Sylke Busenbender: „Wir missionieren nicht heimlich, wir missionieren offen“

Samaritan’s-Purse-Geschäftsführerin Sylke Busenbender wirbt für mehr Einheit unter Christen. PRO erklärt sie, warum der Slogan „It’s all about Jesus“ polarisiert und weshalb das Hilfswerk bewusst auf einen klaren evangelistischen Kurs setzt.
Lea Enkelmann
Sylke Busenbender

PRO: Frau Busenbender, die Einheit unter Christen ist Ihnen ein großes Herzensanliegen. Warum?

Sylke Busenbender: Ich bin ja eine „Spätberufene“ und erst mit 40 zum Glauben gekommen. Im Theologiestudium habe ich gelernt, wie viele interessante theologische Fragen es gibt und habe nicht verstanden, weshalb Christen sich darüber streiten. Ich stellte fest, dass daraus ganz unterschiedliche Frömmigkeitsstile resultieren und dass man überall Gutes und weniger Gutes finden kann. Ich will mich auf das Gute fokussieren. Was das noch pusht: Ich bin mit einem Katholiken verheiratet. Der würde es nicht lustig finden, wenn ich zu Hause beim Abendessen über Katholiken meckern würde.

Laut Ihrer Pressemitteilung erschweren konfessionelle Abgrenzungen gemeinsames Wirken. Hat Samaritans Purse diesbezüglich Schwierigkeiten erlebt?

Ja, das erleben wir immer wieder. Bei den Schuhkartons etwa haben unter anderem die katholischen Bistümer Trier und Stuttgart-Rottenburg irgendwann gemerkt: „Die missionieren ja heimlich“ und weisen stets zu Saisonbeginn darauf hin. Sie fanden das Missionieren unangebracht. Als wir dann im Ahrtal Flutopfern geholfen und dort missioniert haben, schrieben sie, das sei humanitäre Hilfe und deshalb okay. Aber bei „Weihnachten im Schuhkarton“ ist es nicht okay. Zu Mission sagen sie einfach: „Das macht man nicht.“ Und das sehen wir anders. Wort und Tat gehören zusammen. „It’s all about Jesus“, „am Ende geht’s um Jesus“, wie es in unserem neuen Slogan heißt.

Wie haben Sie im Ahrtal missioniert?

Wir sind mit Bollerwagen mit Kaffee und belegten Brötchen rumgezogen und haben den Leuten zugehört. Und haben ihnen erzählt, dass wir jemanden kennen, der Hoffnung schenkt. Und dass der Jesus heißt.

Warum gelingt die internationale konfessionsübergreifende Zusammenarbeit besser?

Um mit „Weihnachten im Schuhkarton“ möglichst viele Kinder weltweit zu erreichen, kooperieren wir mit Gemeinden in den Empfängerländern. Durch diese Zusammenarbeit entstehen dort gute Beziehungen. Gibt es jetzt in Kolumbien oder Venezuela ein Erdbeben, gehen wir auf diese Kirchengemeinden zu. Dort können wir praktisch unterstützen. Über „Weihnachten im Schuhkarton“ bekommen wir Kontakt zu Kirchen und Gemeindegründungsprojekten weltweit. Wir gehen auch in wirklich entlegene Gegenden, in die noch niemand das Evangelium gebracht hat.

Welche Rolle spielt die Konfession der Gemeinde vor Ort?

Da achten wir nicht darauf. Wir arbeiten mit jedem zusammen, der ans Evangelium glaubt und nicht bei drei auf dem Baum ist. Das ist übrigens in Deutschland auch so. Wir haben zum Beispiel auch katholische Kooperationspartner – nicht die Masse, aber es gibt welche.

Den Slogan „It’s all about Jesus“ verwendet Samaritans Purse seit 2025. Das klingt für manche wahrscheinlich sehr evangelikal. Hat das Auswirkungen auf die innerdeutsche Zusammenarbeit?

Hat es, ganz klar. „Liebe lässt sich einpacken“ – das frühere Motto – war längst nicht so klar wie „It’s all about Jesus“. Das steht auf jedem Roll-up und jedem Flyer ganz prominent drauf. Tatsächlich haben manche deswegen nicht mehr mitgemacht, landeskirchliche und auch evangelikale Sammelstellen. Eine Mitarbeiterin einer Sammelstelle im äußersten Berlin-Marzahn teilte uns mit, sie wüssten, wie man in einem solchen Umfeld evangelisiert – und das ginge gar nicht. Fünf Monate später entschuldigte sie sich bei mir, weil selbst säkulare Annahmestellen die dreifache Anzahl von Schuhkartons bekommen hatten. Also: Ja, der Slogan hat polarisiert, manche zeigten sich aber begeistert von dieser Klarheit. Wenn die Trierer Kirche uns vorwirft, dass wir früher heimlich missioniert haben, sagen wir jetzt ganz klar: Wir missionieren nicht heimlich, wir missionieren offen. Und jeder kann es sehen.

