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Anerkennung für Erziehungsleistung

In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel und Familienministerin Köhler fordern 19 Organisationen und Einzelpersonen die Beendigung der Diskussion um das Betreuungsgeld. Der Staat müsse jede von den Eltern gewählte Betreuungsform gleichermaßen fördern und dürfe keine Form der Betreuung einseitig bevorzugen. pro-Redakteurin Ellen Nieswiodek-Martin hat mit Hedwig Freifrau von Beverfoerde, der Initiatorin des Briefes und Sprecherin der Initiative Familienschutz, gesprochen.
Von PRO

Foto: Photo Alto

Frau von Beverfoerde, Sie haben einen offenen Brief an
Bundeskanzlerin Angela Merkel und  Familienministerin Kristina Köhler
verfasst. Was fordern Sie darin?

Zunächst erinnern wir an
das Urteil zur Wahlfreiheit, das das  Bundesverfassungsgericht am 10.
November 1998 verabschiedet hat. Darin steht, dass der Staat jede von
den Eltern gewählte Betreuungsform gleichermaßen fördern muss. Zweitens
weisen wir darauf hin, dass die CSU dem Krippenausbau, der im 
Kinderförderungsgesetz 2008 verabschiedet wurde, nur zugestimmt hat
unter der Bedingung, dass parallel das Betreuungsgeld eingeführt wird.
Wir sind absolut nicht damit einverstanden, dass dieses Zugeständnis an
elterliche Erziehung nachträglich torpediert wird.

Ist der Ruf nach einem Betreuungsgeld, wie in vielen Diskussionen geäußert wurde, nicht nur die Forderung eines konservativ geprägten Mittelstandes?

Es handelt sich um eine Leistung für die Erziehung in den ersten drei Lebensjahren. Diese Zeit galt bis vor kurzem als Zeit, in der das Kind in den geschützten Raum der Familie gehört. Krippen waren eine Notlösung. Es ist nicht eine bestimmte Gruppe, die das Betreuungsgeld wünscht, sondern über 70 Prozent der Mütter würden  ihr Kind in den ersten drei Jahren am liebsten selbst erziehen, wenn sie die finanzielle Entscheidungsfreiheit dazu hätten. Das ergab die repräsentative Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Auftrag des Familiennetzwerkes durchgeführt hat. Der Punkt ist doch, dass der finanzielle Druck immer stärker wird, dass beide Elternteile in den ersten Jahren Geld verdienen müssen. Deshalb werden Krippenplätze nachgefragt, nicht weil die Eltern sich das wünschen.

Warum hat das Betreuungsgeld Ihrer Ansicht nach einen so hohen Stellenwert für Eltern?

Das Betreuungsgeld bedeutet eine Anerkennung für die Erziehungsleistung von Eltern. Wir haben seit einigen Jahren eine sehr einseitige und schiefe gesellschaftliche Debatte, die Eltern nur noch unter dem Aspekt der Defizite von nicht gelingendem Familienleben betrachtet. Dabei wird übersehen, dass im überwiegenden Teil der Familien eine großartige Erziehungsarbeit geleistet wird. Gleichzeitig wird von den Politikern unterstellt, dass Erziehung in öffentlichen Einrichtungen perfekt sei. Da wird niemals hinterfragt, was dort alles schiefläuft. Das ist eine vollkommen irreführende Diskussion, die sich in Deutschland abspielt.

Genau betrachtet sind 150 Euro keine Summe, die eine echte Hilfe für Familien darstellt, auch finanzielle Wahlfreiheit wird durch dieses Geld sicher nicht entstehen. Lohnt sich so viel Engagement für einen verhältnismäßig geringen Einsatz?

Wenn wir betrachten, wie enorm das Engagement der anderen Seite ist, diese kleine Summe den Eltern auf keinen Fall auszuhändigen, merken wir, dass es doch eine wichtige Diskussion ist. Es geht um Anerkennung einer Leistung, die von Tausenden von Müttern und Vätern geleistet wird, die bisher völlig selbstverständlich hingenommen wird. Während auf der anderen Seite enorme öffentliche Gelder für die Erziehung von Kleinkindern in Krippen ausgegeben werden. Da handelt es sich immerhin um die Summe von mehr als 1.000 Euro pro Krippenplatz – jeden Monat. Anerkennung ist heutzutage in hohem Maße mit Geld verknüpft, sonst gilt sie nichts. Für uns ist das Betreuungsgeld ein Anfang, ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Kritisiert wird das Betreuungsgeld etwa von Frauenverbänden, Gewerkschaften oder dem Deutschen Kinderschutzbund. Aber auch die OECD hat die geplante Einführung des Betreuungsgeldes in Deutschland bemängelt. Hat Deutschland denn im europäischen Vergleich einen Sonderstatus?

