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Christen und Juden erinnern an Holocaust

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes erinnerten Christen und Juden bei einem Festgottesdienst in Berlin an den Holocaust. Ein „Marsch des Lebens“ durch die Stadt setzte ein Zeichen gegen das Vergessen.
Von PRO
Der Initiator des „Marschs für das Leben“, Jobst Bittner (re. oben) hat zur Gedenkfeier 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch Holocaust-Überlebende eingeladen
Der Initiator des „Marschs für das Leben“, Jobst Bittner (re. oben) hat zur Gedenkfeier 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch Holocaust-Überlebende eingeladen
Es ist ein Abend des Feierns und der Freude – aber auch des Erinnerns an Gräueltaten: Beim Festgottesdienst am Samstagabend zum Berliner „Marsch des Lebens“ stehen Berichte von Holocaust-Überlebenden neben der Bitte um Vergebung von Nazi-Enkeln und dem Bekenntnis zum Volk Israel. Auf der Bühne treten Tänzerinnen und Tänzer auf, ein junger israelischer Musiker singt gemeinsam mit den rund 700 Gottesdienstbesuchern hebräische Loblieder. Anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes hat die Initiative an diesem Wochenende nach Berlin eingeladen, um mit verschiedenen Aktionen ein Zeichen der Freundschaft zu Israel zu setzen. Dazu gehören das Gedenken im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen wie auch am Sonntag ein „Marsch des Lebens“ in Berlins Mitte sowie ein Fest in der Jüdischen Gemeinde. Die Verbrechen der Nazizeit könnten nicht ungeschehen gemacht werden, aber „wir können Wege des Todes in Wege des Lebens verwandeln“, stellt Initiator Jobst Bittner den Grundgedanken der Veranstaltung vor. Es gehe darum, Verantwortung zu übernehmen für alle, die unter dem Holocaust gelitten hätten. 18 Überlebende sitzen mit im Saal. Yechiel Aleksander, ein polnischer Jude, Jahrgang 1927, erzählt seine Geschichte – zum Teil auf Deutsch. Er hat Auschwitz und zwei Todesmärsche überlebt. „Morgen mache ich meinen dritten Marsch“, sagt er mit Blick auf den in Berlin froh. Er hoffe, dass die „Märsche des Lebens“ Einfluss auf die Nationen in Europa ausübten. Gita Koifman ist Vorsitzende des Verbandes der KZ- und Ghettoüberlebenden in Israel. Vor vielen Jahren seien sie von der ganzen Welt vergessen gewesen, erinnert sie sich. Wenn nun die Märsche gegen das Vergessen stattfänden, sei das das höchste Niveau, was an Gedenken erreicht werden könne.

Christen sollen sich zu Israel bekennen

Drei Nachkommen von Nazi-Deutschen bekennen zum Teil unter Tränen die Schuld ihrer Großväter und bitten die Holocaust-Überlebenden um Vergebung. „Bis heute herrscht in meiner Familie darüber totales Schweigen“, so eine junge Frau. Sie habe die Geschichte ihrer Familie „zu Gott gebracht“ und persönliche Heilung erfahren. Yechiel Aleksander schließt sie danach in die Arme. „Wir dürfen nicht nachlassen, die ‚Decke des Schweigens‘ zu zerbrechen“, betont Jobst Bittner. Deutschland sei ein Land unverdienter Gnade, und das habe immer mit Erinnern und Buße zu tun. Für ihn sei Deutschland keine Führer-, sondern eine Dienernation und dürfe nie wieder „vorangehen“ wollen. Er sieht einen klaren Auftrag Gottes: „Wenn die Christen sich nicht öffentlich zu Israel bekennen, wird es die Finsternis in ihrer Art tun. Antisemiten und Rechtsextreme werden sich anschließend auch gegen Christen stellen.“ Auf die Bedeutung Berlins weist Axel Nehlsen hin, Geschäftsführer von „Gemeinsam für Berlin“, einer Initiative unterschiedlicher christlicher Kirchen und Gemeinschaften. Berlin sei eine „Hauptstadt des Bösen“ gewesen, doch Gott sei trotz allem gnädig gewesen. Lasst uns als Hauptstadt unserem Land dienen, so Nehlsens Aufruf. Die Spannung bleibe: Zum einen die Erinnerung wachzuhalten, zum anderen die Stadt fröhlich und unbeschwert aufzubauen. Wolfhard Margies, als Pastor der Berliner „Gemeinde auf dem Weg“ Gottesdienst-Gastgeber, sieht die Wiedervereinigung Deutschlands als eine gottgeschenkte Folge der jahrzehntelangen säkularen Buße des Landes. Am Schluss des Abends ruft Jobst Bittner auf, weiterhin an „Märschen des Lebens“ teilzunehmen.

