Glauben zum Selberbauen

Eine dreiteilige Arte-Dokumentation fragt nach dem Glauben. Am Ende gibt sie aber fragwürdige und unvollständige Darstellungen von Spiritualität. Fast alle Religionen kommen insgesamt positiv weg – bis auf eine.
Von Jörn Schumacher
Nach der Bedeutung von Glaube und Spiritualität (Symbolbild) fragt eine dreiteilige Dokumentation des Fernsehsenders Arte

Es gibt Fragen, die praktisch jeden Menschen angehen, die aber niemand endgültig beantworten kann. Woher kommt alles? Wer hat die Welt erschaffen? Hat das Leben einen Sinn? Wer sich damit beschäftigt, ist auf dem besten Weg, religiös zu werden. DieArte-Dokumentation „Woran wir glauben“, die aus drei jeweils fast einstündigen Filmen besteht, geht dem Phänomen Religion auf den Grund.

Die Filmemacher haben Anhänger bestimmter Religionen als auch Fachleute befragt, die aber nicht immer als Experten für Religion gelten können. Der erste Teil führt die Zuschauer von der Kalahari-Wüste in Südafrika bis zu einem Ashram in Indien. Der Jäger und „Buschmann“ Corne Witbooi dankt jeden Morgen Gott „für den schönen neuen Tag“. Die Natur ist für ihn und seinen Glauben elementar. Denn ohne sie gäbe es kein Leben. Der Film mutmaßt daraufhin im Off: „Vielleicht liegt die Wurzel allen Glaubens in der allmächtigen Natur?“

So wie der jüdische Philosoph Dov Elbaum Spiritualität definiert, hat man den Verdacht, er verwechsle sie mit Neugier. „Es ist das Bedürfnis der Menschen, die Welt und den Prozess des Lebens zu erklären. Das Bedürfnis, Dinge miteinander zu verbinden.“ Aber hat Spiritualität denn nicht gerade etwas mit dem zu tun, was über das Erkennbare der Welt hinausgeht, mit Geist? Das steckt doch schon im Begriff.

Auch beim britischen Podcaster Alex O’Connor, der einen atheistischen Podcast zum Thema Religion betreibt, ist man nicht sicher, ob er den Kern seines Hauptthemas ganz erfasst hat. Er ist überzeugt, Atheismus sei etwas „Passives. Atheisten sind Menschen, denen es egal ist, ob Gott existiert.“ Dabei sind hier Menschen sehr von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt. Sie glauben ja offenbar sehr wohl.

Darauf deutet doch schon der Name Atheismus hin? Gottes Existenz ist ihnen genau deswegen eben nicht egal. Man denke nur an das enorme Sendungsbewusstsein der „Neuen Atheisten“ wie Richard Dawkins, die sehr viel Energie in ihre Mission stecken und zahlreiche Bücher veröffentlicht haben. O’ Connor gibt in der Dokumentation zu verstehen: „Ein Atheist ist keiner von den Typen, die sagen: ‚Ich glaube nicht, dass Gott existiert.‘“ Aber genau das tun sie.

Atheisten reden von Gott

Es folgen Statements von Personen, die man nicht sofort als Interviewpartner beim Thema Religion erwartet hätte. Die Seenotretterin Isa Nohr sagt nicht viel, außer: „Ich glaube nicht an Gott.“ Sie fügt ein weit verbreitetes Missverständnis hinzu: „Wenn es einen Gott geben sollte, warum ist die Welt so, wie sie ist?“ Wieso bringen fast immer ausgerechnet ungläubige Menschen Gott genau dann ins Spiel, wenn man ihn für das verantwortlich machen möchte, was doch ganz offensichtlich Menschen verursacht haben?

Pater Dionisii, orthodoxer Mönch aus der Ukraine und Militärseelsorger, sieht den Glauben sehr pragmatisch: „Am Nullpunkt fragen alle Menschen nach Gott“, sagt er. „Im Krieg gibt es keine Ungläubigen.“ Der deutsche Theologe und Philosoph Hartmut von Sass trennt nicht seinen persönlichen Glauben von seinem Forschungsgebiet, und wirkt damit recht unprofessionell. „In bestimmter Weise glaube ich“, gibt er zu und fügt als seine Motivation, Theologie zu betreiben, hinzu: „Ich betreibe Theologie, um mir klar zu werden, was das überhaupt heißen kann.“

Dann geht es nach Israel. Die Luftaufnahmen zeigen den Küstenstreifen von Tel Aviv mit seinen Hochhäusern. Als Ortsname wird „Bet Schemesh“ eingeblendet. Das ist doch aber eine kleine Siedlung in den Bergen vor Jerusalem? Es geht so dubios weiter. Denn anders als alle anderen Religionen in dieser dreiteiligen Dokumentationsreihe wird allein das Judentum äußerst kritisch behandelt. Der Grund: die strengen Regeln.

