Kolumne

Annedore – und das Püppchen

Manchmal sind es kleine Gesten, die ein Leben verändern können. Uwe Heimowski erinnert sich an einen Brief, mit dessen Inhalt er nicht gerechnet hätte.
Eine Kolumne von Uwe Heimowski

Ich saß im Gemeindebüro und öffnete sorgfältig den gepolsterten Brief, der an „Pastor Uwe Heimowski, Evangelisch freikirchliche Gemeinde Gera“ adressiert war. Das hatte bis vor kurzem noch gestimmt, ich war 15 Jahre lang Gemeindereferent in Gera gewesen, nun war ich zur Evangelischen Allianz gewechselt. Mein Nachfolger bat mich ins Gemeindebüro und gab mir den Brief. Vorsichtig befühlte ich den Umschlag, bevor ich ihn öffnete. Darin lag ein kleines Porzellanpüppchen. Gerade einmal so groß wie zwei Glieder meines Zeigefingers. Der Körper leuchtend weiß, die Haare, Augen und Augenbrauen mit einem schwarzen Stift aufgemalt, der rot verzierte Mund leicht verschmiert. Gekleidet in ein gehäkeltes Kleidchen: roter Rock, grünes Oberteil.

Zunächst bin ich etwas irritiert, dann lese ich im Begleitschreiben diese Geschichte: Annedore, die Absenderin, war 1945 als Flüchtling (sogenannte „Heimatvertriebene“) aus Schlesien, das damals deutsch war und heute in Polen liegt, nach Gera gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Grenzen neu gezogen und viele der Deutschen aus Schlesien und den anderen ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches wurden vertrieben. Annedore war damals acht Jahre alt gewesen. Sie war bettelarm, als sie in Gera ankam, die Familie hatte durch die Flucht ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Immerhin hatten sie den Krieg überlebt.

Das erste Spielzeug in der neuen Heimat

Sie waren Baptisten und besuchten in Gera gleich am ersten Sonntag den Gottesdienst. Damals kamen viele Heimatvertriebene in die Gemeinde, und so nahm man auch diese Familie freundlich auf. Besonders eine alleinstehende ältere Schwester hatte Mitleid mit dem Mädchen und kümmerte sich herzlich um sie. Von ihr bekam Annedore das kleine Püppchen geschenkt. Es war ihr erstes eigenes Spielzeug, seit die Familie ihre Heimat hatten verlassen müssen. Annedore war überglücklich.

Nach einigen Wochen musste die Familie Gera schon wieder verlassen. Schweren Herzens. Aber die Heimatvertriebenen wurden gleichmäßig auf verschiedene Regionen in Deutschland verteilt. Annedores Familie wurde jetzt im Wedding in Westberlin angesiedelt, wo sie dann heimisch wurden. Als Annedore 16 Jahre alt war, wurde die Mauer gebaut. In Gera ist sie seit damals nie wieder gewesen.

Mehr als 70 Jahre später sortierte die über 80-jährige Seniorin nun ihr Leben – und ihre Besitztümer. Seit ein paar Jahren war sie Witwe, das Ehepaar war kinderlos geblieben. Dankbar blickte sie auf ihr Leben zurück, das beruflich und persönlich sehr erfolgreich verlaufen war, und nun wollte sie gerne noch zu Lebzeiten etwas von ihrem Wohlstand weitergeben.
Darum schickte sie ihren Brief mit dem Püppchen und ihrer Geschichte an die Gemeinde in Gera. Sie hatte es bis zu diesem Tag aufbewahrt und immer in Ehren gehalten. Sie habe von Freunden gehört, schrieb sie, dass in der Gemeinde Gera eine Kita gebaut werden soll, und dort auch Flüchtlingskinder aufgenommen werden. Das wollte sie gerne unterstützen, denn schließlich sei sie auch ein solches Kind gewesen, und die Gemeinde hätte ihr neue Hoffnung gegeben. Das sollten die Familien aus Syrien und Afghanistan oder Eritrea nun auch erleben.

Eine Gebetserhörung

Darum schenkte sie der Gemeinde das Püppchen, als ein Symbol für den Segen, den sie selber als Flüchtlingsking hier erfahren hatte – und kündigte an, einen ansehnlichen Geldbetrag zu überweisen. Ich war baff. Über ihre Geschichte. Aber auch über die Gebetserhörung: Ihr Betrag, der wenige Tage später auf dem Gemeindekonto einging, deckte genau Lücke beim Eigenanteil, die wir noch zu stemmen hatten, damit das Projekt realisiert werden konnte.

Tränen stiegen mir in die Augen, als ich ihren Brief las. Auch weil meine eigene Mutter als Neunjährige mit ihrer Familie aus Litauen flüchten musste, und ich durch ihre Erzählungen eine Ahnung hatte, was es für die Kinder damals bedeutet hat, freundlich aufgenommen zu werden. Das war beileibe nicht immer der Fall. Damals nicht, und heute nicht.
Die Sätze von Jesus aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums fallen mir ein: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen… Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Und was die Geschwister 1945 Annedore Gutes getan hatten, kam nun zurück, damit wir, die Jüngeren, den Menschen, die heute auf der Flucht sind, ebenfalls Gutes tun.

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