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„Auf, zu den Waffen!“

Es herrscht Feiertagsstimmung und Begeisterung. Die Menschen, die sich am 1. August 1914 vor dem Berliner Schloss versammelt haben, stimmen den Choral „Nun danket alle Gott“ an. Das Deutsche Reich hat vor wenigen Minuten Russland den Krieg erklärt. Warum jedoch begeisterten sich Christen aller Konfessionen der kriegführenden europäischen Länder für den Ersten Weltkrieg?
Von PRO
Mit diversen Plakaten wurde die Angst vor dem Gegner geschürt

Foto: Us-Regierung / H.R. Hopps/ Wikipedia

Mit diversen Plakaten wurde die Angst vor dem Gegner geschürt
In seinem Büchlein „Der Segen des Krieges“ erinnert sich Pfarrer Ernst Modersohn 1915 an die Stimmung in Berlin, unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges: „Ich war am Dienstag derselben Woche, die mit der Mobilmachung schloß, in Berlin. Da waren in etwa zwölf Sälen große Versammlungen, in denen gegen den Krieg protestiert werden sollte. (…) Nach dem Schluß dieser Versammlungen wollten die Tausende von Teilnehmern nach den ‚Linden‘ ziehen und vors Schloß des Kaisers, um da eine große Demonstration zu machen. Die Polizei hatte Mühe und Not, den Strom abzulenken, daß er die Linden nicht erreichte. Das war am Dienstag, den 28. Juli. Wer hätte an diesem Dienstag denken können, daß am nächsten Dienstag, am 4. August, ein einiges Deutschland dastehen würde? Daß der Reichstag wie ein Mann aufstehen und in ein Hoch einstimmen würde auf Kaiser und Reich, auf Volk und Vaterland? Das hätte wohl niemand zu denken gewagt. Das war etwas vom Segen des Krieges.“ Das Deutsche Reich kämpfte ab August 1914 an der Seite Österreich-Ungarns gegen Russland, Frankreich, England und ihre Verbündeten. Auslöser dafür war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Frau am 28. Juni 1914 in Sarajevo durch serbische Terroristen. Das Attentat setzte eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende sich viele europäische Staaten im Krieg befanden. Dies alles mündete in die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie viele Historiker den Ersten Weltkrieg bezeichnen. Er brachte die Welt ins Wanken.

Vom Segen des Krieges

Die Kampfhandlungen wurden in unerbittlicher Härte geführt und löschten ganze Familien aus. Die Menschen zogen „begeistert und religiös beseelt“ in den Krieg, fasst es der Pfarrer Wolf-Dieter Steinmann in einem Beitrag des Deutschlandradios zusammen. Die Menschen waren bereit, für Kaiser, Volk und Vaterland Opfer zu bringen. Der damalige Berliner Domprediger Bruno Doehring rief den „heiligen Krieg“ aus und erklärte die Deutschen zum „Erlöservolk“. Andere Pfarrer verglichen den Weltkrieg mit den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Fremdherrschaft. Die Menschen begeisterten sich für den Krieg, weil sie den „überall ersehnten Zusammenschluss der tief gespaltenen Nation“ herbeiwünschten, hält der Kirchenhistoriker und Theologe Martin Greschat im Gespräch mit pro fest. Der Nationalismus erfasste nach anfänglichem Zögern fast alle Bereiche der Gesellschaft. Kritische Stimmen verstummten. Der Historiker Greschat erklärt die Reaktion der Kirchen: „Wenn man den Gesichtspunkt der Gemeinschaft, des Eintretens füreinander, das Hinwegsehen über Klassenschranken und insofern Gemeinschaft untereinander als ein wesentliches Element des Christentums ansieht, kann man sich durchaus vorstellen, dass es einen christlich gefragten Nationalismus gibt.“ Und weiter: „Für die Menschen damals bedeutete dies keineswegs die Verleugnung oder den Verlust der christlichen Botschaft. Es galt: Jetzt in der Zeit des Krieges müssen wir alle zusammenstehen. Sie sprachen dann von christlicher Bruderliebe, Christentum der Liebe, von dem Verzicht auf eigene Durchsetzung und Unterordnung, Unterordnung unter die Obrigkeit. Alle diese Werte waren auch christlich besetzt.“ Dass die Freikirchen weniger nationalistisch waren, hält Greschat für illusorisch. Einhellig verfielen Intellektuelle, Politiker und Theologen dem Glauben, dass der Krieg einer gerechten Sache diene. Deshalb wähnten sich alle Nationen des Beistandes Gottes sicher. Wer auf der Seite des Rechts stand, musste auf Gottes besondere Hilfe bauen dürfen, lautete die Vorstellung. Auch das Mitteilungsblatt der Deutschen Evangelischen Allianz greift diesen Gedanken in einem Artikel im Winter 1914 auf: „Unser Volk hat in diesem furchtbaren Kriege wohl eine gerechte Sache, das steht fest, aber darauf kann und darf es nicht pochen.“ In diese Überlegungen mischten sich neben diffusen nationalistischen und völkischen Gedanken auch theologische Vorstellungen, dass der Krieg eine Art Läuterung sei, der unter den Christen die Spreu vom Weizen trenne. Modersohn schreibt in seinem Büchlein: „Wie ist doch dieser Krieg ein Prüfstein geworden für den Wert und den Unwert der Dinge! (…) Aber er prüfte auch das Christentum der Leute. Jetzt zeigte sich, wessen Christentum echt war und wessen unecht.“

