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Bruchlandungen sind Sternstunden des Lebens

Aus einer persönlichen Glaubenskrise hat die Autorin des Buches „Leben am reich gedeckten Tisch“ neue Kraft gezogen und will diese weitergeben. Für sie sind Bruchlandungen die eigentlichen Sternstunden im Leben eines jeden Christen. Eine Rezension von Michael Müller
Von PRO
Das Buch „Leben am reich gedeckten Tisch“ lädt auf eine Rundreise durch die Bibel ein

Foto: SCM Verlag

Das Buch „Leben am reich gedeckten Tisch“ lädt auf eine Rundreise durch die Bibel ein
Das Pfarrhaus war wegen der Arbeit ihres Mannes als Pastor eine Zeitlang ein regelmäßiger Anlass für Migräne, Streit in der Familie und tränenreiche Nächte. Das erzählt die Autorin Nicola Vollkommer im Buch „Leben am reich gedeckten Tisch“. Mit ihrer Bibel-Exegese, deren Titel auf Psalm 23 zurückgeht, will sie Leser wieder zu einem leidenschaftlichen Glauben einladen, gerade wenn es ihnen nicht so gut geht. Die private Krise der Mutter von vier Kindern war dabei ausschlaggebend für das Buchprojekt gewesen. Im Buch beschreibt Vollkommer, wie sie das Wort Gottes nicht wie eine akademische Übung zur Information, sondern mit einer hungrigen Seele im Zwiegespräch mit Gott lesen will. Motivisch ist die Auswahl der Kapitel deshalb grob an biblische Speisen angelehnt, die als Oberthemen dienen. In Bibelstellen zu Petrus, Hiob oder Jesus sucht und findet sie Andockstellen zu ihrem Alltag. Ihre Gedanken sollen zweifelnden Menschen neue Kraft spenden, zu den christlichen Wurzeln zurückzufinden. Sie durchfühlt Bibelstellen mit heutigen Motivationen und will sie greifbarer und verständlicher machen.

Innere Starre und Dauermüdigkeit

Die private Krise der Autorin wuchs sich damals nämlich zu einer Glaubenskrise aus: „Wenn ich es mit einem intakten Glauben bis zur Schlusslinie schaffe, dann eher stolpernd auf allen Vieren, mit einem ‚Hoch auf die Gnade Gottes‘ auf den Lippen“, schreibt sie. Schrammen und Blessuren des Lebens seien auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Ein steiler Sinkflug sämtlicher Lebensträume, eine innere Starre und Dauermüdigkeit seien die Symptome gewesen. Als Ehefrau eines Pastors erschien ihr eine Zeitlang der Ausspruch „Wir wollen zum Haus des Herrn gehen!“ (Psalm 122,1) nicht als Freude, sondern als Grauen. Schon das Klingeln des Telefons löste Panikgefühle aus. Alles sei ins Haus hinein gedonnert, weil private und berufliche Anrufe über einen Apparat abgewickelt wurden. Vollkommer wünschte sich einen klarer abgegrenzten Beruf ihres Mannes mit familienfreundlichen Arbeitszeiten. Diese Glaubenskrise fand sie in den vergangenen Jahren ebenfalls in Teilen ihres Umfelds, bei ehemaligen Jugendleitern und Kirchengemeinderäten oder Missionaren wieder. Menschen, die Scheidungen hinter sich hatten oder Eltern mit Kindern, die von der Kirche nichts wissen wollen. Die Stichworte lauteten „Burnout“, „Gemeindekrise“ und „Überforderung der Familie“.

