Das Teilen ist eine Sache für sich: Manchmal gelingt es sehr leicht – Kaugummis mit den Kollegen sind schnell geteilt. In anderen Situationen wirkt das letzte Stück Kuchen jedoch zu verlockend oder die Kollekte im Gottesdienst wandert mehr aus Pflichtgefühl als aus Freude in den Beutel.
Das Prinzip des Teilens erscheint auf den ersten Blick simpel: Meine Ressource – sei es Essen, Geld oder Aufmerksamkeit – wird weniger, während ein anderer davon profitiert. Vielleicht behebt die Geste einen Mangel, vielleicht löst sie eine positive Emotion wie Freude, Dankbarkeit oder das Gefühl, geliebt zu sein, aus.
Auch auf der Seite des Gebers zeigen sich oft positive Effekte. Bereits in Sprüche 11,25 steht: „Wer anderen Gutes tut, dem geht es selber gut […].“
In jedem Fall fördert die Geste des Teilens Gleichheit, sie schafft Verbundenheit. Dies gilt insbesondere für Erlebnisse. Das gemeinsame Durchleben verbindet uns und kann Emotionen sogar noch verstärken. Doch auch das Anvertrauen negativer Erlebnisse an eine vertraute Person kann heilsame Prozesse in Gang setzen: Das Eingeständnis, das Verarbeiten und das Abgeben der Last können so den Weg für Heilung ebnen.
Mit der technologischen Entwicklung der letzten Jahre kamen allerdings noch weitere Bedeutungen hinzu. Angefangen beim Teilen von Fotos in der Familien-Whatsapp-Gruppe über das Erstellen einer Story mit der eigenen Meinung zu politischen Ereignissen bis hin zum Teilen des gesamten Alltags in den sozialen Medien – und das vor teilweise hunderten fremden Zuschauern.
Die Möglichkeit, über räumliche Distanzen hinweg verbunden und informiert zu bleiben, ist ein echtes Privileg – aber auch eine immense Verantwortung. Wieso ist da das Mitteilungsbedürfnis auf einmal so omnipräsent geworden? Oder warum enttäuscht es uns, wenn unsere Fotos nur wenige positive Rückmeldungen erhalten? Und: Wo bleibt Gott in dieser digitalisierten Welt?
Antworten unter der Oberfläche
Wer bis hierhin gelesen hat und neugierig darauf geworden ist, hinter die Prinzipien gewohnter Tätigkeiten zu blicken, wird fündig werden.
Denn genau das tut Pfarrer Andreas Lau in seinem neuen Buch „SMART.HOME.GOTT – Entdeckungen unter der Oberfläche unserer Zeit“, in dem er die digitalen Alltagshelfer unserer Zeit etwas genauer unter die Lupe nimmt. Und offenbart: Hinter Selbstbedienungskassen, E-Bikes oder dem Phänomen des Teilens stecken viel tieferliegende Mechanismen, die unsere Psyche, unsere zwischenmenschlichen Kontakte und unsere Beziehung zu Gott prägen.
„Die folgenden Seiten leben zudem von der Überzeugung, dass wir nicht nur von kleinen und unscheinbaren Dingen und Handlungen geprägt werden, sondern, dass wir selbst aktiv durch sie auch unser Leben prägen können.“
Andreas Lau
In seinem Buch thematisiert er nicht nur, wie es der Titel vermuten lässt, Gegenstände und Handlungen, die in den eigenen vier Wänden stattfinden, sondern blickt auf diverse Alltagssituationen, die fast jeder kennt. Ob im Büro, im Supermarkt oder auf der Straße: Überall begegnen uns Technologien, die selbstverständlich und normal erscheinen, aber erstaunlich viel über unsere Bedürfnisse, Unsicherheiten und Beziehungsmuster aussagen können.
Ihnen nähert sich Lau über persönliche Anekdoten, die einen teilweise schmunzeln, aber auch ein bisschen ertappt zurücklassen.
Wenn beispielsweise der Akku des E-Bikes leer ist, wird der Berg, der vorher gar nicht so groß wirkte, zur Qual. Das schwere Rad wird zur Last, das Schieben zur Schamangelegenheit. Vor allem dann, wenn alle anderen scheinbar mühelos an einem vorbeirasen. In diesem Moment kippt die Stimmung. Die technische Ausstattung, die vorher so willkommen war, wird auf einmal zum Hindernis.
Lau überträgt diese Beobachtung scharfsinnig auf den Glauben: Wenn Gott nur als Dienstleister in unserem Leben begrenzt wird, wird es plötzlich unangenehm, wenn seine Hilfe mal nicht sofort zu sehen ist. Er ist eben kein Gott, der sich nur „dazuschalten“ lässt, wenn wir an das Ende unserer Kräfte kommen. Dann wird es kritisch: Wie gehen wir mit diesem Moment der Schwäche und der Begrenztheit um?
Um mit den gewonnenen Eindrücken umzugehen, liefert der Autor am Schluss jedes kurzen Kapitels praktische Impulse für mehr Bewusstsein im alltäglichen und geistlichen Leben.
Mit archäologischem Blick durch den Alltag
Dabei sind seine Herleitungen keinesfalls krampfhaft konstruiert, sondern überraschen vielmehr durch Tiefgründigkeit und Originalität.
Während viele andere Werke zur Digitalisierung in einseitige Kritik verfallen, wählt Lau einen alternativen Zugang. Er schreibt im Vorwort treffend: „Im besten Fall regt dieses Buch dazu an, mit einem archäologischen Blick der Aufmerksamkeit durch den Alltag zu gehen – und zu entdecken, was die Dinge und Gewohnheiten über uns erzählen und was der Glaube uns zu geben hat.“
Diesbezüglich ist insbesondere sein nahbarer Schreibstil zu loben, der es ermöglicht, der Tiefe seiner Gedankengänge leicht zu folgen und zugleich dafür sorgt, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Am Ende ist das Buch eine Einladung, mit offeneren Augen durch den Alltag zu gehen, sich selbst zu hinterfragen und zu entdecken, wie Gott auf alle menschlichen Bedürfnisse antworten kann und dazu einlädt.
Andreas Lau: „SMART.HOME.GOTT – Entdeckungen unter der Oberfläche unserer Zeit“, Edition Chrismon, 192 Seiten, ISBN: 978-3-96038-460-1, 16 Euro.