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Antisemitismus gefährdet Demokratie

Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist in Deutschland gestiegen. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, riet nun davon ab, in Problemvierteln eine Kippa zu tragen. Das ist eine erschreckende Entwicklung. Ein Kommentar von Martina Schubert
Von PRO
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält es für gefährlich, in überwiegend von Muslimen bewohnten Vierteln einiger Städte die Kippa zu tragen
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält es für gefährlich, in überwiegend von Muslimen bewohnten Vierteln einiger Städte die Kippa zu tragen

Ist es für Juden in Deutschland notwendig, aus Angst vor Angriffen in bestimmten Vierteln auf das Tragen einer Kippa zu verzichten? Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagt: Ja. Zwar sollten sich Juden nicht aus Angst verstecken. Die Frage sei jedoch, „ob es tatsächlich sinnvoll ist, […] in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil […] sich als Jude durch das Tragen einer Kippa zu erkennen zu geben oder ob man da eine andere Kopfbedeckung trägt“. So formulierte Schuster im Gespräch mit dem Sender rbb. Diese Entwicklung habe Schuster in dieser Art vor fünf Jahren nicht erwartet, und sie sei „auch ein wenig erschreckend“.
Die Anschläge in jüngster Vergangenheit deuten auf eine neue Gefahrenwelle hin. Im Mai 2014 gab es einen Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel, bei dem vier Menschen ermordet wurden, beim Terror in Paris im Januar forderte ein Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt vier Todesopfer. Erst vor zwei Wochen erschoss ein Attentäter im dänischen Kopenhagen einen Wachmann der Synagoge. Im vergangenen September gab es einen Anschlag auf die Wuppertaler Synagoge, verletzt wurde niemand.
Der israelische Journalist Zvika Klein lief nach den Anschlägen in Paris für Recherchezwecke mit einer Kippa schweigend zehn Stunden durch Paris. Fußgänger beschimpften ihn, zwei Menschen spuckten vor ihm auf den Boden, einer verfolgte ihn sogar ein Stück, wie im Video zu sehen ist. Ein ähnliches Experiment machte der israelisch-deutsche Schauspieler Amit Jacobi in Berlin. Er lief drei Stunden mit Kippa durch Neukölln und Kreuzberg bis zur Neuen Synagoge in Mitte. Niemand reagierte auf ihn – beide Fälle sind Stichproben.
In Deutschland hat die Zahl der antisemitischen Vorfälle zugenommen. Wurden 2013 noch 788 Fälle registriert, waren es im vergangenen Jahr 864 – ein Anstieg um rund zehn Prozent. Was sagt das über ein demokratisches Land aus, wenn der Präsident des Zentralrats der Juden eine Empfehlung gegen das Tragen einer Kippa aussprechen muss und somit zum Verbergen der Religion? Das Verstecken der eigenen Religion widerspricht in jedem Fall unserem freiheitlichen Denken.

Aufgabe der Gesellschaft, gegen Antisemitismus aufzustehen

Mir als Nicht-Jüdin obliegt nicht zu beurteilen, ob die Entscheidung dafür oder dagegen, eine Kippa zu tragen, die richtige ist. Dass einige überhaupt Angst haben (müssen), sich als Jude zu erkennen zu geben, ist allerdings bestürzend, aber vor allem nicht tragbar. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, gegen Antisemitismus – auch verdeckten Antisemitismus – aufzustehen. Wir müssen Antisemitismus konkret benennen und anzeigen. Ein Dialogprozess ist von Nöten. Schuster appelliert auch an die Juden: „Jüdische Gemeinden sollen sich öffnen, sollen sich zeigen, denn nur das, was man kennt, ist etwas, was keine Angst mehr macht.“
Zur deutschen Gesellschaft gehören Christen, Muslime, Juden, Gläubige anderer Religionen und Nicht-Gläubige. Gläubig oder nicht – wir alle sind dazu aufgerufen, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Denn Antisemitismus gefährdet nicht nur die Juden, sondern auch unsere demokratische Kultur und somit jedermann. (pro)

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