Aus Reutlinger Hauskreis wurde christliche Gemeinde

Geboren ist Vollkommer in der britischen Stadt Leicester. Sie lebte dann fast 20 Jahre in Nigeria, wo ihr Vater als Finanzdirektor bei einem Stromunternehmen arbeitete. Ihre Erfahrungen hat sie in dem früheren Roman „Unter dem Flammenbaum“ niedergeschrieben. Nach England zurückgekehrt, studierte sie in Cambridge. Ihren deutschen Mann Helmut lernte sie bei einem Auslandsjahr ihres Germanistik-Studiums kennen. Gemeinsam bauten sie in Reutlingen aus einem kleinen Hauskreis heraus die „Christliche Gemeinde Reutlingen“ auf. In der Krise fand Vollkommer einen neue Zugang zur Bibel. Sie las ganze Bücher der Heiligen Schrift in einem Zug durch: „Es war, als ob ich die Worte zum ersten Mal wahrnahm.“ Texte, die sie als Kind für einen Stempel in der Sonntagsschule brav auswendig gelernt hatte, fesselten sie auf einmal: „Einheitlich war ihre Fähigkeit, sich in meine Seele einzunisten und mir meine eigene Geschichte zu erzählen.“ Als Christ sind in ihren Augen die Bruchlandungen die „eigentlichen Sternstunden“ im Leben, weil sie demütig machten. Man lerne, sich weniger mit dem zu beschäftigen, was man für Gott tun könne, und verliere sich stattdessen im Staunen darüber, was er für die Menschen getan habe. Es sind teils sehr persönliche Geschichten, die Vollkommer auch jenseits der eigenen Biografie als Beispiele anführt. Besonders in Erinnerung bleibt die Krebserkrankung einer Freundin, die sie in Beziehung zur Hiob-Geschichte setzt. Vollkommer beschreibt die Freundin als eine der lebenslustigsten Frauen, die sie kennt. Am liebsten redete diese über die Güte Gottes. Nach ihrer Erkrankung habe sie ihre ganz eigene Antwort auf Hiobs trotzig-rhetorische Frage „Sollen wir das Gute aus Gottes Hand nehmen, das Schlechte aber ablehnen?“ (Hiob 2,10) geliefert: Die Freundin feierte ihren Glatzkopf mit diversen Fotoshootings und ließ sich auch für eine Reihe von Perückenporträts stylen. Vor allem ihren Humor habe sie dabei nie verloren. Wie Hiob dokumentierte sie ihre Schmerzen. Beinahe täglich postete sie auf Facebook Lebensweisheiten, traurig oder Mut machende Sprüche.

Unterstützung von C. S. Lewis

Vollkommers Buch ist auch ein Versuch, „einer von Trieben gesteuerten Spaßgesellschaft, der die Bibel peinlich geworden ist“, etwas entgegenzusetzen. Das Evangelium der Postmoderne lautet nach der Autorin: „Das, was unsere Gier nach Befriedigung nicht sättigt, muss falsch sein.“ Aber auch die Titel in christlichen Buchhandlungen zielen der Autorin zu sehr darauf ab, dass der moderne Christ „zur Erfolgsliga“ dazugehören müsse. Das setze geistliche Leiter unter Druck, Zulieferer für einen vorzeigbaren Glauben zu werden. Bei ausbleibendem Erfolg fühlten sich die Kinder Gottes als Versager. Der Bibel-Exegese mischt die Autorin wiederholt Vergleiche mit der Buchserie „Die Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis bei. Der irische Schriftsteller Lewis hat bekanntlich christliche Analogien in seinen Fantasy-Büchern eingebaut. Vollkommer zitiert Lewis auch, wenn es darum geht, wie Glaubende auf die Welt schauen: „Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“ Vollkommer bemüht sich damit um eine zeitgemäße Interpretation der Heiligen Schrift, die Jung wie Alt ansprechen soll. Der Versuch, die Bibel stets auf heutige Gepflogenheiten herunterzubrechen, muss nicht jedermanns Geschmack sein. Hinter moderner Sprache und der ein oder anderen Flapsigkeit verbirgt sich aber nur die beste Absicht. (pro)

Nicola Vollkommer: „Leben am reich gedeckten Tisch. Von Glaubensenttäuschung zu ganzer Hingabe“, 256 Seiten, SCM R. Brockhaus, Preis 16,95 Euro, ISBN 9783417267822

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