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Bundeskanzlerin Merkel im pro-Interview

Seit 2005 ist Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus in der DDR engagierte sich Merkel in der Wendezeit 1989 im "Demokratischen Aufbruch", in der Regierung 1990 unter Helmut Kohl war sie Ministerin für Frauen und Jugend, von 1994 bis 1998 Bundesumweltministerin. Seit 2000 ist Angela Merkel Vorsitzende der CDU Deutschlands. Im Interview nimmt die CDU-Vorsitzende Stellung zu Fragen, die nicht nur Christen bewegen.  
Von PRO

Foto: Michael Pan

pro: Frau Bundeskanzlerin, Sie sind seit neun Jahren Vorsitzende der CDU, der Christlich Demokratischen Union.  Welche Bedeutung hat das "C" im Namen der CDU?

Bundeskanzlerin Merkel: Das "C" steht für einen Anspruch, der unser Fundament für die operative Politik ausmacht. Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verpflichtet. Wir begreifen den Menschen als ein Geschöpf Gottes, das sich gleichzeitig in Freiheit und in Verantwortung entfalten kann. Wir wissen, dass jeder Mensch einzigartig und darum verschieden ist.  Die Politik hat die Aufgabe, Rahmenbedingungen für die Entfaltung der individuellen Stärken zu schaffen. Anders gesagt: Wir wollen die Menschen nicht alle gleich machen, sondern ihre Talente und Gaben zur Geltung bringen. Das "C" beinhaltet zugleich den Auftrag,  uns unserer Verantwortung für die Schöpfung zu stellen. Der biblische Auftrag an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen, heißt ja gerade nicht, sie auszubeuten oder zu zerstören. Wir sind verpflichtet, die Erde für die künftigen Generationen zu bewahren, also etwa einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen zu erreichen.

Vor dem Kardinal-Höffner-Kreis haben Sie kürzlich betont: "Christen steht es gut an, mit einem fröhlichen Herzen für ihre Glaubensüberzeugungen zu werben." Was verstehen Sie darunter?

Christen sollten nicht verzagt, sondern mit einem Stück Gottvertrauen ausgestattet sein, mit dem sie auch in schwierigen Situationen des Lebens durch die Kraft des Glaubens nach vorne schauen können. Das sollten Christen bezeugen, um ein Beispiel an Lebensmut zu geben.

Nicht wenige Christen machen sich angesichts des von der Europäischen Union beschlossenen Antidiskriminierungsgesetzes Sorgen, in Zukunft ihren Glauben öffentlich noch uneingeschränkt bezeugen zu können. Ist die freie Entfaltung des Glaubens vor diesem Hintergrund noch weiterhin möglich?

Selbstverständlich. Die Antidiskriminierungsgesetze, die auf europäischer Ebene beschlossen wurden, sollen lediglich eine Benachteiligung von bestimmten Gruppen verhindern. Es soll zum Beispiel gewährleistet werden, dass etwa Ältere gegenüber Jüngeren, Frauen gegenüber Männern und Behinderte gegenüber Nicht-Behinderten  nicht benachteiligt werden. Hier besteht in unserer Gesellschaft noch erheblicher Handlungsbedarf. Im Grundsatz zielt das Antidiskriminierungsgesetz auf die Gleichbehandlung und Chancengleichheit der Menschen.

Nun gibt es Christen, die sich von der CDU nicht vertreten sehen und aus diesem Grund sogar eigene Mini-Parteien gegründet haben. Edmund Stoiber haben bei der Bundestagswahl 2002 etwa 6.000 Stimmen für einen Wahlsieg gefehlt, bei der letzten Europawahl erhielten christliche Kleinparteien rund 160.000 Stimmen. Wie wollen Sie diese Christen als CDU-Wähler gewinnen?

Wir werben um alle Wähler und gerade als CDU wollen wir auch eine Heimat für Christen der  verschiedenen Konfessionen sein. Die CDU ist nicht ausschließlich eine Partei für Christen, aber im Vergleich mit anderen Volksparteien in Europa und vor dem Hintergrund unserer erreichten Ziele wird sehr deutlich, dass das christliche Menschenbild unsere Partei und Politik stark prägt. So haben wir in der intensiv geführten Diskussion um Spätabtreibungen dafür gekämpft, dass auch behindertes Leben eine Chance bekommt. Wer in der Demokratie Ziele erreichen will, kann dies nur über Mehrheiten tun. Wenn sich aber politisch engagierte Menschen, die in Grundsatzfragen ähnliche Ansichten vertreten, aufgrund von kleineren Unterschieden in mehrere Gruppen spalten, werden sie das, was gemeinsam wichtig ist, nicht erreichen können.

Wenn Sie alleine in der Frage der Abtreibung entscheiden könnten: Was würden Sie tun, um zu verhindern, dass jede 5. Schwangerschaft mit einer Abtreibung endet?

Ich meine, dass wir nach langem Ringen in der Frage des Paragraphen 218 zu einer Lösung gekommen sind, die tragfähig ist. Wir sollten jedoch Müttern und Vätern Mut zum Ja zu einem Kind machen, indem wir Deutschland zu einem kinderfreundlicheren Land gestalten und junge Eltern darin unterstützen, zum Beispiel Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Und wir sollten die Leistung der Erziehung von Kindern stärker würdigen. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat in den vergangenen vier Jahren viel erreicht, um jungen Paaren die Entscheidung für ein Kind zu erleichtern.

Der Begriff Familie wird aktuell sehr unterschiedlich definiert. Wie definieren Sie Familie?

Wir haben uns mit dieser Frage sehr intensiv beschäftigt und nach einer ausführlichen Diskussion diese Definition in das Parteiprogramm der CDU aufgenommen: Familie ist, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen. Eine besondere Bedeutung kommt der dauerhaften Verantwortung zu, in die Eltern und Kinder gleichsam "hineingeboren" sind und der sie sich nicht entziehen können. Daher schützen wir die Familie als Keimzelle unserer Gesellschaft. Denn auf der Basis dieser dauerhaften Verantwortung in der Familie werden Werte vermittelt, Liebe und Geborgenheit weitergegeben. Daher wollen wir auch die Wahlfreiheit stärken. Junge Paare können selbst entscheiden, ob ein Elternteil oder beide erwerbstätig sein sollen. Wir versuchen, den Raum der Familie zu schützen und betonen den besonderen Wert der Ehe dafür, eine Familie zu gründen. Daher bekennen wir uns klar zum Ehegattensplitting als eine Besserstellung derjenigen, die sich zur Heirat entschieden haben.

Das gesamte Interview mit Bundeskanzlerin Merkel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro.

Das Interview haben geführt: Helmut Matthies für die Evangelische Nachrichtenagentur idea, Andreas Dippel und Wolfgang Baake für das Christliche Medienmagazin pro und Andreas Odrich für ERF Hörfunk und Fernsehen. 

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