Der amerikanische Archäologe Cline erläutert in seinem Buch zum Beispiel den aktuellen Forschungsstand zum Garten Eden oder der Bundeslade
Der amerikanische Archäologe Cline erläutert in seinem Buch zum Beispiel den aktuellen Forschungsstand zum Garten Eden oder der Bundeslade

Jäger der verlorenen Bibel-Schätze

Das Buch „Warum die Arche nie gefunden wird“ spürt biblischen Geheimnissen um den Verbleib der Bundeslade oder der Arche Noah nach. Es bietet einen soliden Überblick zum archäologischen Forschungsstand, die Leidenschaft der Wissenschaftler und Hobby-Archäologen ist ansteckend. Eine Rezension von Michael Müller

Wohin gelangte die Bundeslade aus Salomos Tempel? Wo setzte Noahs Arche nach der Sintflut wirklich auf? Und wie wahrscheinlich ist es, dass Israeliten und Kanaaniter aus dem selben Volk stammen? Der amerikanische Professor Eric H. Cline, der Direktor des Archäologischen Instituts an der George-Washington-Universität ist, hat darüber das Buch „Warum die Arche nie gefunden wird“ geschrieben.

Das Buch hat nicht den Anspruch, so viele Geschichten der Bibel wie möglich archäologisch abzuklopfen. Cline gesteht ein, dass die Bibel zum einen voller Geheimnisse und Wunder steckt, die wohl nie aufgeklärt werden. Zum anderen gebe es bereits zahlreiche archäologische Nachweise für historische Details der Bibel. Deswegen hat sich der Autor auf sieben biblische Themenkomplexe konzentriert, nämlich auf den Garten Eden, die Arche Noah, Sodom und Gomorra, Mose und den Exodus, Josua und die Schlacht um Jericho, die Bundeslade sowie die Zehn Verlorenen Stämme Israels.

Liegt die Bundeslade in Äthiopien?

Wo sich heute die Bundeslade befinden könnte, untersucht das Buch beispielsweise im sechsten Kapitel. Mose legte die Steintafeln mit den Zehn Geboten bekanntlich in das Behältnis aus Akazienholz, das der Handwerker Bezalel mit purem Gold überzogen hatte. Durch das Alte Testament ist lange Zeit sehr gut nachzuvollziehen, wo die Bundeslade zu finden war. Irgendwann zwischen Salomos Zeit um 970 vor Christus und dem babylonischen König Nebukadnezar und seinen Angriffen auf Jerusalem um das Jahr 586 vor Christus verschwand sie aber.

Es ist spannend zu lesen, wie Cline die unterschiedlichen Thesen zum Verbleib der Bundeslade abwägt. Quellen werden verglichen, auf Fotos werden Nägel der vermeintlich gefundenen Kiste enttarnt, die einen zu modernen Nagelkopf besitzen. Der archäologische Einzelgänger Ron Wyatt, der Anfang der 1980er-Jahre behauptete, die Bundeslade in einer Höhle unter der Nordseite des Damaskustors in Jerusalem gefunden zu haben, wird als leidenschaftlicher Amateur von Cline gesondert herausgestellt.

Populär, wenn auch wenig hieb- und stichfest, sei auch die Theorie, dass sich die Lade in der äthiopischen Stadt Aksum befände. Nach dem äthiopischen Buch „Kebra Nagast“ (übersetzt: Ruhm der Könige) brachte Menelik I. die Lade in eine Kapelle der koptischen Kirche der Heiligen Maria von Zion nach Äthiopien. Aber einer genaueren Überprüfung hielt auch diese These nicht stand. Die dort zu findende Kiste stammt, so ein Experte, der sie 1941 zu Gesicht bekam, aus dem mittleren bis späten Mittelalter.

Dem Autor nach hat es nie einen einzigen professionellen Archäologen gegeben – den Filmhelden Indiana Jones lässt er nicht gelten –, der nach der Bundeslade gesucht hat. Alle bisherigen Theorien zur Lade weisen in Clines Augen logische Schwächen auf. Er selbst glaubt, dass sie nicht mehr existiert und vermutet, sie sei spätestens zu Nebukadnezars Zeiten eingeschmolzen worden.

Keine Beweise, sondern Vorschläge

In jedem Kapitel gibt das Buch zuerst einen kurzen Überblick zur Darstellung der Geschichte in der Bibel. Zusätzliche Texte aus anderen Quellen werden zurate gezogen und archäologische Befunde als Belege angeführt. Wenn sich Cline dem historischen Kontext gewidmet hat, wägt er zum Abschluss das Für und Wider des Rätsels ab und gibt eine Antwort, die er für am wahrscheinlichsten hält.