Der neue Slogan wurde im Voraus von einem Schreiben begleitet, das kritische Fragen aufgreift. Welche Bedenken haben dazu geführt?

Das war nicht im Voraus. Wir haben die ersten Kommentare zum Slogan genommen und darauf basierend ein erklärendes Schreiben verfasst. Ich glaube, es gibt keine niederschwellige Kommunikation über Jesus Christus, denn die kann seine Gestalt verkürzen. Das kann dazu führen, dass die Zeitgenossen ihn total langweilig finden oder, dass der Jesus aus der Bibel nicht mehr erkennbar ist. Nur wenn wir als Christen das Wort Gottes wirklich ernst nehmen, auch gegen den Mainstream, nur dann stellt uns jemand Fragen. Warum sollte ich irgendjemanden nach seinem Lebensstil fragen, der genauso ist wie ich?

Wie haben sich die Päckchenspenden in der ersten Saison mit dem neuen Slogan entwickelt?

Die Schuhkartonzahlen sind leicht rückläufig gewesen. Sehr viel leichter als wir befürchtet hatten. Auf der anderen Seite hat sich der Prozentsatz der Sammelpunkte und Projektpartner, die unsere Sichtweise teilen, in den vergangenen anderthalb Jahren stark erhöht. Auf die Anzahl der Schuhkartons haben wir keinen Einfluss, auf die Anzahl der mitwirkenden Kirchen schon. Im letzten Jahr haben wir über 100 Kirchen als Partner gewonnen, indem wir angerufen und gefragt haben, ob sie mitmachen wollen. Eine Spenderumfrage hat vor Kurzem auch gezeigt, dass die Wahrnehmung unseres evangelistischen Fokus sich von 24 auf 54 Prozent erhöht hat. Daran dürfte der Slogan mitgewirkt haben. Man kann den nicht mehr übersehen. Es macht aus unserer Sicht wenig Sinn, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die unsere Sichtweise nicht teilen.

Welche Sichtweisen sind das?

Wenn die Sammelstellen sich nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückmelden, können wir sie für das Jahr nicht mehr aufnehmen. Wir sind nicht übermäßig verwöhnt mit dem Commitment evangelikaler Kirchengemeinden, aber es ist deutlich höher als das von Nicht-Evangelikalen. Wir fragen nur: „Wollt ihr wieder mitmachen?“ Da sagen die Evangelikalen: „Ja, klar wollen wir das. Für uns ist das ein wunderbares Mittel, um christusferne Menschen zu erreichen.“

Welche konkreten Sichtweisen müsste ich teilen, um eine neue Sammelstelle werden zu dürfen?

Du musst akzeptieren, dass Jesus im Zentrum dieser Aktion steht – und zwar sowohl innerhalb unseres Landes als auch dort, wo die Schuhkartons hingehen. Wenn das für dich ebenso ein Anliegen ist wie für uns, dann bist du herzlich willkommen.

Wurde der neue Slogan von der internationalen Organisation vorgegeben oder mit den nationalen Zweigstellen abgestimmt?

Eine Mitsprache habe ich nicht wahrgenommen, aber auch nicht, dass wir kein klares „Ja“ dazu hatten. Wir haben damals zwar schon einen Tag wirklich tief durchgeatmet, weil wir Angst hatten, was mit den Schuhkartonzahlen passiert. Aber dann haben wir gesagt: „Nee, das ist vollkommen richtig, wir machen mit.“ Und dass die Zahl der Sammelstellen, die unsere Sichtweisen teilen, so durch die Decke gegangen ist, das hätten wir ohne diesen eindeutigen Slogan nie hingekriegt. Wir haben sehr viele Zuschriften bekommen, die gesagt haben: „Ja, endlich!“ In Deutschland sind wir ja eines der wenigen Werke, das mit einem so klaren evangelistischen Fokus nach draußen geht und darüber nicht schweigt. Das macht uns aus.

Was wäre möglich, wenn überkonfessionelle Zusammenarbeit in Deutschland plötzlich problemlos funktionieren würde?

Ich glaube, dass wir dann eine Million Schuhkartons in diesem Jahr sammeln würden.

Und würden Sie von einem neuen Projekt träumen?

Da fallen mir einige Sachen ein. Ich glaube, dass Einsamkeit in Deutschland ein Riesenproblem ist. Ich glaube zweitens, dass Wohnungslosigkeit ein Riesenthema ist. Insgesamt denke ich, dass wir den größten Multiplikationseffekt erzielen, wenn wir Kirchen dabei unterstützen, dass ihre Mitglieder wirklich christlich leben. Dabei ist es uns als Samaritan’s Purse in Deutschland wichtig, Dienerin der Kirche zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

Unabhängigen christlichen Journalismus häufiger bei Google sehen

PRO bei Google bevorzugen

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen