1: Die Vorgeschichte
Kaum ein anderes Tier hat so viele Menschen in Deutschland beschäftigt wie der zwölf Meter lange Buckelwal Timmy. Der im Frühjahr mehrfach in der Ostsee gestrandete Meeressäuger wurde zum ungeahnten Medienspektakel mit Livestreams und Sondersendungen, bis er nach einer dramatischen Rettungsaktion tot vor einer dänischen Insel im Kattegat aufgefunden wurde. Ein Einzelschicksal als Event mit Dauerberichterstattung, ein Naturgeschehen als Gesellschaftskrimi.
Wer das literarische Meisterwerk „Moby-Dick“ von Herman Melville gelesen hat, weiß um die Faszination des Wals als mythisches Rätselwesen, das existenzielle Fragen zu Leben und Tod, Schuld und Erlösung aufwirft. Und versteht ansatzweise, warum ein hierzulande selten gesehenes, desorientiertes, geschwächtes Jungtier so starke Gefühle und Reaktionen rund um Schicksal und Ohnmacht, Freiheit und Verantwortung auslösen konnte.
Auf der Metaebene geht es unbestritten um eine kollektiv ersehnte Hoffnung auf das Weiterleben, auf eine gute Zukunft – nicht von ungefähr wurde Timmy auf Internetplattformen von selbst ernannten „Walrettern“ schnell in „Hope“ umbenannt. Zumal DNA-Proben ergaben, dass es sich um ein weibliches Exemplar handelte.
2: Das Theaterstück
Und darum heißt das in nur zwei Wochen hastig heruntergeschriebene, Anfang Juli am Hamburger Ernst Deutsch Theater uraufgeführte Stück des umtriebigen Jungregisseurs Alexander Klessinger auch „TIMMY – Die Hope stirbt zuletzt“. Zunächst als einmalige Inszenierung geplant, sind aufgrund der großen (Medien-)Resonanz nun weitere Termine angekündigt.
Das Theater sieht das Stück als „öffentliche Selbstbefragung über Empathie, Aufmerksamkeit und die Geschichten, die wir uns erzählen“. Timmy werfe größere Fragen auf: „Was berührt uns und warum? Welche Ereignisse werden mit Bedeutung aufgeladen? Und was verrät das über die Gesellschaft, in der wir leben?“
Das Publikum an diesem fast ausverkauften, lauen Spätsommer-Abend: junges, urbanes, monokulturelles Links-Bürgertum. Das Stück setzt sich mit dem Timmy-Hype auseinander, indem es Originalzitate vom Ostseestrand aus sozialen Medien dokumentiert und mit KI-generierten Popnummern und liturgischen Elementen zu einer kruden, provokanten Passions-Performance mixt.
Gefühle von Christen werden strapaziert
Walgeräusche mischen sich mit Sakralgesängen, ein Kreuz schwebt schräg-geneigt über der Bühne. Weihrauch wabert über einem Altar und die Travestie einer Heiligen Messe beginnt – komplett mit Pfarrer, Messdienern, Bibelsprüchen und einem Plastik-Walkalb, das als Opfer dargebracht wird, um „uns“ zu retten und zu erlösen: „Der Wal sei mit euch.“ Liebe, Mitgefühl, Solidarität mit der Schöpfung – alles wird zur Persiflage, ohne dabei die transformative und verbindende Dimension von „Glauben“ generell in Abrede zu stellen.
Die Gefühle eines gläubigen Christen werden durch die enthemmte Groteske schwer strapaziert bis überstrapaziert. Den dokumentarischen Originaltönen von enthusiasmierten Timmy-„Jüngern“ folgen stimmverzerrte Klamauk-Songs und die Performance eines Schauspielers, der im Stil eines US-Evangelisten durch die Reihen turnt, aufgedreht singt und Einzelnen respektlos ein Mikro vor den Mund hält, um pseudorelevante Fragen zu beantworten.
Respektlosigkeit wird für mich die heimliche Überschrift des Abends, denn nun geht es an das „Abendmahl“, das sich zu fake-katholischem Singsang aus Gedärmen und Blut der „Majestät“, des „Heiligen“ Hope speist. Der Plastikwal wird nunmehr ans Kreuz genagelt, unter dem sich gleich darauf zwei Schauspieler vermeintlich kopulierend herumwälzen. Einfach nur abstoßend.
Sicher: Anstand und Respekt vor der Schöpfung, vor den Gefühlen Gläubiger, Mitfühlender, Mitleidender, oder vor der Würde des todgeweihten Tiers oder gar dem Heiligen per se – all das war ohnehin nicht zu erwarten.
