Christen wollen Weg zu neuem Sudan mitgestalten

Bedroht von Krieg und Verfolgung setzen sich Christen im Sudan inmitten der größten humanitären Katastrophe für nachhaltigen Frieden ein. Das Ziel: Ein Land, in dem alle Menschen ihren Glauben frei leben können und die gleichen Rechte haben.
Von Jonathan Steinert
Eine Binnenvertriebene vor provisorischem Zelt im Sudan

Die weltweit größte humanitäre Katastrophe spielt sich derzeit im Sudan ab. Der Bürgerkrieg zwischen der Regierungsarmee des Militärchefs Abdel Fattah al-Burhan und der Miliz seines ehemaligen Stellvertreters und jetzigen Kontrahenten Mohammed Hamdan Daglo forderte in drei Jahren zehntausende zivile Todesopfer; es gibt Berichte von brutalen Massakern, sexueller Gewalt und ethnischen Säuberungen. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind zur Flucht gezwungen und leben in Flüchtlingslagern im Sudan und in Nachbarländern. Laut Vereinten Nationen sind rund 34 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, weil sie kein Obdach, keinen Zugang zu medizinischer Hilfe oder ausreichend Nahrung haben. Das sind rund zwei Drittel der Bevölkerung.

Mitte April trafen sich Vertreter von insgesamt 55 Staaten in Berlin, um über die Situation zu beraten und finanzielle Hilfe für die Menschen zu sichern. 1,5 Milliarden Euro sagten die Geberländer an Unterstützung für humanitäre Belange zu. Eingeladen zu dieser Konferenz waren auch Vertreter der sudanesischen Zivilgesellschaft. Einer von ihnen: Der Pastor Ibrahim Mohager Abdelaal Mohager.

Tage nach dem Besuch in Deutschland ist er im Telefonat mit PRO zuversichtlich gestimmt. „Ich habe Hoffnung“, sagt er. „Es gibt einen starken Willen von zivilen Gruppen und regionalen Akteuren, sich für Frieden einzusetzen.“ So geeint wie jetzt habe die Zivilgesellschaft bisher nicht zusammengestanden. „Hoch zufrieden“ sei er deshalb mit den Resultaten der Konferenz. Auch weil die Not seines Landes dadurch mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen habe.

Eines der Ergebnisse: eine gemeinsame Stellungnahme der sudanesischen Teilnehmer. Darin fordern sie ein Ende des Krieges und den Beginn eines politischen Prozesses, der die Einheit und Souveränität des Landes wiederherstellen soll – unter einer zivilen sudanesischen Führung.

Christen können etwas beitragen

Mohager ist es wichtig, dass Christen eine wahrnehmbare Stimme in diesem Prozess sind, der zu einem neuen Sudan führen soll. Obwohl oder gerade weil sie eine diskriminierte und unterdrückte Minderheit im Land sind. Christen vermieden es deshalb oft, für ihre eigenen Anliegen öffentlich einzutreten. Lieber hielten sie sich zurück und verhielten sich neutral. Er jedoch setzt sich mit seiner Organisation „Living Hope Ministry and Aid Service“ dafür ein, das die Kirchen mit an den Verhandlungstischen sitzen.

Wenn das Land in einer Krise ist, könnten Christen dazu beitragen, dass etwas Neues entsteht: ein säkularer Staat, in dem alle Menschen die gleichen Rechte haben und an der Gesellschaft teilhaben können, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion; einer, in dem jeder die Freiheit hat, seinen Glauben auszuüben; ein Staat, der keine Religion oder Ethnie bevorzugt, in dem Macht demokratisch legitimiert und geteilt ist und in dem zivile Gesetze gelten statt Militär und Diktatur. Nachhaltiger Frieden, ein neuer Gesellschaftsvertrag, das ist die Vision. „Selig sind diejenigen, die Frieden stiften“, zitiert er aus der Bergpredigt die Begründung für sein Engagement.

