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Christen helfen Flüchtlingen gegen den „Lagerkoller“

Enge, Schmutz und gereizte Stimmung: In den überfüllten Erstaufnahmeeinrichtungen herrschen meist keine angenehmen Bedingungen für Flüchtlinge. Kirchengemeinden im hessischen Wetzlar bieten deshalb Flüchtlingscafés an. Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Helfer sind gemischt.
Von PRO
In den Willkommenscafés der Kirchen in Wetzlar bieten Ehrenamtliche Deutschkurse, materielle Hilfe oder einfach einen Rückzugsort an

Foto: Lothar Rühl

In den Willkommenscafés der Kirchen in Wetzlar bieten Ehrenamtliche Deutschkurse, materielle Hilfe oder einfach einen Rückzugsort an
Das offizielle Erstaufnahmelager in Wetzlar ist überfüllt. Niemand hatte mit einem so großen und langanhaltenden Zustrom an hilfesuchenden Menschen gerechnet. Ehrenamtliche vom Katastrophenschutz und dem Roten Kreuz haben deshalb ein zweites, provisorisches Camp errichtet und die tägliche Versorgung mit Nahrung organisiert – alles auf eigene Faust und ohne finanzielle Unterstützung des Landkreises. Ursprünglich hieß es, dass etwa 400 Menschen hinzukommen sollten, um vorübergehend für drei oder vier Tage zu bleiben. Aus 400 wurden schnell 700 Flüchtlinge, aus drei Tagen wurden sechs, acht, zehn Wochen. Die Flüchtlinge wissen auch heute nicht, ob sie morgen mit einem Bus abgeholt werden oder noch weitere Monate in den provisorischen Camps fristen müssen. Was für kurze Zeit noch verkraftbar schien, wird langsam unerträglich: Die Menschen haben keine Waschmaschinen, um ihre Kleidung zu waschen, keine Kleidung zum Wechseln, Hygieneartikel wie Zahnbürste, Duschgel und Seife, die sie am Anfang erhielten, sind aufgebraucht. Die viel zu wenigen Toiletten und Duschen sind verdreckt und kaum benutzbar, sagen die Flüchtlinge. Die Camps dürfen von Fremden nicht betreten werden. Durch Gespräche mit Flüchtlingen haben Mitarbeiter der Kirchen in Wetzlar dennoch von der schwierigen Situation in den Lagern erfahren und daraufhin beschlossen, etwas zu tun.

Mit kleinen Gesten Großes bewirken

Die Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, die Königsberger Diakonie, die Katholische Domgemeinde und die Freie Evangelische Gemeinde öffnen abwechselnd ihre Gemeindehäuser, um Flüchtlingscafés anzubieten. Den Flüchtlingen soll so ein Rückzugsort geboten werden, denn in den Camps ist es laut, die Zelte sind Tag und Nacht aus Sicherheitsgründen hell erleuchtet und die Luft ist schlecht. Das berichtet Pfarrer Björn Heymer vom Dombezirk der Evangelischen Kirchengemeinde bei einem Treffen im Domgemeindehaus. In den Cafés bieten Ehrenamtliche einfache Deutschkurse an, für die Kinder gibt es Spielgruppen, Helfer verteilen Kleider- und Sachspenden. „In den Camps sitzen die Flüchtlinge da und schieben Frust“, erklärt Heymer. „Die müssen raus aus dem Camp, damit sie keinen Lagerkoller kriegen.“ Die etwa 450 Menschen, die die täglich stattfindenden Flüchtlingscafés jede Woche besuchen, hätten großes Interesse daran, Deutsch zu lernen. Der Enthusiasmus auf Seiten der Helfer und Spender sei vor Allem am Anfang groß gewesen: „Wir wurden mit Spenden nur so überschüttet“, sagt Heymer. „Die Stimmung war toll. Es kamen auch viele Frauen und Kinder, die Flüchtlinge sind hier richtig aufgeblüht. In unserer Gemeinde haben wir ein Erwachen des Diakonischen erlebt. Die Hälfte der Freiwilligen habe ich zuvor nie in der Gemeinde gesehen.“ Jetzt gelte es, das Engagement der Freiwilligen aufrecht zu erhalten. Ein „Erfolgsrezept“ für gelingende Flüchtlingsarbeit hat Heymer nicht: „Es war alles improvisiert. Wir helfen einfach, weil Hilfe nötig ist. Und wir lernen auf dem Weg auch dazu.“ Zu Beginn habe man die Hilfsgüter etwa direkt vor den Camps verteilt. „Da haben aber nur die Stärksten abgesahnt. In den Camps gibt es auch Hierarchien. Die Frauen und Kinder haben sie überhaupt nicht vorgelassen.“ Bei den Mitfahrgelegenheiten zu den Cafés sei es ähnlich gewesen: die jungen Männer hätten sich vorgedrängelt. Jetzt haben die Ehrenamtlichen das so gelöst: „Nur Frauen und Kinder dürfen in die Autos. Für die ist der Weg zu weit, um zu laufen“. Auch die Cafés sind auf spezielle Zielgruppen ausgerichtet. Manche Cafés sind für Frauen und Kinder gedacht, an anderen Tagen gibt es auch Cafés nur für Männer oder nur für Familien. Eingehalten werden diese Regeln allerdings nicht, auch im Frauencafè ist mindestens die Hälfte der Besucher männlich. Frau Eulberg, eine ehrenamtliche Helferin im Domgemeindehaus, ist schon seit einem Monat dabei. Sie kommt aus christlicher Überzeugung: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt“, zitiert sie die Worte Jesu. Und „weil es einfach richtig ist“, wie sie sagt. Es motiviere sie, mit so kleinen Dingen wie Kleiderspenden oder einem persönlichen Gespräch Menschen wirklich helfen zu können. Nicht so schön findet sie die Gier mancher Besucher: „Manche Leute drängeln sich vor, reißen alles an sich, was sie kriegen können, und hinterlassen ein Chaos. Manche haben auch eine ganz schöne Anspruchshaltung. Die Hälfte der Flüchtlinge ist ja aus Balkanländern. Da spürt man dann schon einen inneren Widerstand, auch wenn die natürlich auch nicht aus schönen Umständen kommen.“

