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„Biden ist ein Gemäßigter und ein Mann der Mitte“

Die Katholische Akademie in Berlin veranstaltete ein Fachgespräch mit Massimo Faggioli zum katholischen Glauben von US-Präsident Biden. Es zeigt: Der Katholizismus ist in dynamischer Bewegung.
Von Johannes Schwarz
Joe Biden, US Präsident

Foto: jlhervàs

Der US-Präsident Joe Biden gilt als Mann der MItte – nicht nur politisch, sondern auch im katholischen Glauben

„Joe Biden und der Katholizismus in der USA“, so lautet der deutsche Titel des 2021 erschienen Buches von Massimo Faggioli. Faggioli ist renommierter Theologe und Religionswissenschaftler an der Universität Villanova in Pennsylvania, Amerika. Um über den Katholizismus und Bidens Glauben zu sprechen, lud ihn die Katholische Akademie in Berlin zu einem Fachgespräch ein. Deutlich wurde: Sowohl der persönliche Glaube als auch der kollektive Katholizismus verändern sich stetig. Zudem sind die zeitgenössischen Kontexte für Glaubende relevant.

Joe Biden ist erst der zweite Katholik im Amt des Präsidenten von Amerika. Lediglich John F. Kennedy (1961-1963 Präsident der USA) hatte einen katholischen Glauben. Faggioli stellte im Gespräch heraus, dass zwischen Biden und Kennedy jedoch ein großer Unterschied besteht. Während Kennedy damals mit seinem katholischen Glauben in der Minderheit war und sich viele Amerikaner die Frage stellen, ob sie überhaupt einen Katholiken zum Präsidenten wählen könnten, war der Katholizismus bei der Wahl des 46. Präsidenten der USA Bidens in einer Vielzahl der Bevölkerung vorbehaltlos angenommen worden. Laut Faggioli ist der Katholizismus „in den Mainstream gerückt“. Das erleichtere es für Biden, seinen Glauben auch in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Für Kennedy sei dies noch schwieriger gewesen.

Foto: Baycard Verlag
Faggioli hat mehrere Bücher geschrieben. Sein neuestes beschäftigt sich mit dem Glauben Joe Bidens.

Biden im Spannungsfeld von Strömungen

Zur Zeit von Kennedy habe noch der konservative Katholizismus vorgeherrscht. Einige Jahrzehnte später habe der liberale Katholizismus um Mitsprache in der theologischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung gerungen. Während Traditionalisten den Glauben eher im Privaten auslebten, zeige sich bei Liberalen ein öffentlichkeitswirksamer Glaube. Joe Biden sei nicht eindeutig einer katholischen Strömung zuzuordnen. Er äußere sich öfter öffentlich religiös, wenngleich er seinen Glauben nicht der Öffentlichkeit aufdränge. Faggioli kommt zu dem Schluss: „Biden ist ein Gemäßigter und ein Mann der Mitte“, ebenso sei bei ihm der „Katholizismus deutlich sichtbar“. Auffällig sei außerdem, dass Biden „neue Dynamiken“ in seinen persönlichen Glauben einbezieht, weshalb er nicht zu den Traditionalisten zähle.

Der Papst gibt die Richtung vor – auch für Amerika

Die katholische Welt mit all ihren weltweiten Unterschieden und Gemeinsamkeiten gehört zur Expertise des Wissenschaftlers Massimo Faggioli. Die wichtigste und zentrale Person ist der jeweilige Papst. Besonders in solchen Zeiten, in denen Dynamik und Richtungsentscheidungen zu verzeichnen sei, ist die Macht des Papstes erkennbar. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben mit konservativen Traditionslinien aus dem Vatikan gebrochen. Für die Amerikaner, die zu jener Zeit noch mehrheitlich dem konservativen Katholizismus anhingen, gab diese traditionelle Richtung Rückhalt. Es könne durchaus von einer „Amerikanisierung der Weltkirche“ gesprochen werden, erläutert Faggioli. Das Hauptaugenmerk habe auf der westlichen Welt gelegen – gesellschaftlich und theologisch wurde die Peripherie kaum wahrgenommen.

Prof. Massimo Faggioli Foto: Privat
Der italienische Professor Massimo Faggioli beschäftigt sich mit dem Katholizismus in Amerika

Papst Franziskus habe einen großen Umbruch angestoßen. Zwar sei Franziskus weder Konservativer noch Liberaler, jedoch verändere er mit seinem Wirken und Denken den Katholizismus. Für viele Amerikaner sei der Amtsantritt von Franziskus „ein Schock“ gewesen. Die Privilegien der Konservativen, besonders der amerikanischen Katholiken, seien aufgehoben. Mit dem Blick für „Arme, Umwelt und Barmherzigkeit“ habe Papst Franziskus „die vergessene Welt in das Herz des Katholizismus zurückgebracht“, bilanziert Faggioli. Der Glaube Bidens habe seine Dynamik auch daher, dass sich der Katholizismus, durch den Papst geprägt, stetig ändert.

Amerikas Bischöfe scheuen Veränderung

Trotz der liberaleren Führungsweise von Papst Franziskus halte der Vatikan bei manchen Themen, etwa Abtreibung, weiter an der konservativen Traditionslinie fest. Die Bischöfe aus Amerika freue dies. Dennoch hegten sie Unbehagen gegen den Papst und sein Tun. Da der größte Teil der amerikanischen Bischöfe dem konservativen Lager zugeordnet werde, deute sich bei anderen Themen, etwa bei der Todesstrafe, keine Veränderungen an. Die konservative Strömung hofft auf eine bessere Zeit nach dem Papst Franziskus. Denn Kulturkämpfe, und dies sei zweifelsohne einer, „schaffen die Konservativen besser als die Liberalen“. Der Blick der Konservativen richte sich auf die Langfristigkeit.

Biden, der auf der politischen Achse liberal agiere, passe sich bewusst nicht den Bischöfen an. Im Vergleich zum ehemaligen US-Präsidenten Trump, der die konservativen Positionen in seine Politik aufgenommen habe, stelle sich Biden, auch im Sinne des weltweiten Katholizismus, auf die andere Seite oder suche den Platz in der Mitte. Über den Politikstil merkte Faggioli an, dass „Biden weiß, wie man sich zu benehmen hat“. Ende Oktober soll es laut dem Professor, zu einem ersten Treffen zwischen US-Präsident Biden und Papst Franziskus kommen. Dann könnte sich zeigen, wie ähnlich gesinnt sie sind. Beide Männer suchen jeweils den Pfad der Mitte – vereint im katholischen Glauben.

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