Zunächst darf der junge Oz Kabala berichten, dass er der Orthodoxie den Rücken gekehrt hat. Für ihn scheint es ein Befreiungsschlag gewesen zu sein. Früher war das Leben furchtbar, heute ist er glücklich und er geht auf Partys. An Gott glaubt er nicht mehr, sagt er. Das ist alles sehr erwartbar. Interessant wäre doch einmal das Gegenteil gewesen: ein junger orthodoxer Jude, der im Interview berichtet, wie glücklich er mit seinem orthodoxen Glauben ist. „Orthodox bedeutet strenggläubig“, lernt der Zuschauer, und das ist nicht gut. Wer anderswo auf der Erde seiner Religion anhängt, sollte das also auf keinen Fall absolut tun, sondern immer nur relativ, vielleicht könnte man auch sagen: unverbunden.

Der jüdische Philosoph Dov Elbaum wuchs nach eigener Aussage ebenfalls in einer Ultra-Orthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem auf. „Orthodoxe Juden interessieren sich nicht für die Natur“, behauptet er. Es folgt die steile These: Die Tatsache, dass orthodoxe Juden unter sich bleiben wollen, sei nur als „Gefängnis“ deutbar. Dann hat er noch einen Widerspruch im Judentum ausgemacht: „Wir behaupten, dass Gott alles weiß. Gleichzeitig sagen wir aber auch, dass jeder Mensch die Wahl hat, die Freiheit hat, seinen Weg zwischen gut und böse zu wählen.“ Wo genau liegt da der Widerspruch?

Früher drehte sich alles um ihn selbst, heute meditiert er

Der zweite Teil führt den Zuschauer nach Indien in den Ashram von Sadhguru, einem „Weltstar“ unter spirituellen Sinnsuchern, wie es heißt. Der gibt nicht immer ganz stringent nachvollziehbare Sätze von sich wie „Glaube ist ein psychologischer Prozess, den du als existenziell missverstehst.“ Er sagt dann über seinen Ashram: „Hier sind wir weder Gläubige noch Ungläubige. Wir sind Wahrheitssuchende.“

Man spiele das einmal durch: Da ist jemand auf der Suche nach Wahrheit. Wenn er es wirklich ernst mit dieser Suche meint, dann geht er ja offenbar davon aus, dass es Wahrheit gibt, sonst müsste er nicht nach ihr suchen. Was, wenn er eines Tages etwas begegnet, von dem er annimmt, dies könnte diese Wahrheit sein? Wird er dann nicht zu einem Gläubigen? Er glaubt ja, dass er es mit der Wahrheit zu tun hat. Muss er dann aus dem Ashram verschwinden?

Der Gast Marc Wolswijk darf berichten, wie absolut gigantisch er den Ashram findet. In seinem früheren Leben in Amsterdam hat sich alles um ihn selbst gedreht, sagt er. Was für ihn nun anders ist, wird nicht ganz klar. Denn der junge Mann verbringt seinen Tag nach eigener Aussage damit, Yoga zu machen, zu meditieren, zu schwimmen und sich manchmal einen Aschepunkt auf die Stirn zu reiben. Für wen lebt er denn jetzt? Er wolle nun nur noch in sich hineinschauen, um das zu finden, „worum es im Leben wirklich geht“, erklärt er. Seinen Tag verbringe er mit „allein sein, nicht sprechen, nicht lesen, keine Interaktionen, einfach man selbst sein“. Dann merkt man: „Wo stehe ich im Leben?“

Wenn die Sprecherin im Off dann erklärt, dass im Ashram „strikte Regeln“ gelten, vermisst man die Skepsis gegenüber dem „Gefängnis der Regeln“, die eben noch beim orthodoxen Judentum galt. Auch der jüdische Philosoph Dov Elbaum, der das Gesicht verzieht beim Thema jüdische Orthodoxie, berichtet hier begeistert davon, selbst schon „viel Zeit“ in den Ashrams Indiens verbracht zu haben und dort „viel gelernt“ zu haben.

