Samuel – eine Geschichte der Versöhnung

Der Völkermord in Ruanda liegt drei Jahrzehnte zurück. Doch die Wunden sind noch immer da. Über die schwierige Versöhnungsarbeit im Land – und wie sie gelingen kann.
Eine Kolumne von Uwe Heimowski

Als Samuel zum ersten Mal die Einladung zu einer Versöhnungsgruppe erhielt, wollte er nicht teilnehmen. Zu groß war die Angst, erneut verhaftet zu werden. Zu schwer wog die Vergangenheit. Während des Genozids war er noch jung gewesen, ein Täter, später verurteilt und nach der Verbüßung seiner Haftstrafe in sein Dorf zurückgekehrt. Doch wirklich frei war er nie. „Mein Herz war nie in Frieden“, sagt Samuel. Vielen Menschen wich er aus, besonders den Überlebenden. 

Eine von ihnen war Diana. Sie hatte während des Genozids ihre gesamte Familie verloren. Dass sie selbst überlebt hatte, konnte sie sich lange nicht verzeihen. Erst als sie Teil einer Versöhnungsgruppe wurde, konnte sie erleben, wie ihr Schmerz weniger wurde. Hier traf sie erneut auf Samuel – für dessen Freilassung sie sich vor einigen Jahren eingesetzt hatte, damit er auch an dem Projekt teilnehmen konnte. Diana hat die Täter, die ihre Familie getötet haben, getroffen. Mehr als 30 Menschen kamen, um bei ihr um Vergebung zu bitten. 

Heute sprechen beide von einem Weg, den sie sich früher nicht hätten vorstellen können. Diana erlebt, wie ihr innerer Schmerz heilt und Samuel kann nun mit einem leichten Herzen den Menschen in seiner Dorfgemeinschaft begegnen.

In den vergangenen drei Jahren war ich mehrfach in Ruanda unterwegs. Bei den Besuchen wird schnell klar, dass die Geschichte von Samuel und Diana nicht nur eine berührende Einzelgeschichte ist. Sie steht exemplarisch für ein ganzes Land, das bis heute mit den Folgen des Genozids von 1994 leben muss. Damals waren innerhalb von rund 100 Tagen Hunderttausende Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet worden. Ganze Familien wurden ausgelöscht, Nachbarschaften zerstört, selbst Kirchen und Schulen wurden zu Tatorten. Was mich besonders bewegt hat: Die Täter waren nicht nur anonyme Milizen oder Soldaten. Oft waren es Menschen aus demselben Dorf, Nachbarn, Bekannte, manchmal sogar Verwandte. Darum ist Versöhnung in Ruanda keine abstrakte politische Parole. Sie betrifft den Alltag, die Märkte, die Felder, die Gottesdienste, die Wege durchs Dorf.

Ein langer Weg

Nach dem Genozid stand Ruanda vor einer Aufgabe, die man sich von außen kaum vorstellen kann: Wie kann Gerechtigkeit geschehen, wenn Gefängnisse überfüllt sind und wenn ein großer Teil der Bevölkerung entweder Opfer, Täter, Mitwisser oder Angehörige von Betroffenen sind? Ein Weg waren die Gacaca-Gerichte. Sie knüpften an eine traditionelle Form gemeinschaftlicher Konfliktlösung an. Natürlich waren sie nicht frei von Kritik und Schmerz. Aber sie machten deutlich: Wahrheit muss ausgesprochen werden. Schuld darf nicht verdrängt werden. Und zugleich braucht ein Land, das weiterleben will, Wege, auf denen Menschen Verantwortung für ihre Taten übernehmen, wo Täter um Vergebung bitten und – wo möglich – wieder miteinander leben lernen.

Die Kategorien Hutu und Tutsi sind keine harmlosen ethnischen Beschreibungen, sondern wurden im Laufe der Kolonialgeschichte politisch aufgeladen und rassistisch missbraucht. In Ruanda habe ich Menschen getroffen, die genau diese Kategorien überwinden wollen. Sie sagen nicht zuerst: Ich bin Opfer. Oder: Ich bin Täter. Sondern sie ringen darum, wieder als Ruanderinnen und Ruander miteinander zu leben. Das ist kein billiges „Schwamm drüber“. Es ist ein langer Weg durch Wahrheit, Tränen, Geständnisse, Gebet, praktische Wiedergutmachung und neue Beziehungen. Für Samuel bedeutete das: seine Schuld bekennen, trotz aller Scham, die das mit sich brachte. Es hieß auch, Wiedergutmachung zu leisten: Einen großen Teil des Landes, den die Familie seit Generationen bewirtschaftet, gab er an die Nachbarn ab, deren Familienangehörige ermordet wurden.

Die Begegnung mit Samuel und Diana hat mir diesen Weg konkret vor Augen gestellt. Samuel spricht nicht theoretisch über Schuld. Er kennt sie. Er hat sich von der Propaganda anstecken lassen und ist selber zum Mörder geworden. Diana spricht nicht theoretisch über Schmerz. Sie hat ihre Familie verloren. Und doch sitzen beide heute in einem Raum, hören einander zu und sprechen von einem Frieden, den sie früher nicht für möglich gehalten hätten. Für mich ist das eines der stärksten Zeichen christlicher Hoffnung: Versöhnung löscht das Böse nicht aus der Geschichte, aber sie macht einen Neuanfang möglich.

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