verwiesen wird, ist schade. Der Fokus liegt teils zu sehr auf den Sterbenden. Es hätte mehr Augenmerk auf der unmittelbaren Relevanz des Todes für die Gesellschaft im Ganzen und jedes ihrer Mitglieder im Einzelnen sein dürfen. Dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert. (pro)

Annelie Keil und Henning Scherf: „Das letzte Tabu: Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen“, Herder-Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro. ISBN 3451349264

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