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Ab wie viel Bewusstsein ist der Mensch ein Mensch?

Wenn Menschen nach einem Unfall oder durch einen Hirntumor keine Reaktionen mehr zeigen, können sie jahrelang im so genannten Wachkoma liegen. Über wie viel Bewusstsein verfügen sie noch? Der britische Neuropsychologe Adrian Owen spricht in seinem Buch „Zwischenwelten“ wichtige Fragen zum Bereich „zwischen Leben und Tod“ an. Eine Buchrezension von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher

Foto: Droemer Knaur

Adrian Owen ist ein international anerkannter Neuropsychologe. Seine Experimente mit Wachkoma-Patienten haben weltweites Aufsehen erregt und neue Sichtweisen auf dieses Forschungsfeld eröffnet. Er leitet das renommierte Brain and Mind Institute an der Western University in Ontario, Kanada. In seinem Buch berichtet er von zahlreichen Fällen, in denen Menschen nur scheinbar ohne Bewusstsein dahinvegetierten. In Wirklichkeit erlebten sie alles genau so bewusst mit, was um sie herum geschah, wie jeder andere Mensch auch.

Das sehr autobiographisch angelegte Buch schließt immer auch persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und Meinungen des Autors mit ein. So bekam etwa Owens eigene Mutter einen Hirntumor, und seine langjährige Lebensgefährtin Maureen, die vier Jahre nach der Trennung des Paares wegen einer Blutung im Gehirn ins Koma fällt, zieht sich wie ein roter Faden durch Owens Berichte. Der Neuropsychologe ist aber auch bei allen anderen Patienten oft persönlich ernsthaft betroffen. Im Falle seiner Ex-Freundin erfährt er selbst, wie es ist, wenn ein vertrauter Bekannter im Wachkoma liegt, also im „vegetativen Zustand“ ist, wie es in der Fachsprache heißt: „Sie war nicht mehr da, aber sie war auch nicht weg.“

„Das Gehirn ist der Wesenskern des Menschen“

Owen wirft die Frage auf, was einen Menschen eigentlich ausmacht und stellt fest: „Dein Gehirn bestimmt, wer und was du bist. Es birgt jeden Plan, den du je gefasst hast, die Erinnerung an jeden Menschen, in den du dich je verliebt hast, und jede Reue, die du je empfunden hast. Dein Gehirn ist dein Ein und Alles. Es ist der pulsierende Wesenskern des Menschen.“ Ein Dualismus, also etwa die Ansicht, die viele Gläubige vertreten, dass der Menschen zusätzlich zu seinem Körper noch etwas Körperloses wie die Seele hat, findet in Owens Menschenbild keinen Platz. Er ist überzeugt: „Ohne Gehirn sind wir nichts weiter als eine Erinnerung für andere.“

Ob es in einem regungslos daliegenden Patienten noch so etwas wie Bewusstsein gibt, lässt sich durch einen Scan des Gehirns feststellen, während man die Sinne stimuliert. Man zeigt dem geistig scheinbar abwesenden Patienten etwa Fotos von Verwandten oder Bekannten und misst daraufhin die Gehirnaktivität. Owen und sein Team fanden eine Möglichkeit, mit so genannten Locked-in-Patienten zu kommunizieren, also solchen, die scheinbar über kein Bewusstsein mehr verfügen, weil sie keine Reaktionen auf irgendwelche Reize mehr zeigen. Sie messen dafür die unterschiedlichen Muster in der Gehirnaktivität, während sie die Patienten auffordern, an etwas Bestimmtes zu denken. Denn das Muster ist anders, wenn der Patient sich vorstellt, Tennis zu spielen, als wenn er in Gedanken durch sein Haus geht. Auf diese Weise können Patienten, nur durch diese Unterscheidung, auf Fragen mit Ja und Nein antworten, auch wenn sich sonst kein einziger Muskel mehr bewegt.

Die Wissenschaft kann bis heute nicht erklären, was Bewusstsein oder der freie Wille eigentlich ist. Doch Owens Arbeit und damit seine Schilderungen im Buch verdeutlichen, wie wichtig es ist, Wachkomapatienten weiterhin als Menschen zu behandeln, nicht wie Dinge, auch wenn sie nach außen keinen Willen mehr äußern können. Das verdeutlichen nicht zuletzt Berichte von Menschen, die irgendwann aus einem Wachkoma erwachten und rückblickend ihre Erlebnisse während des Komas schildern. Das Schlimmste war für die meisten, nicht mehr als Mensch wahrgenommen zu werden. Es gibt Berichte, dass Locked-In-Patienten versuchten, sich das Leben zu nehmen, indem sie die Luft anhielten. Doch davon bekam niemand der im Raum Anwesenden etwas mit.

Das Buch „Zwischenwelten“ spricht auch Fragen an, die den Wert des menschlichen Lebens an sich betreffen. Ab wann hat ein Mensch Bewusstsein? Bereits im Alter von einem Monat? Oder schon als Fötus im Bauch der Mutter? Hat eine befruchtete Eizelle ein Bewusstsein? Owen stellt die Frage, die auch beim Thema Abtreibung interessant wird: „Zu welchem Zeitpunkt in diesem Entwicklungsverlauf von Zygote über Fötus und Neugeborenem zu Kleinkind und Erwachsenem tritt Bewusstsein auf?“

Von Menschen, die sich auf Gott berufen, wenn es um die Entscheidung über Leben und Tod geht, sei er geschockt, schreibt Owen. Manche Angehörigen hätten dem Arzt gegenüber geäußert, Gott habe noch mehr mit einem Patienten vor, daher sollten seine Lebenserhaltungssysteme nicht abgeschaltet werden. „Als jemand, der nicht an gesetzgebende höhere Mächte glaubt, sehe ich Entscheidungen nach dem ‚Wort Gottes‘ als nicht rational an. Man könnte ebenso gut mithilfe eines Würfels entscheiden“, schreibt der Arzt.

Doch er plädiert dafür, bei Wachkomapatienten genauer hinzusehen, bevor irgendjemand entscheidet, dass „der Stecker“ gezogen und deren Leben beendet wird. „In den meisten Kulturen und Gesellschaften werden Suizid und Sterbehilfe nicht gebilligt. Warum sollte dies bei einem Patienten mit schwerem Hirntrauma anders sein?“ Der Leser erfährt: „Die meisten Locked-in-Patienten sind im Grunde recht zufrieden mit ihrer Lebensqualität; die meisten wünschen sich nicht den Tod, wenn sie tatsächlich erlebt haben, wie man sich in dieser Situation fühlt.“ Selbst wenn Menschen zuvor, im gesunden Zustand, Verfügungen unterzeichnet haben, dass sie keine lebenserhaltenden Maßnahmen wünschen, erlebten eventuell einen „Albtraum“, wenn sie miterleben, wie gegen ihren tatsächlichen aktuellen Willen die Wiederbelebung eingestellt wird. Ob nun gläubig oder nicht, Owens Buch dürfte viele Menschen dazu bringen, menschliches Leben aus einem ganz neuen Blickwinkel zu betrachten.

Adrian Owen: „Zwischenwelten“, Droemer Knaur, 318 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-426-27694-5

Von: Jörn Schumacher

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