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Comics machen Geschichte

Der Comic hält Einzug in den Schulunterricht – und zwar in Form der "Graphic Novel". Diese bebilderten Romane erzählen die Lebensgeschichten historischer Persönlichkeiten, berichten von Hiroshima, dem Mauerfall oder dem 11. September. Einer der bekanntesten Comiczeichner der Welt wagte sich sogar an eine Übertragung des Buchs Genesis.

Von PRO

Foto: Gütersloher Verlagshaus

Etwas mehr als zwei Jahre lebte Anne Frank im Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht – untergetaucht vor dem Regime Hitlers, das sich langsam in ganz Europa auszubreiten schien. Mit sieben andern Flüchtlingen teilte sie sich 65 Quadratmeter, einen kleinen Waschraum und eine Küche. Leser des Anne-Frank-Tagebuchs kennen die Räume, die junge Autorin hatte sie akribisch beschrieben. In der Graphic Novel "Das Leben von Anne Frank" können sie sie tatsächlich sehen. Mit erdrückender Klarheit führt der Comic vor Augen, wie wenig Raum den Verfolgten tatsächlich zur Verfügung stand. Die grafische Biografie, wie der Verlag Carlsen das Buch nennt, zeigt jeden einzelnen Raum des Hinterhauses in Bildern – das Schlafzimmer von Anne und ihrer Schwester, den Raum der Eltern oder den kleinen Dachboden, der später zum Treffpunkt von Anne und ihrer ersten und einzigen Liebe Peter werden sollte.

Dass Graphic Novels mehr sehen lassen, als herkömmliche Romane, dass sie Geschichte in Bildern lebendig werden lassen, mag einer der vielen Gründe dafür sein, das der gezeichnete Roman immer beliebter wird. Der Comic-Experte und Geschichtslehrer René Mounajed hält ihn sogar für unterrichtstauglich, wie er in einem Artikel des Magazins "Focus Schule" erklärt. Mehr als 70 historische Graphic Novels gebe es bereits, unter ihnen etwa Art Spiegelmans "Maus", die die Geschichte eines polnischen Juden erzählt, der den Holocaust überlebt. Oder "Barfuß durch Hiroshima", ein Comic, der den ersten Atombombenabwurf zum Thema hat. "Drüben!" versetzt den Leser in die Zeit vor dem Mauerfall zurück und zeigt die Flucht eines Ehepaares in den Westen Deutschlands. "Schon Fünftklässler können mit Geschichtscomics Erlerntes wiederholen, vertiefen und festigen", wirbt Mounajed dafür, Comics vermehrt im Unterricht einzusetzen.

Anne Frank und Dietrich Bonhoeffer in Bildern

So könnte es künftig auch mit "Das Leben von Anne Frank" geschehen. Auf 154 Seiten zeigen die Autoren Sid Jacobson und Ernie Colón die Kindheit der Jüdin, ihren Umzug ins Hinterhaus, ihre Festnahme und ihren Tod im KZ Bergen-Belsen. Vorlage für die Bildergeschichte war nicht nur das Tagebuch der Anne Frank, sondern auch Briefe, Dokumente und Fotos. Sogar bei Details wie der Kleidung der Familie oder der Möblierung des Verstecks haben sich die Autoren an historische Überlieferungen gehalten. Begriffe wie die "Nürnberger Gesetze" oder "Kristallnacht" werden in sogenannten "Schlaglichtern" erklärt, ebenso wie der Hergang der Weltwirtschaftskrise oder die Entstehung des Deutschen Reichs. Immer wieder zitieren die Autoren auch aus dem bekannten Tagebuch und zeichnen so das Bild, dass Anne Frank einst von sich selbst entwarf, nach. "Man könnte weinen, wenn man an seinen Nächsten denkt, man könnte eigentlich den ganzen Tag weinen", schrieb sie, nur um kurze Zeit später wieder voll Dankbarkeit auf ihr Leben zu blicken: "Gott hat uns beschützt…Wenn Gott mich am Leben lässt, werde ich in der Welt und für die Menschen arbeiten!"

Gott steht im Mittelpunkt einer weiteren Graphic Novel, die seit September beim Gütersloher Verlagshaus erhältlich ist. "Bonhoeffer" berichtet vom Leben des gleichnamigen deutschen Theologen, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Nazis getötet wurde, weil er seinem Glauben treu bleiben und sich nicht einer Kirche unterordnen wollte, die gemeinsame Sache mit Hitler macht. Er wurde Pfarrer der "Bekennenden Kirche" einer Gegenbewegung zu den "Deutschen Christen", die mit Hitler kooperierten. Die Graphic Novel zeigt Bonhoeffers Weg in den Widerstand, seine Glaubenskämpfe und seine Gefängniszeit: "Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reisst unsern Geist aus viel Tausend Nöten, schleust das Tor der Bittern Leiden und macht Bahn, da man kann gehen zu Himmelsfreuden", zitiert er hinter Gittern Paul Gerhardt-Lieder.

Im Vergleich zum Anne Frank-Comic dürfte "Bonhoeffer" eher für ältere Leser geeignet sein. Der Autor Moritz Stetter setzt Wissen zum Dritten Reich voraus und auch die teils altbacken wirkende Sprache des Theologen Bonhoeffer macht den Comic weniger eingängig. Die Zeichnungen erinnern an den japanischen Manga-Stil. Sie sind schwarz-weiß und grob gehalten, während "Das Leben von Anne Frank" bunt und detailgenau daherkommt. Dennoch nimmt diese Graphic Novel den Leser mit ins Leben des wohl berühmtesten Theologen der 40er Jahre und wartet mit künstlerischem Ideenreichtum auf, etwa wenn Hitler in einer Szene die Kirche samt Pfarrern, Kreuzen und Bibeln einatmet, um sie endgültig in der Naziideologie verschwinden zu lassen.

Genesis-Comic: "Aufsicht durch Erwachsene erforderlich"

Auch das Buch der Bücher selbst bleibt nicht unberührt vom Trend zur Graphic Novel. Vor einem Jahr brachte Robert Crumb, einer der berühmtesten Comiczeichner der Welt, seine Version der Schöpfung auf den Markt – eine originalgetreue Übertragung des Buchs Genesis. Der heute 66-Jährige wurde vor allem durch seine gewaltverherrlichenden, frauenverachtenden, manchmal sogar gotteslästerlichen Zeichnungen bekannt. Seine berühmteste Figur ist Fritz the Cat, ein arbeitsscheuer und drogensüchtiger Kater. Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" erklärte er: "Die Arbeit am Genesis-Projekt hat mich weder intellektuell noch spirituell verändert. Für mich ist die Bibel nicht das Wort Gottes oder ein heiliger, sondern eher ein mythischer Text, allerdings einer, der sehr bildmächtig ist. Mich haben vor allem diese Bilder interessiert." Die Bibel bezeichnet er als eigentlich lächerlichen Mythos und "ein Stück patriarchaler Propaganda".

Dennoch ist seine Genesis-Version auch für Christen eine bildgewaltige Abwechslung zum buchstäblichen Bibelstudium. Crumb zeigt Adam und Eva, Sodom und Gomorrha oder Esau und Jakob in beeindruckenden, wenn auch nicht unbedingt jugendfreien Bildern. "Aufsicht durch Erwachsene erforderlich", steht auf dem Buchdeckel der amerikanischen "Genesis"-Ausgabe. Er habe ja auch keinen Comic für Kinder machen wollen, sagte Crumb der Zeitung "The New Yorker". Für ihn ist die biblische Geschichte alles andere, als Stoff für Gutenachtgeschichten.

Wer also immer noch davon ausgeht, Comics seien ausschließlich für Kinderaugen gemacht, sei hiermit geläutert. Der Comic ist nicht mehr reine Unterhaltung und auch kein einfaches Kunstobjekt mehr. Mit der Graphic Novel ist er endgültig auch für die breite Masse salonfähig geworden – und sogar im Schulunterricht zu gebrauchen. (pro)

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