Propaganda und Zensur

Es wurde für die Kriegsparteien angesichts ausbleibender Erfolge und erstarrter Frontlinien immer wichtiger, den Gegner als brutal darzustellen, um dadurch den Kriegswillen des eigenen Volkes am Leben zu erhalten. Mittel der Wahl war neben der Propaganda, mit der stereotype Vorurteile sowie Feindbilder bedient und gefestigt wurden, auch die Zensur. Historiker Greschat erklärt zur Glaubwürdigkeit der Quellen dieser Zeit: „In der Kriegszeit gab es einerseits die offizielle Zensur und es gab die Zensur im Kopf. Die Herausgeber einer Zeitung etwa wussten ganz genau: Bestimmte Dinge wollen wir gar nicht erst berichten, denn wenn wir die berichten, kommen wir möglicherweise in Konflikte mit der offiziellen staatlichen, militärischen Zensur. Wenn sie sich diesen Vorgaben widersetzten und dem Zensor fiel das auf, schwärzte dieser den Artikel oder ließ ihn blank.“ Die Kirchenführer versuchten deswegen, im Einklang mit der Zensur zu sein und zu bleiben: „Es gab kein Radio, kein Internet, kein Fernsehen. Es gab nur Zeitungen, die eine begrenzte Auflage hatten. Die Informationsdichte war entsprechend locker und brüchig“, verdeutlicht Greschat. Die vom Krieg begeisterten Pfarrer versuchten, diesem einen Sinn zu geben, und sahen darin Gottes Instrument, „das die Bevölkerung eint und Gegensätze aus der Welt schafft“, beschreibt es der Berliner Pfarrer Franz Köhler in seinem Buch „Der Weltkrieg im Licht deutsch-protestantischer Predigt“. Das Buch solle Theologen helfen, „die ungeheure Spannung zwischen Krieg und Evangelium zu lösen“, schreibt er 1915 dazu in seinem Vorwort. Für viele Theologen war klar, dass sie in der Zeit der Not zusammenstehen müssten. Deswegen predigten sie „etwas von christlicher Bruderliebe und dem Verzicht auf eigene Durchsetzung und Unterordnung“, beschreibt Greschat den allgemeinen Duktus. Die Bankrotterklärung der Intellektuellen und des christlichen Wertekataloges gegenüber dem Nationalismus zeigt exemplarisch eine Predigt des damaligen Rektors der Universität Gießen, Samuel Eck. Der evangelische Theologe predigte nach einem der ersten Erfolge des deutschen Heeres: „Es war sein Wille, dass wir siegten. Dafür danken wir. Wir wollen es tun in dem demütig stolzen Bewusstsein: Gott ist wirklich mit uns.“ In ungezählten Predigten sei den Soldaten suggeriert worden, ihr Opfer sei eine „quasi-religiöse Pflicht“, ergänzt der Theologe Wolf-Dieter Steinmann: „Aber eigentlich hat man sie nur zu Opfern gemacht.“ Längst nicht alle Theologen propagierten aber das Gedankengut von Krieg und Nationalismus. Greschat zufolge gab es in allen Staaten „Stimmen, Reden und Predigten gegen den Krieg“. Der eher geringe Kreis der Kritiker merkte an, dass der Krieg nicht im Sinne Gottes sein konnte. Beispielsweise der baden-württembergische Pfarrer Otto Umfrid wandte sich offen gegen den Zeitgeist und versuchte, aus dem „Dilemma des Krieges ohne Ende den Ausweg zu suchen“. Andere Theologen hofften, durch Buße und christlich-moralisches Leben Gott auf die eigene Seite zu ziehen. Der Historiker Herfried Münkler nennt exemplarisch den Hirtenbrief der katholischen Bischöfe, der im Advent 1914 in den Kirchen verlesen wurde. „Der Krieg hat vor sein Gericht geladen die moderne widerchristliche religionslose Geisteskultur […] Das ist unseres Volkes und daher unsere größte Schuld. Sie fordert Buße und Sühne“, heißt es dort. Warum schafften es dann die kritischen Stimmen aus der Kirche nicht, zu zeigen, dass das Kriegstreiben eben nicht zwangsläufig Gottes Wille war und dass das Morden nicht mit dem Glauben gerechtfertigt werden konnte? Als Beispiel möge die Katholische Kirche dienen: Katholiken gab es mehrheitlich in Österreich-Ungarn, in Frankreich und in Italien. Historiker Greschat sagt: „Es ist die Vorstellung von Protestanten, dass die katholische Kirche ein monolithischer Block wäre. Die französischen Katholiken haben sich entschieden gegen die päpstliche Friedensinitiative vom 1. August 1917 gewehrt.“ Darin schlug der Papst als neutraler Vermittler allen am Krieg beteiligten Parteien Friedensverhandlungen vor. Unter anderem forderte er Abrüstung und den Verzicht auf Gebietsabtretungen. „‚Das ist keine Friedensinitiative‘, sagten französischen Katholiken, ‚sondern eine eindeutige Stellungnahme für Deutschland. Damit können wir nichts anfangen‘“, erklärt Greschat die Position, die letztlich alle Kriegsparteien teilten. „Die Vorstellung, dass sie von ihrem Katholischsein her nun etwa eine andere Politik verfolgten, ist eine Illusion.“ Protestanten und Katholiken sahen in den Glaubensgeschwistern in den verfeindeten Ländern abgefallene Brüder. Greschat illustriert die Argumentationsmuster am Beispiel der protestantischen Minderheit in Frankreich: „Die sagten: ‚Also, wir sind evangelisch! Wir kommen von Calvin her. Das ist die wahre Richtung. Die anderen in Deutschland, das ist Luther, das ist Obrigkeitsdenken, das hat mit dem wahren evangelischen Christentum nichts zu tun. Sie sind in die Irre geleitet worden durch die Obrigkeit und durch die Kirchenführung.‘ Also man hatte Gründe in Hülle und Fülle für die eigene Position. Man hat sich letztlich gegenseitig das Christentum, den christlichen Glauben abgesprochen.“ Wer also kein Christ war, gegen den konnte man als Katholik wie auch als Protestant guten Gewissens zu Felde ziehen.

