Christliche Jugendarbeit: 70 Prozent der Fachkräfte überlastet

Ein Großteil hauptamtlicher Mitarbeiter in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit ist überlastet und erschöpft. Das zeigt eine Studie. Gründe dafür sehen die Forscher bei Arbeitskultur und Strukturen der jeweiligen Einrichtungen.
Von Swanhild Brenneke
Jugendliche sitzen im Wald am Lagerfeuer mit Gitarre und singen

Die Mehrheit der hauptamtlichen Mitarbeiter in der christlichen Jugendarbeit fühlt sich überlastet. Das zeigt die Studie „Mental Health von Fachkräften christlicher Jugendarbeit“ des „Instituts für missionarische Jugendarbeit“ der CVJM-Hochschule. 70 Prozent der Fachkräfte fühlen sich demnach gelegentlich überlastet. Knapp ein Drittel musste sich wegen Überlastung bereits krankschreiben lassen. 62 Prozent der Hauptamtlichen arbeiten häufig über ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus. Nur vier Prozent gaben in der Befragung an, nie unter Überlastung zu leiden.

Laut der Studie sind auch psychosomatische Beschwerden ein Problem. 80 Prozent der Fachkräfte fühlen sich müde und erschöpft. 64 Prozent leiden nach eigener Aussage unter emotionaler Erschöpfung, 45 Prozent unter Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und Reizbarkeit. Laut den Forschern sind diese Werte deutlich höher als in anderen Berufsgruppen, auch im Bereich der Sozialarbeit.

Den Forschern fiel bei der Erstellung der Studie besonders auf, dass es zwar Möglichkeiten der Entlastung für die Mitarbeiter gibt, diese aber nicht ausreichend genutzt werden. Überstundenausgleich oder Gespräche mit den Vorgesetzten, um die individuelle Situation zu verbessern, existierten zwar offiziell. Die Forscher vermuten aber, dass Barrieren in der Arbeitskultur und Organisation der Einrichtungen die Mitarbeiter daran hindern, das auch in Anspruch zu nehmen.

Die Studie kritisiert außerdem, dass es Defizite in Ausbildung, Begleitung und Berufseinstieg gibt. Zudem wirke sich die Arbeitsbelastung bei vielen Fachkräften auch auf ihr Privatleben aus.

Mehrheit empfindet Job als sinnstiftend

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass christliche Kinder- und Jugendarbeit auch immer mit einer hohen emotionalen Beziehungsarbeit verbunden ist. Es gebe vielfältige Rollenerwartungen. Außerdem sei die berufliche Aufgabe der Mitarbeiter auch stark mit ihrer persönlichen Haltung verbunden. Das sei generell in vielen sozialen Berufen der Fall, was die Anforderung an die Fachkräfte verstärke.

Gleichzeitig zeigt die Studie auch: Viele Fachkräfte haben einen starken eigenen, inneren Antrieb für ihren Beruf. 87 Prozent erleben ihre Arbeit als sinnstiftend. 71 Prozent sehen ihre Tätigkeit als Berufung. Das helfe zwar, um die Anforderungen des Jobs zu bewältigen, reiche jedoch nicht aus, um die strukturellen Belastungen dauerhaft zu kompensieren.

Foto: CVJM-Hochschule
Die Studienautoren Sina Müller und Florian Karcher

„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Überlastung in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit kein Randphänomen ist, sondern strukturelle Ursachen hat“, erklärt Studienautorin Sina Müller. „Gleichzeitig wird sichtbar, dass gute Rahmenbedingungen, vorbereitende Ausbildung und wirksame Entlastungsstrukturen einen realen Unterschied für das Wohlbefinden der Fachkräfte machen können.“

Der Leiter des „Instituts für missionarische Jugendarbeit“, Florian Karcher, erklärt: „Die hohe intrinsische Motivation vieler Mitarbeitenden trägt das System derzeit stark mit.“ Langfristig reiche persönliche Hingabe allein jedoch nicht aus. „Nachhaltige Arbeitsfähigkeit erfordert verlässliche strukturelle Bedingungen und eine Kultur, in der Entlastung selbstverständlich ist.“

Vor dem Hintergrund, dass Hauptamtliche Kinder und Jugendliche in ihren herausfordernden Lebenssituationen begleiten sollen, müsse man die Ergebnisse der Studie ernst nehmen, sagen die Autoren. Vor allem, weil immer mehr Kinder und Jugendliche selbst von psychischen Belastungen betroffen seien. Fachkräfte sollten deshalb selbst ausgeglichen und mental gesund sein. „Das sind sie aber häufig nicht, wie die Studie zeigt“, sagen die Wissenschaftler.

Der Forschungsbericht des „Instituts für missionarische Jugendarbeit“ der CVJM-Hochschule wurde im Rahmen des Projekts „Zukunft der Jugendarbeit“ erstellt. Die Studie liefert erstmals eine umfassende empirische Analyse der mentalen Gesundheit hauptamtlicher Fachkräfte. 1.200 hauptamtliche Mitarbeiter wurden im Frühjahr 2025 online befragt. Die Fachkräfte arbeiteten mindestens 15 Wochenstunden in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit. 

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