Auf der Suche nach der großen (Online-)Liebe

Online-Dating ist unter Christen längst etabliert. Doch wie fühlt es sich an, im Internet nach der großen Liebe zu suchen? PRO-Volontär Christian Biefel hat den Selbstversuch gemacht. Eine Geschichte über Oberflächlichkeit, Geld und viel Liebe.
Von Christian Biefel
Online-Dating-Symbolbild

E d e n … Meine beiden Daumen tippen den Namen der christlichen Dating-App in das Suchfeld des App-Stores. Sofort ploppt ein rotes Quadrat mit weißem Herz auf. Ich überfliege kurz die Bewertungen. 4,1 Sterne – gar nicht schlecht, denke ich mir, während ich die App zum Kennenlern-Portal herunterlade. Zeitgleich macht sich in mir eine leichte Nervosität bemerkbar. Zwar bin ich zum Zeitpunkt der Recherche noch Single, doch auf der Suche nach einer Partnerin bin ich nicht. Trotzdem: Der Gedanke, zufällig jemanden zu treffen, der mich liebt, verursacht ein prickelndes Gefühl in meinem Bauch.

Es ist ein einschneidendes Erlebnis für mich: das erste Mal Online-Dating. Für die Software bin ich hingegen einer von vielen. Systematisch und sachlich fragt sie nach meinem Namen, Vorlieben, Charaktereigenschaften, Glaubensgrundsätzen und anderen persönlichen Informationen. Anschließend fordert mich die App auf, ein Foto von mir hochzuladen. Unbehagen beginnt sich in mir zu regen. Was, wenn Freunde, Bekannte oder gar meine zukünftigen Vorgesetzten mich dort sehen? Ich zögere. Dann beginne ich, durch meine Galerie zu scrollen.

Das Tinder-Prinzip

Keine fünf Minuten später geht mein Profil online. Auf meinem Bildschirm erscheint unmittelbar das Porträt einer jungen, attraktiven Frau. Sie lächelt nett. Ich lächle zurück – wie töricht – als ob sie mich sehen könnte. Während ich mich noch über mein naives Verhalten wundere, erklärt mir die App, wie ich sie zu bedienen habe. Nach links wischen, auch „swipen“ genannt, bedeutet: kein Interesse an der vorgeschlagenen Person. Nach rechts wischen, „liken“: Interesse ist vorhanden.

„Someone likes you“

Nachricht von „Eden“

Die gelikte Person erhält dann eine Nachricht, dass ich sie daten möchte. Wenn sie mich ebenfalls kennenlernen möchte, liked sie zurück. Wir haben dann ein „Match“ und das Dating kann beginnen. Kurz gesagt: Es ist ein ähnliches Prinzip wie das von Tinder – einer säkularen Dating-App, die unter anderem für Verabredungen zu unverbindlichem Sex bekannt ist. Eine Ähnlichkeit, die mich verwundert. Ist doch das Motto von Eden, laut deren Website, ein anderes: eine Dating-Website zu erschaffen, die Millionen von Christen helfen soll, die wahre Liebe zu finden.

Prickelndes Bauchgefühl

Ich bin gerade dabei, eine junge Frau wegzuwischen, als mein Handy vibriert. Die erste App-Mitteilung erscheint auf meinem Smartphone. „Someone likes you.“ Da ist es wieder. Ein wohlig-warmes Gefühl, das meine Bauchgegend umspült. Jemand mag mich. Meine Finger – als ob sie magnetisch angezogen werden – bewegen sich in Richtung der Meldung.

Doch wider Erwarten erlebe ich nichts als Enttäuschung. Das Bild meiner Anwerberin ist verpixelt und dadurch unkenntlich – zusätzlich werde ich durch ein aufdringliches Banner aufgefordert, ein kostenpflichtiges Abo abzuschließen. Nur dann kann ich mit meiner potenziellen Dating-Partnerin Kontakt aufnehmen. Kostenfaktor für diese „Privilegien“: 12,99 Euro pro Woche.

„Eden“ ist dabei nur ein Beispiel. Ähnliche Szenen erlebe ich auch auf „Salt“ und anderen christlichen Online-Dating-Plattformen. Mich beschleicht der dumpfe Verdacht, dass hier Sehnsüchte nach Beziehung ausgenutzt werden. Ich frage mich: Was ist die Motivation dieser sogenannten christlichen Dating-Dienste?

Meine Suche beginnt bei der App, von der ich gerade berichtet habe. „Eden“. Die App kommt ursprünglich aus der Ukraine und ist seit 2018 in diversen App-Stores international verfügbar. Die Kontaktaufnahme zu den Verantwortlichen gestaltet sich jedoch schwierig. Zunächst hat die Website kein Impressum und erst über Umwege lassen sich Angaben zu den Initiatoren finden. Ein fünfköpfiges Team um Oleksandr Vovk als Geschäftsführer und Ilya Kurtov als Inhaber. Doch auch diese Kenntnisse bringen mich nicht weiter – jeglicher Versuch der Kontaktaufnahme scheitert. Auf E‑Mails und Social-Media-Anfragen erhalte ich keine Antwort. Jede weitere Recherche führt ins Leere. Offizielle Unternehmensdaten zu der Firma lassen sich online nicht abrufen.