Zeichen gegen Antisemitismus

Der Marsch in Berlin geht am Sonntag vom Anhalter Bahnhof bis zum Brandenburger Tor, entlang der Wilhelmstraße, vorbei also an vielen ehemaligen Stätten des Nazi-Wirkens. Er ist der Abschluss von über 40 Märschen des Lebens, die seit 2012 in Deutschland und Österreich stattgefunden haben. Ein „starkes Signal gegen Antisemitismus und Judenhass“, bezeichnete der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, diese im Vorfeld. Bundestagspräsident Norbert Lammert nannte die Bewegung in einem früheren Grußwort „wertvoll und wichtig“. Aus einer bescheidenen Gebetsaktion sei eine internationale Bewegung geworden, die Zeitzeugen und Nachgeborene einschließe. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller schreibt in seinem Grußwort, er wünsche, dass der Marsch in Berlin „ein über die Hauptstadt hinaus sichtbares Zeichen setzt gegen alten und neuen Antisemitismus“. Die Bewegung „Marsch des Lebens“ gibt es bereits seit 2007. Initiatoren sind Jobst und Charlotte Bittner von „TOS Dienste Tübingen“, einer Gruppe, die aus der Tübinger Offensiven Stadtmission, einer evangelischen Freikirche charismatischer Prägung, hervorgegangen ist. Seitdem haben nach Angaben der Initiative Märsche in 14 Nationen und über 300 Städten und Ortschaften stattgefunden. Sie orientieren sich zumeist an den Strecken der tatsächlichen Todesmärsche während des Naziregimes. Die Initiative arbeitet dabei mit Christen verschiedener Kirchen und jüdischen Gemeinschaften zusammen. Dennoch kommt aus den Reihen der Kirche auch Kritik. Dämonologische Geschichtsdeutung, so unter anderem der Vorwurf von Seiten der Evangelischen Kirche. Einige Wochen vor der Aktion in Berlin und während bereits stattfindender Versöhnungsmärsche hatte sich Initiator Bittner in einem offenen Brief dazu geäußert. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, sein Ziel seien keine Gedenkmärsche, sondern eine „geistliche Kampfführung“, mit der ganze Gebiete von dämonischen Mächten befreit werden sollten. Heilung geschehe nicht durch Gebetskampf um territoriale Mächte, betonte Bittner dagegen, sondern nur „mit der persönlichen Bereitschaft, sich zu beugen und Buße zu tun“. Dieser Brief habe zur Klärung beigetragen, meint der Pressesprecher der Initiative, Alexander Dappen. Aber wichtiger sei letztlich, dass sich die Evangelische und Katholische Kirche bei den vielen Märschen trotzdem beteiligt hätten. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/marsch-des-lebens-nach-dachau-90986/
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/die-fortsetzungsgeschichte-der-anne-frank-90454/
https://www.pro-medienmagazin.de/medien/internet/detailansicht/aktuell/juedische-blogger-fuerchten-antisemitismus-91979/
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