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Bolsonaro will Missionar zum Indigenen-Beauftragten ernennen

Brasiliens Präsident Präsident Jair Bolsonaro will einen ehemaligen Missionar zum Behördenleiter für isoliert lebende Völker im Land einsetzen. Die geplante Personalie stößt auf Kritik.
Von Norbert Schäfer
Der rechts-konservative Jair Bolsonaro ist seit Januar 2019 der Präsident Brasiliens und beliebt bei evangelikalen Christen in dem Land
Der rechts-konservative Jair Bolsonaro ist seit Januar 2019 der Präsident Brasiliens und beliebt bei evangelikalen Christen in dem Land

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro will einen evangelikalen Missionar mit der Betreuung isoliert lebender indigener Völker beauftragen. Nach Angaben der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) soll der Anthropologe Ricardo Lopes Dias zum Leiter der Abteilung für unkontaktierte Völker in der Indigenen-Behörde Funai ernannt werden.

Dem Bericht vom Montag zufolge war Lopes Dias mehr als zehn Jahre Mitarbeiter von New Tribes Mission (NTM), einem evangelikal gesinnten US-amerikanischen Missionswerk. NTM wurde nach eigenen Angaben 1942 von Paul Fleming in den USA gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, „Menschen ohne Zugang zum Evangelium zu erreichen“. Der deutsche Zweig der Organisation arbeitet unter dem Namen „Ethnos360“. Mit der Ernennung von Lopes Dias würden nach Einschätzung des Nachrichtenportals Blickpunkt Lateinamerika „114 unkontaktiert lebende Völker Brasiliens” ihm als Leiter der Behördenabteilung unterstellt.

Berechtigte Einwände oder Diskriminierung?

Die Benennung des ehemaligen Missionars als Koordinator in der Indigenen-Behörde ruft Kritiker auf den Plan. Gegenüber dem Nachrichtenportal von „Adveniat“, dem Lateinamerika-Hilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland, erklärte Sarah Shenker von der Menschenrechtsvereinigung Survival International (SI): „Einen NTM-Missionar mit der Leitung der Funai-Abteilung für unkontaktierte Völker zu betrauen, ist, wie einen Fuchs mit dem Schutz des Hühnerstalls zu beauftragen.” Für Shenker ist die geplante Personalie ein „offener Akt der Aggression; eine Ankündigung, dass diese Völker auch gegen ihren Willen kontaktiert werden sollen”.

An Lopes Dias stoßen sich dem Bericht zufolge auch verschiedene Indigenen-Organisationen in Brasilien. Die Missionierung der isolierten Volksgruppen bedeute deren Ende. Die Indigenen hätten bereits genug unter Missionaren gelitten.

Nach Angaben von Blickpunkt Lateinamerika hat Lopes Dias die Vorwürfe in der brasilianischen Zeitung O Globo zurückgewiesen und angekündigt, seine Arbeit „professionell” zu verrichten und nicht die Evangelisierung der Indigenen voranzutreiben. Lopes Dias verwies gegenüber der Zeitung auf seine Fachkenntnisse als Anthropologe und sieht sich aufgrund seiner evangelikalen Glaubenshaltung als ein Opfer von Diskriminierung.

Brasiliens „politische Linke“ toleriert keine Christen

„Brasilien ist ein laizistischer Staat“, erklärte der Direktor der Lutherischen Hochschule für Theologie in São Bento do Sul, Roger Wanke, auf Anfrage von pro. Wanke rechnet nicht mit Aktionen von Lopes Dias, die sich Richtung Evangelisation bewegen.

Wanke erkennt die Ursache der Kritik an anderer Stelle. Nach seiner Einschätzung kritisiere die „brasilianische Linke“ sehr intensiv alle Personalentscheidungen, die evangelikal gesinnte Personen für öffentliche Ämter vorsehen. „Kein Evangelikaler soll eine Leitungsfunktion in der Regierung bekommen dürfen”, erklärte Wanke. „Sie haben keine Toleranz gegenüber Christen.“

Vorgänger war verlängerter Arm der Agrarlobby

Für die Brasilien-Referentin des katholischen Hilfswerkes Misereor, Regina Reinart, steht die Besetzung der staatlichen Indigenenbehörde mit einem evangelikalen Missionar nicht in direktem Widerspruch. Misereor gehe es in erster Linie um den Schutz der indigenen Völker und den Rechtezuspruch in Bezug auf ihre Territorien. Lopes Dias’ Vorgänger im Amt als Leiter der Funai, der ehemalige Polizeibeamte Marcelo Augusto Xavier da Silvas, habe große Nähe zur Agrarlobby gehabt. „Er kam der Aufgabe der Verteidigung der Indigenen nicht nach. Im Gegenteil, er hat aktiv gegen die Funai agiert“, erklärte Reinart auf Anfrage. Mehr als 160 Überfälle auf indigene Gebiete, die zwischen Januar und September 2019 geschahen, seien ungestraft geblieben. Da Silvas habe sich auf die Seite der Großgrundbesitzer gestellt. Reinart bemängelt, dass sowohl Präsident Bolsonaro als auch dessen Vorgänger im Amt, Michel Temer, das Budget der Funai „kategorisch reduziert” und damit deren Wirkung geschwächt hätten.

Für einen Mitarbeiter des Indianermissionsrats der Brasilianischen Bischofskonferenz CIMI sei es laut Reinart besorgniserregend, dass nun ein Evangelikaler mit vermutlich großer Nähe zu Bolsonaro an der Spitze der Funai stehe. Nach Angaben des CIMI-Mitarbeiters verfüge Lopes Dias über wenig Bezüge zu den Indigenen und noch viel weniger echte Kenntnisse der Demarkierungsprozesse. Reinart zu den Gründen für die Skepsis: „Es ist weniger die Tatsache, dass es sich hier um einen ehemaligen Missionar handelt […] sondern vielmehr, dass die Biographie des Kandidaten für die Funai-Präsidentschaft und dessen Engagement in den Kreisen der Organisationen, die sich für Indigene einsetzen, kaum bekannt sind.“

Regina Sonk, Referentin indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, sieht die Besetzung von Ricardo Lopes Dias ebenfalls mit Sorge. In Brasilien habe sich durch Kolonisierung und Missionierung die Zahl der Indigenen von ehemals fünf Millionen auf unter eine Million verringert. Sonk: „Mit der Ernennung von Lopes Dias setzt Bolsonaro seine Agenda zur Schwächung indigener Rechte fort.“

Von: Norbert Schäfer

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