600.000 Euro Vermögenswert

Ich bin gezwungen, meine Fragen an anderer Stelle beantworten zu lassen, und komme mit „Salt“ in Kontakt. Das ist ebenfalls eine christliche Dating-App. Sie kommt aus Großbritannien und ist ähnlich aufgebaut wie „Eden“. Der Unterschied: Die Anzahl der vorgestellten Dating-Partner ist limitiert und die Profile bieten mehr Informationen zu den Nutzern. Doch auch hier: Ohne kostenpflichtiges Abo kein uneingeschränktes Dating-Erlebnis. Die Kontaktaufnahme läuft diesmal wesentlich besser. Auf meine Interviewanfrage meldet sich ein sympathisch wirkender junger Mann aus dem Marketingressort. Einem Interview stimmt er bereitwillig zu. Er habe seine Frau selbst über die App kennengelernt und freue sich, mir weiterzuhelfen. Einzige Bedingung: Ich soll in meinem Artikel die Unternehmens-Website von „Salt“ verlinken. Ich stimme nicht zu.

Ich erläutere ihm, dass ich grundsätzlich keine Werbung in meine journalistischen Texte einbaue, dennoch an den Antworten des Unternehmens interessiert sei. Es ist unser letzter Austausch. Keine Antwort – auch keine Absage – kommt von dem vorher zeitnah und zuverlässig antwortenden Mitarbeiter. Ein Monat vergeht. Ich versuche die Kontaktaufnahme erneut. Ich bitte den Mitarbeiter, auch wenn er an einem telefonischen Interview nicht interessiert sei, meinen angefügten Fragebogen schriftlich zu beantworten.

Die Fragen drehen sich schwerpunktmäßig um die Grundmotivation des Unternehmens und welche Rolle Geld dabei spiele. Doch auch dieses Mal bleibt die erhoffte Antwort aus. Dass die britische Firma finanziell nicht im Minus steht, zeigen die Zahlen auf „NorthData“ – einer Website, die Unternehmensdaten speichert. Das Gesamtvermögen von „Salt“ betrug demnach im Jahr 2024 umgerechnet mehr als 600.000 Euro, Tendenz: steigend.



Abrutschen in die Oberflächlichkeit

Kohärent zu den Zahlen von „Salt“ steigt indes mein Wissensdurst nach Antworten. Ich verabrede mich mit Benedict Schmid. Der Unternehmer gründete vor 19 Jahren die Online-Dating-Plattform „Christ sucht Christ“ – die größte christliche Kennenlern-Plattform im deutschsprachigen Raum. Bereits 25.000 Paare durften sich darüber finden. Der Gründer kennt sich mit den Mechanismen und Strategien der Online-Dating-Anbieter hervorragend aus. Prinzipiell sagt er, gehe es in den meisten Fällen vor allem um Gewinnmaximierung. Es gehe um „Matches“. Schnell und einfach. Ein schnelles „Ich-werde-geliebt“-Gefühl, das den Suchenden weiter motiviert, die App zu nutzen.

Das Resultat sei dabei ein Abrutschen in die Oberflächlichkeit. Ob die Beziehungen am Ende zustande kommen, sei Nebensache. Allerdings sei das nicht der einzige Ansatz. Es gebe auch Alternativstrategien, führt Schmid aus. Ihm sei es zum Beispiel immer wichtig gewesen, dass das Produkt funktioniere. Nicht der finanzielle Gewinn solle den Erfolg des Unternehmens definieren, sondern das tatsächliche erfolgreiche Vermitteln von Partnern. Dabei müsse die Branche weggehen von der Oberflächlichkeit hin zur entschleunigten Tiefe. Es müsse die Möglichkeit bestehen, dass der richtige Partner auch auf den zweiten Blick erkannt werden könne und nicht nach dem ersten Blick schon aussortiert werde.

„Es wird mit Sehnsüchten von Menschen versucht, Geld zu machen“

„Salt“-Nutzerin

Im Gespräch mit Nutzern von „Salt“ und „Eden“ höre ich Ähnliches. Viele beklagen den Hang zur Oberflächlichkeit und Gewinnorientierung. Eine Nutzerin schreibt per Chat: „Es wird mit Sehnsüchten von Menschen versucht, Geld zu machen.“ Die Abo-Modelle seien in ihren Augen „sehr teuer“. Gerd Hutschenreuter, ehemaliger Verantwortlicher für den Fachbereich der Singles bei „team-f“ – einem christlichen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Beziehungen zu fördern und insbesondere für Singles eine analoge Plattform zu bieten – äußert im Gespräch: „Wir haben selbst ein paar Mal darüber nachgedacht, als Ergänzung zu unseren Angeboten eine Online-Dating-Plattform zu schaffen. Wir hätten den Anspruch gehabt, dass das Online-Angebot unserem analogen Angebot in der Qualität nicht nachstünde. Außerdem wäre es uns wichtig gewesen, einen „Safe-Space“ zu schaffen. Letztendlich mussten wir jedoch erkennen, dass für eine gute Qualität und kontinuierliche gute Führung einer solchen Plattform einiges an Kapital aufgebracht werden müsste. Das wäre dann ein unternehmerischer Zweig, der jedoch mit unserer gemeinnützigen Vereinsbasis nicht zusammenpasst. Deswegen haben wir es nicht weiterverfolgt.“

Ganz ohne App-Store und Abo-Modell.

Ich lege mein Handy aus der Hand. Nach zig Stunden im Austausch mit Nutzern und Gesprächen mit Anbietern grübele ich. Was wird die Zukunft des christlichen Online-Datings sein? Wird die zunehmende Oberflächlichkeit als Folge der angestrebten Gewinnmaximierung zunehmen? Oder wird der Fokus auf ein tiefes und entschleunigtes Kennenlernen gelegt werden? Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels bin ich bereits verlobt. Meine Partnerin habe ich entgegen des Selbstversuches allerdings nicht über eine Online-Plattform kennengelernt, sondern auf klassischem Weg: analog. Ganz ohne App-Store und Abo-Modell.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen