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Boko Haram: „Sie haben mir nur meinen Namen gelassen“

Im aktuellen Zeit Magazin erzählen Frauen und Mädchen, die der Terrorgruppe Boko Haram entkommen konnten, ihre grausamen Geschichten. Sie berichten vom Camp im angeblich verfluchten Sambisa-Wald und einem Anführer, der sich als Hexer inszeniert.
Von PRO
Frauen bei einem Gottesdienst in Nigeria: Christen leben in permanenter Angst
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Die Treffen zwischen dem Autor und dem Fotografen der Reportage und den Frauen hätten an geheimen, ständig wechselnden Orten in Yola, der Hauptstadt des Bundesstaates Adamawa, stattgefunden. Trotz Flucht seien die Frauen noch nicht in Sicherheit. Auch in Yola töte und entführe Boko Haram regelmäßig Menschen. Es habe viel Zeit gekostet, das Misstrauen während der Interviews abzubauen, schreibt der Autor Wolfgang Bauer. Misstrauen und Angst habe es auch von Seiten der Journalisten gegeben. Denn neuerdings zwinge Boko Haram fast täglich junge Frauen, sich an belebten Orten als Selbstmordattentäterinnen in die Luft zu sprengen. Eine der Frauen, die im Magazin berichten, ist die 31-jährige Sadiya mit ihrer 14-jährigen Tochter Talatu. Erst wenige Tage vor dem Interview sei ihnen die Flucht gelungen. Sadiya ist zum Zeitpunkt des Gesprächs im sechsten Monat schwanger. Das Kind stamme von einem Vergewaltiger von Boko Haram. Die Mutter berichtet, wie die Sekte in ihr Dorf eingefallen sei. Zusammen mit vielen anderen Bewohnern hätten sie sich in die Berge gerettet, wurden jedoch trotzdem von den Terroristen gefasst. Alle Flüchtigen, zumeist Frauen, seien zurück in ihr Dorf getrieben worden. Es heiße, Männer töte Boko Haram ohne Gnade, deshalb flöhen die Männer oft ohne ihre Frauen in den Busch. Obwohl sie alle Muslime seien, hätten sie sich trotzdem noch einmal zum Islam bekennen müssen, sagt Sadiya. „Euer Islam ist nicht unser Islam“, habe einer der Führer gesagt. Jede der Frauen, deren Ehemann nicht innerhalb eines Monats wieder auftauche, werde zwangsverheiratet – auch junge Mädchen wie Talatu –, hätten die Terroristen gedroht.

„Frauen sind für sie bloß Gefäße“

Die meisten der gefangenen Frauen und Kinder seien anschließend in den Sambisa-Wald im Staat Borno gebracht worden. Dort befindet sich das Hauptquartier von Boko Haram. Das Gebiet sei früher ein Nationalpark gewesen. Mittlerweile gebe es dort jedoch keine Ranger mehr und auch die umliegenden Dörfer seien verlassen. Es gelte als todbringend, dem Wald nahe zu kommen. In dem dunklen und unübersichtlichen Gebiet mit seinen Sümpfen verstecke Boko Haram unter anderem auch die 276 Internatsschülerinnen aus Chibok, die die Islamisten im vorigen Jahr entführten, berichteten die Frauen den Journalisten. Mit der Entführung wolle die Gruppe den Staat demütigen. Chibok sei ein Symbol des Fortschritts gewesen, die Schülerinnen hätten Vorbildfunktion gehabt. Boko Haram versuche nun, sie zu gefügigen Sklavinnen zu machen. Sie arbeiteten als „Palastdienerinnen“ für hochrangige Führer der Gruppe. Der Besitz eines Chibok-Mädchens gelte unter den Kämpfern als Statussymbol. Boko Haram habe den Wald in verschiedene Lager eingeteilt, geordnet nach den Herkunftsdörfern der Entführten, und die Zufahrtswege versperrt. Jede Mutter und ihre Kinder bekämen einen Baum zugewiesen. „Ein Baum gilt im Lager so viel wie ein Haus. Es war immer kalt und nass. Wir lagen im Unterholz wie in einer Höhle“, sagt Talatu. Auch Schlangen und Skorpione gebe es dort. Die Mädchen, die zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet würden, kämen in besondere Ausbildungszentren. Wie viele andere wurden Sadiya und Talatu an Kämpfer verheiratet, mussten mit ansehen, wie diese widersprechenden Frauen die Köpfe abschlugen oder Gefangene auf andere grausame Art exekutierten. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. „Frauen sind für sie bloß Gefäße für die eigenen Gene. Sie wollen Kinder, die vollkommen im Geist ihrer Bewegung aufwachsen“, schreibt Bauer. Die jüngsten Kämpfer von Boko Haram seien kaum älter als 13 Jahre. Während einer Gegenoffensive des nigerianischen Militärs im Juni dieses Jahres gelang Sadiya und Talatu zusammen mit anderen Frauen und Kindern die Flucht aus dem Lager. Die Generäle der Armee ließen die Camps im Wald regelmäßig und ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder bombardieren, heißt es im Artikel. Dabei töteten sie mehr Menschen, als sie befreiten. Die 38-jährige Batula, die ebenfalls ihre Geschichte erzählt, habe ihren alten und kranken Vater bei dem Bombenangriff im Camp zurücklassen müssen in der Gewissheit, dass er den Angriff nicht überleben würde. Auf ihrer Flucht durch den Wald seien die Frauen mehr als einmal an Ansammlungen unzähliger Leichen – Männer wie Frauen und Kinder – vorbeigekommen.

Anführer Shekau: Grausam und unberechenbar

Die Dörfer, in die die Geflohenen zurückkehren, seien kaum mehr bewohnbar. Leichen lägen in den Brunnen, Brücken seien von den Terroristen gesprengt worden. „Das Ausmaß der Schäden ist so enorm, dass Amnesty International es mithilfe von Satellitenbildern ermittelt“, schreibt Bauer. Auch das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Stämmen in Nigeria zerstöre Boko Haram und säe Hass zwischen ihnen. Mittlerweile sei das Land im Nordosten zusätzlich von lokalen Rachekriegen überzogen. Die Frauen berichten zudem, dass Muslime und Christen einander ohne Skrupel töteten und keiner dem anderen Zuflucht vor Boko Haram gewähre. Die Frauen hätten Angst, wieder von ihren Verfolgern aufgespürt zu werden. „Shekau findet dich überall“, sei ihnen im Wald gesagt worden. Abubakar Shekau ist der oberste Führer von Boko Haram. Er sei noch radikaler als sein Vorgänger Mohammed Yusuf. Shekau würden zudem magische Kräfte nachgesagt. „Er inszeniert sich als Hexer“, heißt es im Zeit Magazin. Seine Opfer solle er mit einem Zauber an den Wald binden. In Videos trete er als grausam und unberechenbar auf, schreibt Bauer. Unklar sei, ob Shekau überhaupt noch lebe oder ob seine Rolle von einem Doppelgänger ausgeführt werde. Schon mehrmals habe das nigeranische Militär seinen Tod verkündet. Sein Versteck liege noch tiefer im Wald als das Camp der Entführten. Bei all den Grausamkeiten seien die Terroristen überzeugt „das Werk Gottes“ zu verrichten. Durch die grausamen Erlebnisse kämen die Frauen völlig verändert aus dem Wald zurück. „Sie haben mir nur meinen Namen gelassen. Alles andere haben sie mir genommen“, sagt Sadiya. Sei sei jetzt eine andere, jemand, den sie nicht kenne. (pro)
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