Kein intellektueller Tiefgang
So bleibt der Eindruck einer lauten, aber letztlich sinnbefreiten Fetisch-Show, einer vermeintlich relevanten, aber letztlich dadaistischen Gagarevue, die von den ach-so-aufgeklärten Zuschauern gleichwohl permanent mit Gekicher und Gelächter goutiert wird. Man ist ja über so etwas wie Religion moralisch längst hinaus, hihi, wie seltsam altmodisch die in der Kirche immer noch reden…
Am Ende viel Beifall für ein grelles, dürftiges Spektakel ohne intellektuellen Tiefgang, bei dem sich die schauspielerischen Leistungen arg in Grenzen halten. Das Stück erreicht kaum mehr, als den Hype um Timmy retrospektiv nachzuvollziehen und quasi-religiös aufzuladen. Die Erzählweise ist auf Effekte ausgerichtet, der Künstler hat uns nicht mehr zu sagen, als dass der Mensch letztlich irgendwie doch ein sinnsuchendes Wesen ist. Und sich genau darüber zu erheben.
Die Chance jedenfalls, aus dem Stoff eine poetisch-philosophische Betrachtung zu machen, die Mehrwert bringt, sie wurde klar vertan. Es bleibt nichts, über das es sich lohnen würde, einmal gründlich nachzudenken. Stattdessen: eine billige, schnelle Nummer (die Aufführung dauert 55 Minuten), im flachen Wasser gestrandet wie die gepeinigte Kreatur Timmy. Die schlichte Message, dass „Timmy“ für viele Menschen eine Art befristete Ersatzreligion war, hätte der Regisseur auch fix auf „X“ posten können…
3. Die Nachgeschichte
Folgerichtig ist die abschließende Podiumsdiskussion der eigentlich spannende Teil des Abends. Sie wird nach jeder Aufführung mit wechselnden Gästen geführt. An diesem Abend geht es um eine Einordnung der theologischen Dimension und um harsche Reaktionen aus christlich-kirchlichen Kreisen, moderiert vom Künstlerischen Leiter des Ernst-Deutsch-Theaters, Marco Damghani.
Regisseur Alexander Klessinger betont, ihn habe die „Sehnsucht nach Hoffnungsgeschichten“ interessiert und nicht, „sich über Kirche lustig zu machen“. Er berichtet von „erschreckenden“ Rückmeldungen, die „sehr oft weit unter der Gürtellinie“ waren: „Viel Feedback kam von denen, die es gar nicht gesehen haben.“ Es habe Anfeindungen wie „Gott wird euch richten“ oder „ihr kommt alle in die Hölle“ bis hin zu Morddrohungen gegeben, die zur Anzeige gebracht worden seien.
Die vehemente Kritik insbesondere von evangelischer und katholischer Seite hatte Klessinger schon in einem Kommentar auf nachtkritik.de kühl an sich abperlen: „Mich überrascht weniger der Vorwurf der Blasphemie als die Tatsache, dass wir 2026 überhaupt wieder so intensiv über Blasphemie sprechen.“ Auf dem Podium ergänzte er: „Verletzte Gefühle dürfen nicht der Maßstab von Kunst sein, das wäre hochproblematisch.“ Kirche habe weiterhin „extrem viel Macht und Deutungshoheit“ und müsse „das allemal aushalten“.
Kirchliche Kritik
Klessinger verteidigt die Verfremdung christlicher Rituale und Symbole. Diese gehörten als prägende kulturelle Formen nicht nur der Kirche, sondern eben auch säkularer und kritischer Kunst. Für die Kunst gebe es keine heiligen Symbole. Warum er das Christentum nutzt, und nicht den Islam? Er wolle den eigenen kulturellen Kontext irritieren: „Die tief verankerte Bildsprache funktioniert, das Kreuz wirkt weit über religiöse Grenzen hinaus.“
Die Medienforscherin und Religionswissenschaftlerin Prof. Kerstin Radde-Antweiler von der Universität Bremen sieht „keine monokausale Erklärung“ für das Phänomen, dass Menschen „einseitig parasoziale Beziehungen zu Tieren entwickeln“. Der „Urdrang zum Sozialen“ existiere nach wie vor, Religion sei eine „positive Identifikationsplattform“, die „mehr als Gemeinschaft“ biete. Ob religiöse Bildsprache in zehn Jahren noch weithin verstanden werde, sei indes fraglich.
Der katholische Theologe Joachim Valentin, Professor für Religions- und Kulturtheorie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, hatte „Timmy“ im Deutschlandfunk für seine „sehr primitive Botschaft“ kritisiert und Zweifel geäußert, „ob es sich um Kunst handelt“: „Die Vorstellung, dass Christen irgendeinem Wahn anhängen wie diejenigen, die diesen Wal verehrt haben, das ist ein logischer Kurzschluss, der zwar ästhetisch funktioniert, aber inhaltlich nicht stimmt.“
Auf dem Podium in Hamburg gibt sich der Direktor des katholischen Zentrums „Haus am Dom“ deutlich milder („Ich finde das Stück großartig“), betont aber, dass es im katholischen Gottesdienst um Hingabe statt um „Gedärme ausweiden“ gehe und das Christentum das Tieropfer ja gerade abgelöst habe: „Wer nicht an Gott glaubt, glaubt an alles Mögliche. Es ist ein tiefes Bedürfnis des Menschen, etwas Heiliges zu finden.“