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Das Feld nicht den „Rattenfängern“ überlassen

Noch immer bestimmen die Terroranschläge von Paris die Medienagenda. Welche Rolle die Gewalt im Islam dabei spielt und wer sich bei wem entschuldigen muss, ist das Thema etlicher Zeitungsberichte. Die Autoren kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Von PRO
Wie bestimmte Aussagen des Koran zu interpretieren sind und was dies für Auswirkungen auf die Terroranschläge in Paris hat, diskutieren zurzeit viele Wissenschaftler
Wie bestimmte Aussagen des Koran zu interpretieren sind und was dies für Auswirkungen auf die Terroranschläge in Paris hat, diskutieren zurzeit viele Wissenschaftler
Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar sieht einen Grund für die Radikalisierung in einem Gefühl der Ohnmacht in den internationalen politischen Beziehungen. Viele religiöse Muslime beriefen sich auf „problematische Textstellen in den Primärquellen“, um im Namen des Islams Gewaltakte zu verüben, erklärt Ucar im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ucar selbst möchte diese Stellen im historischen Kontext werten. Mohammed habe erst Frieden gepredigt. Die Muslime hätten später zu den Waffen gegriffen, um sich gegen Feinde zu verteidigen und Präventivkriege zu führen. Die für diese Zeit nicht ungewöhnlichen Kriege hätten sich auf die Koranverse niedergeschlagen. „Wir können diese Verse nicht wegradieren“, erklärt Ucar. Zugleich könne man sie auch nicht überzeitlich erklären, sondern müsse in der Auslegung die damaligen Rahmenbedingungen beachten.

90 Prozent halten Demokratie für die beste Staatsform

Wenn die kritischen Themen und Koranstellen nicht wissenschaftlich bearbeitet würden, „würden wir das Feld den Extremisten, den Rattenfängern überlassen“, betont Ucar. Die Auseinandersetzung damit sei notwendig, auch um sich glaubwürdig von Terroristen zu distanzieren. Wenn Mohammed den Kämpfern damals Jungfrauen im Paradies versprochen hat, habe er sie „in schwierigen kriegerischen Auseinandersetzungen zu übermenschlichen Taten“ angespornt und menschliche Neigungen bedient. Viele sogenannte islamische Staaten setzten gar keine islamischen Werte um. Die Freiheiten in den demokratischen Staaten führten dazu, dass 90 Prozent der hochreligiösen Muslime in Deutschland die Demokratie für die beste Staatsform hielten. Auch im akademischen Umfeld gebe es keinen einheitlichen Block, sondern eine große Meinungsvielfalt und viel Selbstkritik. „Wir werden aber auch eingeschüchtert: einerseits von Salafisten, andererseits von Islamhassern in der Gesellschaft“, bilanziert Ucar.

Mit Wort und Waffen

Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi begründet in der Süddeutschen Zeitung, warum das ungelöste Problem der Gewalt im frühen Islam in die Gegenwart hineinwirkt. Zu behaupten, dass die Extremisten keine Muslime seien, hält er für naiv. Vielen dienten Koranpassagen und das Handeln des Propheten Mohammed als Vorbild: „Selbstverständlich sind auch soziale, wirtschaftliche, politische und psychologische Ursachen für die heutige Gewalt im Islam essenziell.“ Viele blendeten aber auch die Gewalt zu Lebzeiten des Propheten bewusst aus. Ab dem Jahr 624 habe der Prophet Mohammed in Medina die Macht des Wortes und die Gewalt des Schwertes vereint: „Unterstützt durch autoritative Koranstellen ging er militärisch gegen seine Widersacher vor.“ Gewalt ziehe sich durch die ganze Frühgeschichte des Islam inklusive der geläufigen Praxis der Blutrache. Die Erinnerung daran könne die Grundlage „für einen Prozess kritisch-reflektierender Aufklärung“ werden: „In einem modernen Islam wird nicht die Gewalt des einen Gottes gesucht, sondern ein Gott, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde zu garantieren vermag“, schreibt Ourghi in der Tageszeitung. Der Produzent und Regisseur Ali Hakim warnt dagegen davor, alle Moslems unter Generalverdacht zu stellen. Der radikale Islamismus, der für die Attentate in Paris verantwortlich sei, habe mit seinem eigenen Islam nichts zu tun, obwohl beide dasselbe religiöse Fundament hätten. Hakim habe sich intensiv mit dem Islam und dem islamistischen Terrorismus beschäftigt und „alle wichtigen Bücher“ gelesen, darunter auch Biografien von Attentätern. Viele der radikalen Islamisten seien gescheiterte Existenzen aus Krisenländern oder hätten gestörte Familienverhältnisse.

„Ein paar Vollidioten“

Zudem hafte dem Islam in der westlichen Welt eine äußerst negative Konnotation an. Die größte Gefahr für die Religionsgemeinschaft selbst stelle heute der islamistische Terror dar, der den Islam spalte. „Ich oder alle anderen Muslime müssen sich nicht dafür entschuldigen, dass ein paar Vollidioten die Welt in Angst und Schrecken versetzen“, schreibt Hakim in dem Essay der Tageszeitung Welt. Es hätten ja nicht 1,6 Milliarden bewaffnete Muslime die Redaktion von Charlie Hebdo gestürmt. Er entschuldige sich aus Menschlichkeit bei den Opfern und nicht, weil es gefordert werde: „Weil wir zeigen möchten, dass wir Muslime uns für die Demokratie aussprechen, weil wir Seite an Seite mit Christen, Juden, Atheisten, Hindus und Sikhs leben möchten. Weil wir die Meinungs- und Pressefreiheit wertschätzen.“ Außerdem kritisiert Hakim, dass junge Muslime sich von „Möchtegern-Gelehrten“ wie Pierre Vogel oder Sven Lau ausbilden ließen. Hier seien „richtige“ muslimische Gelehrte gefragt, die dem entgegentreten und besser organisiert sein müssten als die Terroristen. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/muslime-demonstrieren-fuer-pressefreiheit-90749/
https://www.pro-medienmagazin.de/journalismus/detailansicht/aktuell/is-doku-infoporno-oder-aufklaerung-90746/
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