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Bedient alle Klischees: ARD-Doku „Sexualität in den Weltreligionen“

Wie leben Menschen die erste, erfüllte und verbotene Liebe in Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus? Das will die ARD-Dokumentation „Glaube, Liebe, Lust – Sexualität in den Weltreligionen“ beantworten. Es gelingt den Machern nur in Ansätzen. Beim Zuschauer kommen Klischees an. Eine TV-Kritik von Swanhild Zacharias.
Von PRO
Muslima Hülya lebt streng nach dem Islam. Die einzigen Männer in ihrem Leben sind ihre Brüder
Muslima Hülya lebt streng nach dem Islam. Die einzigen Männer in ihrem Leben sind ihre Brüder
Hülya lebt in Istanbul und ist überzeugte Muslima. „Der Glaube lehrt uns, sich in vielen Dingen zu beherrschen“, sagt die Protagonistin des ersten Teils der ARD-Doku, die den klingenden Titel „Erste Liebe“ trägt. Sie hält sich streng an die islamischen Regeln, denn: „Ich muss mich ernsthaft um das Jenseits bemühen.“ Sex vor der Ehe ist für sie undenkbar. Bei der 17-jährigen Elena aus Berlin dagegen, Protestantin und in der örtlichen Kirchengemeinde aktiv, gehört Sex vor der Ehe zum Leben dazu. Ihr erstes Mal hatte sie mit einem guten Freund, „weil der Erfahrung hatte“. Sie bezeichnet sich als gläubige Christin, will sich in Sachen Beziehungen aber nicht zu viel „vorschreiben“ lassen. Die Juden Shira und Avihu leben in Tel Aviv unverheiratet zusammen und sehen sich mit den Spannungen konfrontiert, die dies auch im liberalen Tel Aviv gelegentlich mit sich bringt. Der Hindu Arpit steht kurz vor seiner Hochzeit mit einer Frau, die seine Eltern ausgesucht haben. Obwohl Hindus eigentlich jungfräulich in die Ehe gehen sollen, hat er schon mehrere Affären hinter sich. Das sei doch „normal“ – zumindest für die Männer.

Katholisch, schwul und gläubig

So wie im ersten Teil stellt die Dokumentation auch im zweiten und dritten Teil jeweils vier Paare oder Einzelpersonen vor, die von ihrem Umgang mit Sexualität vor dem Hintergrund ihrer Religion erzählen. Im zweiten Teil, „Erfüllte Liebe“, ist da zum Beispiel ein jüdisches Siedlerpaar, das darauf achtet, jüdische Regeln genau einzuhalten. Oder ein Taxifahrer aus Beirut, der neben seiner normalen Ehe die „Genussehe“ praktiziert. Das kommt den Besuchen bei einer Prostituierten gleich, ist aber von seinem Scheich, einem spirituellen Lehrer, genehmigt. Damit sei es keine Sünde, sagt der spirituelle Meister. Denn Sex außerhalb der Ehe ist laut Koran verboten. Im dritten Teil zum Thema „Verbotene Liebe“ besucht das Filmteam unter anderem ein katholisches, schwules Paar, das trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten in der Kirchengemeinde aktiv bleiben will. Beide wollen damit ein Zeichen setzen. Den Buddhismus repräsentiert ein thailändischer Frauenheld, der trotz Frau und Kindern regelmäßig Prostituierte besucht und Freundinnen hat. Gegen sein schlechtes Gewissen spendet er Geld im Tempel. Ein indisches Paar lebt von der Familie ausgestoßen, weil sie entgegen der gesellschaftlichen Regeln Partner aus unterschiedlichen Kasten geheiratet haben.

Klischees bedient

Neben den Protagonisten kommen auch Kirchenlehrer und Wissenschaftler zu Wort. Beim Thema Islam verteidigt zum Beispiel ein islamischer Lehrer die hervorgehobene Stellung der Männer in seiner Religion. Eine islamische Theologin kritisiert jedoch die Stellung der Frau und bezeichnet es als „Gefahr“ für die Frauenrechte, wenn sich der konservative Islam weiter ausbreite. Pro- und Kontra-Beiträge von den jeweiligen Gelehrten oder Theologen gibt es auch zum Thema Hinduismus oder Katholizismus. Die Macher des Films haben sich damit um Ausgewogenheit bemüht. Nach eigener Aussage wollten sie eine „wertfreie Binnensicht“ versuchen und mit den Geschichten der Protagonisten „typische Muster einfangen“. Das ist ihnen gelungen, führt aber auch dazu, dass typische Klischees der jeweiligen Religion in den Vordergrund rücken: Der Protestantismus als fast schon zu liberal, Katholizismus, Islam, Buddhismus und Hinduismus als einengend und weltfremd. Dass es in jeder Religion auch weniger extreme Varianten der gelebten Sexualität gibt, kommt nicht zum Ausdruck. Ein westlich geprägter, protestantischer Zuschauer dürfte schockiert von der dargestellten Frauenfeindlichkeit des Islam, der Ungerechtigkeit des Hinduismus, der Leibfeindlichkeit des Buddhismus und der Enge des Katholizismus sein. Auch, wenn dieser Eindruck möglicherweise nicht Ziel der Produzenten war: Toleranz fördert die Dokumentation nicht. Die Autoren wollten keine „wertende Draufsicht“ produzieren, ein paar Zahlen und Fakten zu den einzelnen Religionen wären aber wünschenswert gewesen. Denn die Mehrheit der muslimischen Männer lebt wahrscheinlich nicht in einer „Genussehe“, und auch bei den Protestanten gibt es viele, die die extrem liberale Einstellung Elenas nicht teilen. Viel Neues erfährt der Zuschauer bei der Dokumentation also nicht. Die Lebensbilder der Protagonisten sind interessant anzuschauen, dürfen aber nicht zwangsläufig als Spiegel der jeweiligen Gesellschaft betrachtet werden. (pro) „Glaube, Liebe, Lust – Sexualität in den Weltreligionen“: Teil 1 am 28. April um 22.45 Uhr, Teil 2 am 5. Mai um 23.30 Uhr, Teil 3 am 12. Mai um 23.30 Uhr, jeweils in der ARD.
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