„Wir waren frei, aber nur im Kopf“

An einem herbstlich dekorierten und mit Kuchen bestückten Tisch sitzt eine ältere Frau mit Kopftuch. Sie erzählt etwas in einem Mix aus Syrisch und Englisch, außer den Worten „Syria“, „university“, „mechanics“ und „four children“ ist davon für die Flüchtlingshelfer wenig verständlich. Sie hat strahlende grüne Augen und offenbar überhaupt keine Vorbehalte gegenüber den Fremden. Am Tisch sitzt noch eine andere Frau mit Kopftuch und ein Mann mittleren Alters, mit denen aber aufgrund fehlender Englisch- und Deutschkenntnisse überhaupt kein Gespräch möglich ist. Sie wirken erschöpft und scheinen sich hier etwas auszuruhen. Daneben sitzt ein junges Paar, etwa Anfang bis Mitte Zwanzig. Sie stammen aus Syrien und sind seit einem Monat in Deutschland. Samir hat in Damaskus Bank- und Finanzwesen studiert, Alima war Kunst- und Anglistikstudentin. Auf der Flucht waren sie nur eine Woche, erzählt Samir. Vor drei Monaten haben sie geheiratet. „Wir haben Glück“, meint Alima „die meisten fliehen alleine.“ Samir erzählt, er sei in der Universität verhaftet worden, warum, weiß er selber nicht. Danach wurde er drei Monate ins Gefängnis gesperrt. Seinen Personalausweis bekam er nicht zurück. „Überall stehen Soldaten. Wenn du dich nicht ausweisen kannst, bekommst du Probleme“, sagt er. „Alle jungen Männer werden in die Armee eingezogen. Oder sie kämpfen bei den Rebellen mit. Es ist sinnlos, warum soll man sich gegenseitig abschlachten? Deshalb fliehen die Meisten, sie wollen nicht kämpfen und in einem sinnlosen Krieg sterben. Ich hoffe, dass ich hier an einer Universität meinen Abschluss nachholen kann.“ Samir wirkt positiv und ehrgeizig, beim Erzählen lacht er viel. Er beschwert sich aber auch über die Ungewissheit und die hygienischen Zustände in den Lagern: „Wir waren hier in Deutschland schon in vier Lagern. Wir wissen nicht, wie oft wir noch weitergeschickt werden und warum. Warum kann man die syrischen Flüchtlinge nicht anerkennen? Hier im Lager sind nur etwa 20 Prozent Syrer.“ Eine Flüchtlingshelferin am Tisch fragt Alima, ob sie am Freitag in die Moschee ginge. „Ich bin von der Küste“, sagt sie, „da sind die Leute liberaler.“ Sie sei auch schon mit christlichen Freundinnen in einem christlichen Gottesdienst gewesen, diese seien manchmal mit in die Moschee gekommen. „Jeder konnte glauben, was er wollte, bevor die Situation sich verändert hat. Danach waren wir immer noch frei, aber nur im Kopf. Nach außen hin mussten wir sehr aufpassen, was wir sagen.“ Was man wirklich denkt, sagt Alima, das hätte man nur den engsten Freunden anvertraut. „Zum Glück sind wir jetzt in einem freien Land. Ich kann offen sagen, was ich denke.“ Ihr Mann sei aus einem anderen Teil Syriens, da sei man konservativer, sagt sie. Die Beiden hätten deshalb oft unterschiedliche Meinungen. Er würde zum Beispiel nie bereit sein, eine Kirche besuchen. Das sei okay, die Beiden hätten unterschiedliche Vorstellungen, respektierten einander aber. „Ich denke, das Wichtigste ist nicht die Religion. Wichtig ist, wie ein Mensch im Inneren ist, ob er ein gutes Herz hat. Es gibt überall gute Menschen.“ (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/detailansicht/aktuell/gott-setzt-fluechtlinge-auf-die-tagesordnung-93560/
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