Dazu gehört es auch, christliche Leiter auszubilden – theologisch, kommunikativ und kulturell sensibel. Gerade letzteres sei in einem ethnisch heterogenen Land wie dem Sudan sehr wichtig. Dafür gebe es eine Kooperation mit der Universität in Kenias Hauptstadt Nairobi. Dort leben auch Mohagers Frau und seine Kinder. Er selbst ist vor allem im Sudan unterwegs, besucht Gemeinden, unterstützt Christen in Flüchtlingslagern. Er sei bekannt in der offiziellen wie auch in der Untergrundkirche, sagt er.

Ausgegrenzt und verfolgt

Christen machen rund fünf Prozent der Bevölkerung des Sudan aus. Drei Gruppen von Christen gebe es im Sudan, die unterschiedlich stark von Repressionen und Verfolgung betroffen seien, erklärt Mohager. Die koptische Kirche werde von Christen mit ursprünglich ägyptischen Hintergrund getragen und wachse. Sie sei ökonomisch stark und politisch anerkannt, weshalb sie weitestgehend unbehelligt bleibe. Katholische und die verschiedenen evangelischen Kirchen könnten grundsätzlich auch ihre Gottesdienste feiern. Jedoch seien sie politisch von Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen. Christen, die sich zu deren Gemeinden hielten, würden sozial ausgegrenzt, erlebten Anfeindungen und dürften nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Insbesondere Mission sei verboten.

Am schwersten hätten es frühere Muslime, die zum christlichen Glauben konvertierten. Sei seien Verstoßene – von Politik, Gesellschaft und Familie. „Sie werden komplett verleugnet“, sagt Mohager. Diese Christen träfen sich in geheimen Hauskirchen. Nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Omar al Baschir 2019 hätten sich alle Kirchen vorübergehend von Unterdrückung erholen können. Doch mit der zwei Jahre später eingesetzten Militärregierung seien auch islamische Regeln politisch wieder etabliert worden, was die Situation für Christen erneut verschärft habe.

Der Krieg der Generäle, der seit drei Jahren anhält, sei in erster Linie ein Machtkampf. Aber er habe religiöse Implikationen. Denn auch islamistische Kräfte versuchten in dem Zuge, ihre Macht im Sudan auszubauen. Die Organisation „Open Doors“ führt den Sudan auf Rang vier der Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden.

Vom Koranschüler zum Evangelisten

Als ehemaliger Muslim hat Mohager erlebt, was es bedeutet, von der Familie und der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Jahrelang besuchte er als Jugendlicher die Koranschule, um den Koran auswendig zu lernen. Dann träumte er eines Nachts, von einem Berg ins Bodenlose zu stürzen, erzählt er. In den darauffolgenden zwei Nächten hatte er den Traum erneut. Dann vernahm er eine Stimme, von der er wusste, dass es Jesus ist: „Übergib mir dein Leben und du wirst sicher sein.“ Und das tat er. Das war 2004.

Er habe sonst nichts weiter über den christlichen Glauben gewusst, Jesus nur aus dem Koran gekannt, wo er „Isa“ heißt und als wichtiger Prophet gilt. Bibeln waren in Mohagers Umfeld verboten. Weil er dreimal beim islamischen Gebet fehlte, wurde er zu seiner Familie zurückgeschickt – und die verstieß ihn.

Mohager berichtet davon, wie er auf seiner Flucht nach Süd-Darfur in einer katholischen Kirche seine erste Bibel bekam: ein grünes Büchlein mit dem Lukas-Evangelium. 2008 schloss er sich in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, einer internationalen, englischsprachigen, überkonfessionellen Kirche an, zu der hauptsächlich Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gehörten. Denn für Konvertiten sei es nicht erlaubt gewesen, sich einer heimischen Kirche anzuschließen.

Er wurde Evangelist und Pastor einer Baptistenkirche. Mehrmals wurde er verhaftet, musste ins Exil nach Ägypten, Uganda und Kenia. Dass Christen einmal gleichberechtigte Bürger eines neuen Sudan sind, das ist seine Hoffnung und der Antrieb seines Engagments.

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