Nach Abstechern zu weiß gekleideten Druiden in der Bretagne sowie Shinto-Priestern und einer Pop-Religion in Japan spricht die Politikwissenschaftlerin Anne Lancien über die „Selber-Bastel-Religionen“ unserer Zeit, die New Age-Religionen genannt werden. Leider wird die nahe liegende Frage auch hier nie angesprochen: Wenn ich mir meine eigene Religion bastle, wie sehr kann ich dann davon ausgehen, dass sie Wahrheiten enthält? Dreht sich ein solcher Glaube am Ende denn nicht gezwungenermaßen immer um einen selbst?

Der dritte Teil „Eine bessere Welt“ geht dann auf den „praktischen Nutzen“ von Religionen ein. So verschroben manche Glaubensrichtungen auch sein mögen, am Ende wäre es schön, wenn sie auch der Gesellschaft insgesamt nutzen könnten, lautet die These. Der deutsche Philosoph Hartmut von Sass betont, dass der Glaube am Ende aktiv werden müsse. „‘An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen’“, zitiert von Sass den einzigen Bibelvers in den drei Filmen.

Islam ausgespart

Der Astrophysiker Nidhal Guessoum leitet aus der Komplexität und Schönheit des Universums die große Wahrscheinlichkeit für einen Schöpfer ab. Erwähnt wird es im Film nicht, aber Guessoum ist gläubiger Muslim. Wie groß wäre die Kritik an den Filmemachern ausgefallen, hätten sie christliche Kreationisten zu Wort kommen lassen, möglicherweise auch noch mit wissenschaftlich fundierten Gründen für ihre Annahme eines Schöpfergottes?

Der Islam wird ansonsten gar nicht thematisiert, naturgemäß ebenso wenig fanatischer Islamismus. In einer Baptistengemeinde in New Orleans gibt ein Gemeindemitglied eine merkwürdige Begründung für die Existenz seiner Kirche ab: „In den 50er und 60er Jahren gab es noch viel offenen Rassismus. Der einzige Ort, an dem man dem entkommen konnte, war die Kirche. Daher unser Glaube.“

Die Macher von „Woran wir glauben“ haben sich nicht vornehmlich an die üblichen „Experten“ gewandt, um die titelgebende Frage zu beantworten, sondern eher an die praktizierenden Vertreter von Religionen. Lange Strecken dieser insgesamt fast dreistündigen Dokumentation füllen mit Musik untermalte Naturaufnahmen, die wohl eher emotional zum Thema Spiritualität passen sollen.

Protestantische Christen kommen nicht vor, von freikirchlichen ganz zu schweigen. Die Motivation fast aller Protagonisten für ihren Glauben ist hier eher die verzweifelte Suche nach Sinn als deren erlösende Erfüllung. Den Inhalt des christlichen Glaubens spricht der Film nicht an. Dabei wäre es doch spannend gewesen, einmal den Unterschied anzusprechen zwischen dem christlichen Glauben als Etwas-für-wahr-Halten und einer Religionsausübung, die im Kern ja doch sehr egoistisch sein kann.

Wieso ist das so? Und warum ist es ausgerechnet das Judentum, das eher negativ konnotiert ist? Vielleicht ist es die Verbindlichkeit dieser beiden Religionen. Ein Jude wie ein Christ sieht sich im Großen und Ganzen wohl nicht vornehmlich als Suchender, sondern als jemand, der von Gott gefunden wurde. Jesu Auftrag „Folge mir“ so wie das jüdische Erwählen seines Volkes und ja, dessen strenge Regeln sind eben genau das Gegenteil davon, sich in einer selbst gezimmerten Religion zu finden.

„Woran wir glauben“, Dokumentationsreihe, ZDF/ARTE, Spiegel TV, Deutschland, Japan, USA, 3 x 52 Minuten, 3. Oktober 2026 ab 21.40 Uhr auf ARTE

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

Unabhängigen christlichen Journalismus häufiger bei Google sehen

PRO bei Google bevorzugen

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen