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Breivik und die Stunde der Pharisäer

Anders Behring Breivik setzte am 22. Juli 2011 auf die norwegische Insel Utøya über und eröffnete das Feuer auf die Jugendlichen des Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking. 69 Menschen starben. Er soll auch für die Bomben verantwortlich sein, die zwei Stunden zuvor am Regierungssitz Oslo acht Menschen töteten. Die Tat löste eine Debatte über den "christlichen Fundamentalismus" aus. Ein Gastkommentar von Thomas Schirrmacher.
Von PRO
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Foto: Christer Hansen Eriksen (flickr)

Dass der ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen den Anschlag vorschnell den Islamisten zuschob, hat seinem Ruf sehr geschadet und brachte ihm von der Berliner Zeitung die Bezeichnung "Der Seher im Zweiten" ein. Dass er kurz darauf Breivik zum christlichen Fundamentalisten erklärte, lässt man ihm allerdings durchgehen. Theveßen räsoniert, dass es eine solche aus den USA beeinflusste christlich-fundamentalistische Szene auch in Deutschland gebe, wen er dabei meint, sagt er allerdings nirgends. Gewalttätigen Rechtsextremismus, ja den gibt es bei uns zuviel, aber denselben von frommem Bibelglauben beflügelt – das ist doch frei erfunden.

Es waren nicht Journalisten, die den Begriff "christlich-fundamentalistisch" aufbrachten, sondern der Fahndungschef der norwegischen Polizei Øystein Mæland, der dem Attentäter Anders Breivik "wohl eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung" andichtete. Woher er das so früh wissen konnte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Journalisten aller Couleur beteten das weltweit nach, und zwar bevor irgendjemand das 1.500-seitige Pamphlet des Attentäters studiert hatte. Wie man diese Beschreibung eigentlich rechtfertigt, hat auch Tage danach noch keiner genauer begründet. Aber die Beschreibung ‘christlich-fundamentalistisch’ will ja offensichtlich keine Information vermitteln, sondern einfach Stimmung machen, gegen wen auch immer.

Dabei ist es eine unsinnige Bezeichnung im Zusammenhang mit diesem Verbrechen! So sieht es auch der Theologe Reinhard Hempelmann, Fundamentalismus-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, der in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur die Einschätzung äußerte, der Attentäter von Oslo sei kein christlicher Fundamentalist. Die Bezeichnung sei "irreführend", weil damit suggeriert werde, es gebe einen Bezug zu derartigen Strömungen oder Gruppen. Viele andere Aspekte in Breiviks Äußerungen spielten eine wesentlich dominierendere Rolle.

Die spätere Einsicht bahnt sich jetzt nur mühsam in die Hintergrundartikel der Medien: Breivik will zwar das christliche Abendland als kulturell-rassistische Größe retten, aber er ist weder religiös noch heißt er das Christentum gut. Er kritisiert in seinem Pamphlet die Kirchen, die Bibel, den Papst und vor allem das vermeintliche Liebesgehudel des Christentums. Breivik schreibt: "Als nichtreligiöser Mensch, der aber den Einfluss des jüdisch-christlichen Denkens auf die westliche Kultur anerkennt und respektiert, habe ich vor dem naiven Mitleid der Christen für muslimische Einwanderer gewarnt …" Fakt ist: Eine Beauftragung durch Gott oder eine existierende Religion, geschweige denn die christliche, spielt bei Breivik überhaupt keine Rolle. Gott kommt bei ihm überhaupt nicht vor.

Weltanschauungskampf auf dem Rücken der Opfer

Aber irgendwie war man offensichtlich froh, dass es einmal nicht islamistische Fundamentalisten waren, da spielt es keine so große Rolle, ob der christliche Glaube wirklich etwas mit dem Attentat zu tun hat. Warum muss man die brutale und irre Gewalttat eines Mannes wie Breivik überhaupt einer Gruppe oder Weltanschauung in die Schuhe schieben? Was habe ich da nicht alles gelesen! Schuld sind Sarrazins Anhänger, schuld sind alle Islamkritiker, schuld sind Schützenvereine, schuld sind die Konservativen und die ‘Rechten’. Warum aber nicht gleich noch alle Männer, alle Bauern, alle Schützen oder alle Norweger? Warum wird dann aber explizit das Christentum angeführt, zu dem Breivik keinen Bezug hat?

All das atmet den Geist: Wer zu meiner Gruppe gehört, ist vor solchen Gewaltverbrechen gefeit. Riecht das nicht danach, dass Journalisten und Politiker hier versuchen, Weltanschauungen und Ansichten auf dem Rücken der Opfer missliebig zu machen? Es sind die Pharisäer, die sagen: "Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese da". Überzeugte Christen sagen mit dem Zöllner: "Herr sei mir Sünder gnädig!". Breiviks Tat sollte nicht die Stunde der Pharisäer sein, sondern die Stunde echter Trauer.

Thomas Schirrmacher ist Professor für Religionssoziologie an der Staatlichen Universität des Westens in Timisoara, Rumänien, und Direktor des Internationalen Instituts für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz. (pro)

Diesen Kommentar und weitere interessante Beiträge lesen Sie in der kommenden Ausgabe 4/2011 des Christlichen Medienmagazins pro, das unter 06441-915-151 oder info@kep.de kostenlos bestellt werden kann.

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