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Darum stützen so viele US-Evangelikale Donald Trump

HR-Info sendet am Samstag einen hörenswerten Beitrag über US-Evangelikale und deren Beziehungen in die Politik. Der Titel „Fromme Scharfmacher“ wird der Sendung nicht gerecht. Eine Rezension von Nicolai Franz
Von PRO
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Nach der Nominierung von Neil M. Gorsuch zum Richter am Supreme Court wird im Green Room des Weißen Hauses gebetet

Foto: White House

Nach der Nominierung von Neil M. Gorsuch zum Richter am Supreme Court wird im Green Room des Weißen Hauses gebetet

Es ist paradox: Einerseits sind Evangelikale für ihre wertkonservativen Ansichten zur Sexualethik bekannt. Ehe und lebenslange Treue stehen hoch im Kurs, ausschweifende Eskapaden sind verpönt. Und trotzdem wählten 2016 80 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA einen Mann, dessen Lebenswandel dem evangelikalen Ideal diametral entgegen steht: Donald Trump, dreifach geschieden, in die Kritik geraten wegen abfälliger Äußerungen über Frauen und einer angeblichen Affäre mit einem Pornostar, die auch noch Schweigegeld erhalten habe.

Diesem Widerspruch versucht eine neue Folge des Funkkollegs „Religion. Macht. Politik.” von HR-Info auf den Grund zu gehen. Die Sendung mit dem reißerischen Titel „Fromme Scharfmacher: die US-Evangelikalen und die Politik“ entpuppt sich nach 25 informativen Minuten als Beitrag, der Zwischentöne zulässt – und trotzdem mit berechtigter Kritik nicht spart.

Evangelikal bedeutet nicht fundamentalistisch

Die USA gälten als das religiöseste Land der westlichen Welt, setzt der Radio-Beitrag voraus – und ist damit nicht ganz korrekt. Zwar glauben tatsächlich neun von zehn Amerikanern an Gott oder eine höhere Macht. Aber auch in Europa gibt es Länder, die es mit der Religiosität der USA aufnehmen können. In Irland sind etwa 90 Prozent entweder katholischen, anglikanischen oder muslimischen Glaubens, in Italien sind es ebenfalls neun von zehn Menschen, die an einen Gott oder eine höhere Macht glauben.

Unbestritten ist jedoch, dass gerade die Evangelikalen, laut HR-Info etwa 20 Prozent der US-Bevölkerung, einen nicht geringen Einfluss auf die Politik haben. „Die USA trennen Staat und Kirche, aber nicht Religion und Politik“, fasst es Michael Hochgeschwender zusammen, Nordamerika-Experte von der Universität München. Der Wissenschaftler liefert auch gleich eine einfache, aber zutreffende Beschreibung davon, was „Evangelikale“ überhaupt sind: „Evangelikal sind erst einmal protestantische Christen, meist calvinistischer Herkunft, die zum einen einen besonderen Bezug zur Bibel als dem Wort Gottes haben.“ Sie legten die Bibel nicht unbedingt wörtlich aus. Das seien nur die Fundamentalisten. „Und nicht jeder Evangelikale ist Fundamentalist.“ Zum anderen sei ihnen „ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus als ihrem Erlöser“ wichtig.

„Zweckbündnis“ mit dem US-Präsidenten

Zwar seien die meisten Evangelikalen eher im rechtskonservativen Spektrum anzusiedeln, aber es gebe auch einen beachtlichen Anteil progressiver und linksevangelikaler Kräfte. Diese setzten sich eher bei den Demokraten als bei den Republikanern für soziale Gerechtigkeit ein. Der vergangenes Jahr verstorbene Evangelist Billy Graham habe sich parteipolitisch nicht vereinnahmen lassen und habe zwölf Präsidenten als Berater gedient. Benannt werden aber auch radikale Prediger wie John Hagee, der erreicht habe, dass die israelische US-Botschaft nach Jerusalem verlegt worden sei.

Trumps Lebenswandel widerspreche zwar den Vorstellungen der Evangelikalen fundamental, sagt der Politikwissenschaftler Klaus Stüwe von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in dem Beitrag. Sie hätten sich aber in einem „Zweckbündnis“ mit ihm zusammen getan, weil er ihre Kernanliegen unterstütze. Genannt werden die kritische Haltung zu Abtreibung und der Ehe für Homosexuelle, die Unterstützung Israels, Religionsfreiheit und eine restriktive Haltung zu Stammzellenforschung.

Es regt sich frommer Unmut gegen Trump

Nordamerika-Experte Hochgeschwender hält diese Allianz mit Trump für einen Fehler: „Es ist ein Zeichen der Schwäche der Evangelikalen im Moment, dass sie seit George W. Bush keinen richtigen Kandidaten mehr hervorgebracht haben.“

Es rege sich Unmut gegen Trump, nicht nur unter evangelikalen Studenten in Princeton, sondern auch darüber hinaus, heißt es weiter. Zwar würden konservativ-evangelikale Werte durchgesetzt, aber „nur mit Hilfe eines Mannes, der den Grundfesten dieser Werte widerspricht“. Der Beitrag endet mit einer Frage, die sich viele US-Evangelikale wohl stellen könnten: „Ist der Deal mit diesem Präsidenten möglicherweise ein schlechter Deal?“

„Fromme Scharfmacher“ ist eine hörenswerte Sendung, die sich um Differenzierung bemüht, trotzdem natürlich nicht alles abdecken kann, weitgehend auf zu oft gehörte platte Etikettierungen verzichtet – und der eine andere Überschrift gut gestanden hätte. Sie greift mit der Frage, warum so viele US-Evangelikale Trump unterstützen, ein zentrales Thema auf, das später in Geschichtsbüchern besprochen werden wird. Und sie kommt zu einer wichtigen Erkenntnis: Der gegenwärtige amerikanische Präsident und die Evangelikalen sind keine natürlichen Verbündeten. Für die Unterstützung Trumps zahlen sie einen Preis.

„Fromme Scharfmacher: die US-Evangelikalen und die Politik“ ist eine Sendung im Rahmen des Funkkollegs von HR-Info. Sie wird am 23. Februar 2019 um 11.30 Uhr ausgestrahlt und ist schon jetzt als Podcast abrufbar.

Von: Nicolai Franz

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