Dabei schreibt Cline nicht als Theologe, sondern als Archäologe und Althistoriker. So seien seine Interpretationen der Fakten eher Vorschläge, die sich auf die Suche nach dem jeweiligen historischen Kern begeben. Das hier versammelte Wissen soll vor allem gegen den „pseudowissenschaftlichen Unsinn“ von „schwärmerischen Laien“ Vorschub leisten, der häufig im Internet verbreitet werde. Damit meint er sogenannten „Junk Science“, bei dem wenig Wert auf den Rechercheprozess gelegt wird und das Hauptaugenmerk auf ein höheres moralisches Ziel gerichtet ist.

Im fünften Kapitel des Buches, in dem es um Josua und die Schlacht um Jericho geht, greift Cline auch politisch brisante Theorien auf. Die Debatte um das Vorrecht auf das Heilige Land könnte gänzlich irrelevant sein, wenn der zitierte Historiker Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv mit seinen Thesen über die ursprünglichen Israeliten und ihre Rolle in Kanaan Recht hätte. Sein Modell geht davon aus, dass vor langer Zeit Israeliten und Kanaaniter das Land gleichzeitig bewohnten, weil sie ein und dasselbe Volk waren. Das würde bedeuten, dass es nie eine israelitische Eroberung Kanaans gab – was wiederum hieße, dass der heutige Kreislauf der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern eher ein Bruderzwist oder eine verunglückte Familienzusammenführung ist als der Krieg zweier Völker.

Forschungsstand zur Arche Noah

Auch der Frage, ob die Arche Noah jemals gefunden werden kann, geht das Buch nach. Cline zeigt zuerst die Parallelen zwischen der Geschichte der Bibel und dem sumerischen Gilgamesch-Epos, das ungefähr 1800 v. Chr. entstand. Hier sieht Cline eine große Mehrheit unter den Wissenschaftlern, die ältere Flutberichte der Sumerer wie das Gilgamesch-Epos als historischen Kern der biblischen Erzählung ansehen.

In der Bibel steht, die Arche sei im Gebirge Ararat aufgesetzt. Cline verortet dieses Gebirge in der Gegend des antiken Urartu nahe dem heutigen Armenien. Der Berg Ararat in der Türkei, wo seit über 100 Jahren immer wieder nach der Arche gesucht werde, trage allerdings diesen Namen erst seit höchstens ein paar Jahrhunderten. Der Spanier Fernand Navarra will beispielsweise 1955 ein Stück Holz von Noahs Arche in einer Gletscherspalte gefunden haben. Eine Radiokarbonmessung datierte das gefundene Holz auf das Mittelalter. Es war womöglich der Überrest einer Kapelle oder von einem Nachbau der Arche.

Ein einziger Wermutstropfen

Es sei überhaupt schwierig, zur Sintflut und Noahs Arche einen historischen Kontext herzustellen, weil die Ereignisse vor den Anfängen der Geschichtsschreibung spielen, die auf das Jahr 3.000 v. Chr. datiert, als in Mesopotamien und Ägypten die Schrift erfunden wurde. In Clines Augen ist die Arche Noah archäologisch betrachtet weiterhin unentdeckt. Für die Überschwemmungen der damaligen Zeit gebe es, etwa in der Region des Schwarzen Meeres, ausreichend Indizien. Die Arche heutzutage zu finden, hält der Autor für höchst unwahrscheinlich. Das Schiff müsste durch eine glückliche Fügung versteinert oder auf andere Weise erhalten worden sein, um Überreste zu finden.

Der einzige Wermutstropfen ist, dass die englische Originalausgabe des Buches bereits 2007 erschien, während die deutsche erst in diesem Jahr herauskam. Deswegen bietet die deutsche Fassung als Ergänzung ein längeres Nachwort und kurze Aktualisierungen zu den einzelnen Kapiteln. Zwischen den Zeilen des Buches ist stetig eine fast kindliche Freude des Autors zu spüren. Mit großer Leidenschaft schildert Cline die Abenteuerreisen der Experten und Amateure, um sie dann durch fundiertes wissenschaftliches Hintergrundwissen zu erden. So ist das Buch eine besonders lebendige und unterhaltsame Form der Geschichtswissenschaft, bei der unentwegt interessante historische Details abfallen. Die zahlreichen Theorien und Ausgrabungen untermauern letztlich aber nur die Faszination, die das Buch der Bücher auf die Menschen ausübt. (pro)

Eric H. Cline: „Warum die Arche nie gefunden wird. Biblische Geschichten archäologisch entschlüsselt“, Theiss, 308 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 9783806233858

Von: mm

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