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„Bestimmte Verse trage ich in meiner Seele“

Heinrich Bedford-Strohm hat vergangene Woche den Druckstart für die Lutherbibel 2017 gegeben. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) spricht im pro-Interview über seine persönlichen Lieblingsverse, die Schönheit der Luthersprache – und wie Menschen aus der Bibel Vergebung lernen können.
Von PRO
Der EKD-Chef bei der Präsentation der Lutherbibel 2017 in Nördlingen

Foto: pro/Nicolai Franz

Der EKD-Chef bei der Präsentation der Lutherbibel 2017 in Nördlingen

pro: Herr Bedford-Strohm, die neue Lutherbibel 2017 ist nun im Druck. Warum war eine Revision überhaupt nötig?

Bedford-Strohm: Auch in der Vergangenheit ist immer wieder auf den Text geschaut worden – im Hinblick auf die Verständlichkeit und die neuesten Forschungsergebnisse. Der Rat der EKD hat ursprünglich nur eine Durchsicht beschlossen, ohne tief in den Text einzugreifen. Die vom Rat beauftragten Bibelwissenschaftler haben sich die Texte genau angeschaut und sind an so vielen Stellen an interessante Punkte der Diskussion gestoßen, dass es am Ende viel mehr geworden ist als ursprünglich intendiert. Zehn Prozent der Wörter und 44 Prozent der Verse sind in irgendeiner Form verändert worden. Es hat sich gelohnt. Wir halten jetzt eine noch schönere Form der Lutherbibel in der Hand. An manchen Stellen ist man sogar wieder auf die ursprüngliche Übersetzung von 1545 zurückgekommen.

Zum Beispiel?

Bei Luther hieß es noch „Hebamme“, später wurde daraus „Wehmutter“ gemacht. Jetzt sind wir wieder zu „Hebamme“ zurückgekehrt.

Es gibt viele verschiedene Bibelübersetzungen, auch solche, die sehr nah am Grundtext sind. Was macht die Lutherbibel für Sie persönlich so besonders?

Wie viele andere Menschen bin ich mit der Lutherübersetzung aufgewachsen. Bestimmte Bibeltexte und Verse, die mir sehr wichtig sind, trage ich in meiner Seele. Die Vertrautheit der Lutherbibel ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass mir die Texte so viel geben. Natürlich haben sie auch einen sehr hohen ästhetischen, poetischen Gehalt – gerade in ihrer Fremdheit, gerade weil sie nicht Alltagssprache sind: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Psalm 23,1, d. Red.).“ Natürlich könnte ich übersetzen: „Ich habe alles, was ich brauche.“ Ich finde aber, „mir wird nichts mangeln“ ist eine ganz wunderbare ästhetische Form, diesen Inhalt zum Ausdruck zu bringen.

Der Sprachkritiker Wolf Schneider sagte über diesen Vers, dies sei ein „perfekter Satz“.

Das kann ich nur bestätigen (lacht).

Welche Verse aus der Lutherbibel sind es noch, die bei Ihnen in der Seele verankert sind?

Die goldene Regel zum Beispiel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch (Matthäus 7,12, d. Red.)!“ Ein sehr einfacher Satz, aber er hat eine große Kraft, weil er so plausibel ist. Viele Verse bringen den Zuspruch Gottes auf wundervolle Weise zum Ausdruck: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein (Jesaja 43,1, d. Red.)!“ Das ist schon eine besondere Tönung, in der die Geborgenheit dieser Aussage wiedergegeben wird. Dafür ließen sich viele Beispiele finden – ich weiß nicht, wie lange Sie Zeit haben…

… um 21 Uhr fängt Fußball an …

(lacht) … da muss ich aber vorher schon in München sein! Spaß beiseite: Gerade die Fremdheit der Sprache ist der Reiz, den die Lutherübersetzung ausmacht. Aber auch die Schönheit. Die schöne Fremdheit, die fremde Schönheit, könnte man sagen.

„Freiheit, die ich nur in der Bibel finden kann“

Sie haben bei der Einführung zum Druckstart der Lutherbibel gesagt, dass Sie sich erhoffen, dass „das Evangelium ins Herz der Leute kommt“. Was meinen Sie damit?

Dass die Botschaft in diesen Texten ungeheuer aktuell ist. Die Menschen haben heute Fragen auf der Suche nach dem Glück, etwa: Wie kann ich lernen, dankbar zu leben? Diese Frage haben alle Menschen, die vielleicht immer nur das Negative sehen. Ihnen fehlt die Kraft, das Positive zu sehen. Dann beten sie Psalm 103: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Wer diesen Satz in seine Seele einsickern lässt, wird dankbar, weil er auf den wunderbaren Reichtum hingewiesen wird, den Gott uns schenkt. Und der hängt nicht vom Geldbeutel ab. Auch in ärmeren Ländern können Menschen in den Kirchen durch solche Sätze dankbar leben. Für mich ein Grund zur Demut. Biblische Texte helfen auch, Versöhnung zu lernen – im Alltagskonflikt oder in der Ehe. Im Vaterunser heißt es: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wenn dieser Text zum Teil der eigenen Frömmigkeit wird, entfaltet er eine ungeheure Kraft, weil ich dann wissen darf: Ich kann all das Dunkle in meinem Leben, alles, was ich falsch mache, anschauen, ohne mich schlecht machen zu müssen. Weil ich weiß, dass Gott mich gut macht. Immer wieder von neuem, jeden Tag. Er vergibt mir, wenn ich Fehler mache. Das ist eine unglaubliche Freiheit, die ich nur in der Bibel finden kann.

Sie gelten als internetaffin. Glauben Sie, dass junge Menschen trotz Instagram, Twitter und Snapchat heute noch eine Bibel in die Hand nehmen?

Ja, das glaube ich schon. Die schöne, tolle neue Zugänglichkeit vieler Texte und der Kommunikation in den digitalen Medien wird nie das gedruckte Buch ersetzen. Es ist immer noch etwas anderes, wenn ich etwas vor mir habe, das raschelt, das riecht, das viele handschriftliche Notizen am Rand hat. Ich selber habe in meiner Lutherbibel viele Notizen gemacht, die mich daran erinnern, was ich vielleicht vor 20 Jahren beim Lesen der Texte empfunden habe. Wenn ich meine elektronische Bibel lese, mache ich das nicht, ich scrolle einfach durch. Deswegen ist mir mein gebundenes Buch wichtig. Die neue Lutherbibel spricht in ihren verschieden gestalteten Einbänden verschiedene Leute an. Daher denke ich, dass auch das gedruckte Buch ein Erfolg wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Nicolai Franz. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/lutherbibel-2017-das-evangelium-soll-ins-herz-der-menschen-kommen-96493/
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/veranstaltungen/detailansicht/aktuell/ekd-chef-biblische-geschichten-wichtig-bei-krisenbewaeltigung-96578/
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