Krieg als besonderes Gotteserleben

In Frankreich grassierte patriotischer Eifer. „Der Feind“ hatte das Land angegriffen und stand für jedermann sichtbar im Land. Auch die katholischen Bischöfe sahen in den Kampfhandlungen nicht nur einen gerechten, sondern sogar einen heiligen Krieg. Sämtliche Theologen und Kirchenleute der Kriegführenden dachten und agierten in der gleichen Weise. Die Soldaten hatten nicht nur eine Verpflichtung gegenüber dem Vaterland, sondern auch gegenüber Gott. Fanzösische Christen fragten sich aber auch, wie die schrecklichen Material- und Menschenschlachten mit dem Willen Gottes in Einklang zu bringen sind, ergänzt Greschat. Mit dem Kriegsende wurden derlei Fragen allerdings wieder geradegerückt. Der Sieg über Deutschland zeigte: Gott hatte an der Seite Frankreichs gestanden. In Großbritannien wurde der Krieg schnell als ein totaler begriffen und auch so geführt. Kriegerische Mittel wie die Seeblockade gegen Deutschland waren in kirchlichen Kreisen keineswegs unumstritten, wurden aber damit begründet, dass sie den Krieg verkürzten. Kritiker des Krieges kamen ins Gefängnis oder ins Arbeitslager. Die Bevölkerung verachtete sie zutiefst. „Man muss leider sagen, dass all die kritischen Gruppierungen nicht wirksam gewesen sind“, betont Greschat. Vor allem auf dem Land drängten Kleriker und der CVJM (Christlicher Verein Junger Männer) junge Männer, sich freiwillig zur Armee zu melden. „Gott braucht Dich“, verkündeten englische Pfarrer. „Wer für Gott ist, der ist auch für England.“ Der Krieg habe überall wenige Auswirkungen auf die Religiosität der Menschen gehabt: „Wer als Christ in den Krieg ging, blieb es in der Regel auch. Gleiches gilt für Atheisten und Agnostiker“, sagt Greschat und kommt zu dem Ergebnis: „Mit Inbrunst begriffen sich die Kirchen und die große Mehrheit der Christen in sämtlichen kriegführenden Staaten nicht nur als Verteidiger ihres Vaterlandes, sondern der Kultur und des Christentums insgesamt. Und mit enormer Selbstverständlichkeit sahen sie dabei Gott als Kombattanten, als einen Mitstreiter im eigenen Lager. Aus der Friedensbotschaft des Evangeliums und der universalen göttlichen Liebe wurde die Verkündigung eines brutalen nationalen Götzen.“ Für den Theologen bleibt die bittere Erkenntnis, dass Christen Gott zur Kriegstreiberei instrumentalisiert haben: „Man muss aufs Ganze gesehen eine erschreckende Preisgabe der christlichen Substanz in den Voten der europäischen Kirchen während des ersten Weltkrieges konstatieren. Mit der jeweiligen Inanspruchnahme Gottes für die Politik des eigenen Landes haben die Kirchen nicht unerheblich zur Radikalisierung des Krieges beigetragen.“ (pro)
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