Nein, andere Länder zahlen seit Jahren ein Betreuungsgeld. In Norwegen wurde "Cash for Care" im August 1998 eingeführt, seit 2003 erhalten Eltern, die ihr Kind zwischen 13 und 36 Monaten selbst betreuen, monatlich 450 Euro, in Schweden 300 Euro. Andere Länder haben unterschiedliche, teilweise vom Einkommen abhängige Leistungen. Die skandinavischen Länder werden uns gerne als Vorbild hingestellt, dass aber dort die finanzielle Anerkennung von familiärer Erziehungsleistung längst stattfindet, wird totgeschwiegen. Schon allein deshalb ist die Diskussion, die wir uns leisten, einfach lächerlich.

Eltern in den Familien unterstützen

Was ist aber mit den Kindern, die in ihren Familien nicht die optimalen Förderbedingungen vorfinden? Ist nicht die Befürchtung berechtigt, dass Eltern das ausgezahlte Geld nicht unmittelbar zugunsten der Kinder einsetzen?

Wir müssen das ganzheitlich betrachten: Die Bindung, die zwischen einem Kind und seinen Eltern in den ersten Lebensjahren entsteht, ist entscheidend für die weitere Entwicklung. Bindung ist grundlegend für die spätere Bildungsfähigkeit, die Gehirnentwicklung und nicht zuletzt ausschlaggebend für die emotionale Intelligenz. Wenn Bindung nicht gelingt, hat das Langzeitauswirkungen, das hat die NICHD-Studie aus den USA eindeutig erwiesen. Diesbezüglich können Familien in schwierigen Verhältnissen mehr leisten als wir vordergründig sehen. Langfristige Entfernung von den Eltern kann für ein Kleinkind einen größeren Schaden bedeuten als ein nicht 100 Prozent funktionierendes Elternhaus.

Anstatt Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen herauszunehmen, wäre es notwendig, die Eltern zu unterstützen. Familienhelfer könnten ihnen in der Familie Hilfestellung bei der Erziehung und die notwendige Anerkennung zu geben. Wenn wir Eltern, die das bisher nicht schaffen, unterstützen und ihnen zeigen, wie sie ihr Leben mit einem kleinen Kind gestalten können, hätten wir einen erheblichen Gewinn für die Kinder und für die Zukunft unseres Landes.

Durch die permanente Propaganda, Kinder so früh und so lange wie möglich aus den Familien herauszunehmen, verstärkt man die Problematik statt sie zu lösen. Wir sollten mehr Geld investieren für mehr Familienhelfer, die in Familien gehen und dort Aufklärungsarbeit und Hilfe leisten, statt die Familien auseinander zu reißen. Kinder aus der Familie herauszunehmen, kann nur der letzte Ausweg sein.

In der ehemaligen DDR wurde ein hoher Prozentsatz der Kinder in Krippen betreut. Viele der heute Erwachsenen sind davon überzeugt, dass ihnen die Fremdbetreuung schon in jungen Jahren  nicht geschadet hat.

Diese Erwachsenen haben ja keinen Vergleich und kennen es nicht anders. Auch Eltern brauchen die Zeit mit ihrem Kind, denn Bindung funktioniert wechselseitig. Jungen Eltern, die in der ehemaligen DDR großgeworden sind, fehlen oft selbst die Vorbilder aus der eigenen Kindheit, wie sie das Leben mit einem kleinen Kind für beide Seiten erfüllend gestalten könnten, da ihre Mütter ja 8 bis 9 Stunden am Tag erwerbstätig waren.

Wenn Sie zu Weihnachten einen Wunsch frei erfüllt bekämen, was würden Sie sich für die Familien in Deutschland wünschen?

Ich wünsche mir, dass ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft für die großartige Leistung und Bedeutung von Familienbindung entsteht. Dass anerkannt wird, was für ein großer Wert der Familienzusammenhalt ist, welche Früchte familiäres Engagement trägt und welche hohe Bedeutung die Familie für das ganze Leben hat.

Vielen Dank für das Gespräch!     

Zur Person:
Hedwig von Beverfoerde ist Diplom-Betriebswirtin und Mutter von drei Kindern. Die Katholikin setzt sich bei der Initiative Familienschutz für die Rechte von Eltern und von Familie in Deutschland ein. Sie ist außerdem im Redaktionsbeirat für das Internetportal "FreieWelt.net".

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehören unter anderen der Pädagoge  Wolfgang Bergmann, die Vorsitzende des Familiennetzwerkes Maria Steuer, die Psychotherapeutin Christa Meves sowie Siegbert Lehmpfuhl von der Christlichen  Ehe- und Familienarbeit Team F.-Neues Leben für Familien.

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