Maria liegt nachts im Bett und kann nicht schlafen. Ihre Sorgen um die kranke Mutter und die eigene finanzielle Situation treiben sie um. Verzweifelt greift sie zum Smartphone und öffnet eine App: „Die Angst vor der Zukunft erdrückt mich. Wo bist du, Gott?“ Binnen Sekunden gibt eine Stimme eine seelsorgerische Antwort, ergänzt mit einem passenden Bibelvers.
Dieses konstruierte Beispiel dürfte gar nicht so selten sein: Menschen suchen sich immer häufiger bei Chatbots Hilfe für ihre Probleme. Aber kann KI auch Seelsorge? Simon Diercks, bei der Allianz-Mission für digitale Mission zuständig, sieht bei Künstlicher Intelligenz in diesem Bereich viele Chancen. Diercks hat selbst zunächst 20 Jahre als Programmierer gearbeitet, bevor er für neun Jahre Gemeindepastor war und dann zur Allianz-Mission gekommen ist.
Fakt ist: Die Zahl der Nutzer für Apps wie „Text with Jesus“, Chatbots für Gebetsanliegen oder KI-gestützte Seelsorgeplattformen wächst. Ihr Vorteil ist, dass Algorithmen rund um die Uhr antworten, nie müde werden und immer empathisch wirken. Laut einer Studie haben 38 Prozent der Deutschen bereits Chatbots für Fragen zur mentalen Gesundheit und zur Seelsorge benutzt. „Für viele ist das ihr erster Anlaufpunkt, wenn sie keinen zum Reden haben“, sagt Diercks. Ihnen falle es leichter, ein Thema aus Scham zunächst anonym anzusprechen. In einer säkulareren Welt sei der Pfarrer schon lange nicht mehr der erste Ansprechpartner. Und viele Menschen wollten nicht warten, bis sie einen Termin beim Therapeuten bekommen, wenn es doch digital so einfach ist.
„In 80 Prozent der Fälle stellen die Menschen die gleichen Fragen“, sagt Diercks. Deswegen spricht aus seiner Sicht nichts dagegen, erst einmal die KI zu befragen. Dass sich deren Antwort aus Wahrscheinlichkeiten berechnet, findet er nicht problematisch. Auch seine Ratschläge im persönlichen Gespräch kombinierten erworbenes Wissen und gemachte Erfahrungen: „Es braucht immer das Vertrauen des Gegenüber.“
Mitgefühl bleibt Sache des Menschen
Diercks schränkt ein, dass den Angeboten die emotionale Tiefe fehle, die ein menschliches Gegenüber aufbringe. Viele Sprachmodelle antworteten bestätigend und fragten im Gegensatz zum erfahrenen Fachpersonal wenig nach. Das sei gerade in konkreten Krisensituationen, etwa wenn sich eine Person umbringen möchte, sehr riskant. Je verletzlicher eine Person sei, desto vorsichtiger sollte sie mit KI-Ratschlägen umgehen. Die KI könne keine Beziehungen führen, mitfühlen oder für Betroffene beten: „Das bleibt die Sache von Menschen.“ Auch beim Datenschutz sieht Diercks KI-Chatbots kritisch: „Je nachdem, wie reflektiert ich mit den Modellen umgehe, offenbare ich sehr viel von mir.“ Wissenschaftlich sei auch noch nicht geklärt, ob „Beziehungen“ zu einem Chatbot auch zu Abhängigkeiten und Suchtverhalten führen können. Die Menschen sehnten sich nach Vertrauensräumen und echten Begegnungen: „Dieses Bedürfnis können wir stillen“, sagt Diercks mit Blick auf zwischenmenschliche Seelsorge und Gemeinschaft.
„Der Heilige Geist lässt sich nicht abhalten, auch durch KI Menschen-leben zu verändern.“
Als Pastor hole er sich selbst Rückmeldungen zu Predigtentwürfen, etwa um zu klären, was die Predigt bei einer depressiven Person auslösen könnte. Auch ein Gespräch in der Seelsorge könne die KI strukturieren: „KI kann das Nötige schneller und so mehr direkte Begegnungen mit dem Einzelnen möglich machen.“ Als Beispiele für hilfreiche KI-Unterstützer nennt Diercks etwa den „Alltagsmissionar“ der Stiftung Heukelbach, der Christen dabei unterstützt, im Alltag evangelistisch unterwegs zu sein und gut auf seelsorgerische Fragen zu antworten. Die App „BibleChat AI“ schafft ein Forum, um sich über Bibeltexte auszutauschen und so einen persönlichen digitalen Glaubensreisebegleiter an seiner Seite zu haben. Der „Ankerplatz“ ist ein KI-Berater für dezidiert schwierige Lebenslagen.
Sowohl die beiden großen Kirchen als auch die weltweite Evangelische Allianz haben Leitlinien „zum guten Einsatz von KI“ erarbeitet. Die Skepsis mancher Gemeinden bedauert er. Viele hätten Angst davor, dass die KI das Zeugnis der Bibel verfälsche und den Menschen an vielen Stellen überflüssig mache. Manche deuteten diese Technologie sogar als Zeichen der Endzeit. Zugleich nimmt Diercks unter Gemeinden ein wachsendes Bedürfnis wahr, sich zu dem Thema zu schulen. Diercks plädiert für einen differenzierten Blick: „Wir müssen schauen, wo Technik Beziehungsarbeit unterstützen kann und wo sie diese gefährdet.“ Zwei Dinge müssten klar sein: „Wo KI drin ist, sollte KI draufstehen. Zudem muss die Maschine so veranlagt sein, dass sie Menschen keinen Schaden zufügt.“ Mit guten Richtlinien müssten christliche Werke keine Angst vor der Nutzung Künstlicher Intelligenz haben, sondern könnten gelassen mit ihr experimentieren und schauen, was davon Gott am besten dient. „Hoffnung statt Angst“, lautet sein Credo, gepaart mit gründlichem theologischen Arbeiten.
Diercks berichtet von einem indischen Tech-Arbeiter, der durch „AI Jesus“ mit einer virtuellen Jesus-Figur redete. Daraufhin habe er sich mit der Bibel befasst und sei zum Glauben gekommen: „Das zeigt, wozu Technik in der Lage ist und dass sich der Heilige Geist nicht abhalten lässt, auch dadurch Menschenleben zu verändern.“ Dennoch: Echte Seelsorge beginnt immer noch jenseits von Wahrscheinlichkeiten und in authentischen menschlichen Begegnungen.
Der Einsatz von KI aus christlicher Perspektive: Der Fachbeitrag „AI, Ethics, and Trust“ wurde 2025 bei der Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz vorgestellt. Er beleuchtet Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz aus christlicher Perspektive und stellt mit dem TRUST-Modell fünf Fragen für ihren verantwortlichen Einsatz – etwa danach, ob eine KI-Anwendung die Menschenwürde achtet, wie sie sich auf Beziehungen zum Nächsten und zu Gott auswirkt, ob sie gerecht ist und ihr Einsatz und ihre Entscheidungswege transparent sind.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 5/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.