Eine Woche nach dem größten Migrantenzustrom, den Ceuta (Spanien) in seiner jüngeren Geschichte erlebt hat, koordinieren die evangelikalen Kirchen und Gemeinden der Stadt ihre Kräfte, um auf die Not zu reagieren. Sie versorgen Gemeindemitglieder, aber auch tausende Migranten, die weiterhin durch die Stadt ziehen.
Javier Santolaria ist Pastor der Gemeinde „Casa de Alabanza“ (zu deutsch: Haus des Lobpreises) – der ältesten evangelikalen Gemeinde Ceutas, die etwa 1958 gegründet wurde. In dieser Woche nahm er an einem Treffen teil, bei dem verschiedene Gemeinden und Werke darüber berieten, wie sie mit der aktuellen Krise umgehen können.
„Wir haben die verschiedenen evangelikalen Gemeinden und Werke der Stadt zusammengebracht“, erklärt Santolaria gegenüber dem spanischen Nachrichtenportal „Protestante Digital“.
Ziel sei es gewesen, Doppelarbeit zu vermeiden, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln und herauszufinden, wo man durch Zusammenarbeit die größte Wirkung erzielen könne. An dem Online-Treffen nahmen verschiedene evangelikale Gemeinden und Werke teil, die in Ceuta evangelistische, soziale und kulturelle Arbeit leisten.
Ein Unterstützungsnetzwerk
Eines der Projekte, bei denen sie beschlossen, ihre Kräfte zu bündeln, ist das Programm „Bocadillos con Amor“, das seit Langem von „Youth With A Mission“ (zu Deutsch: „Jugend mit einer Mission“) in Ceuta durchgeführt wird. Montags bis freitags verteilen freiwillige Helfer Tüten mit Grundnahrungsmitteln an Gruppen von Migranten, die am Stadtrand leben – teilweise in Gebieten, die weit vom Stadtzentrum entfernt sind.
Zusammen mit den Lebensmitteln verteilen sie christliche Literatur wie „More Than a Carpenter“ (zu Deutsch: „Wer ist dieser Mensch?“) auf Französisch und Arabisch sowie das Neue Testament und die Bergpredigt, ebenfalls auf Arabisch. „Sie verbringen viele Stunden damit, nichts zu tun. Wir hoffen, dass der Herr viele Menschenleben berühren kann“, sagt der Pastor.
Die Zahl der Migranten, die sich noch in Ceuta aufhalten, wurde von offiziellen Stellen nicht bestätigt. Es wird jedoch geschätzt, dass weiterhin tausende Menschen, darunter viele Minderjährige, auf den Straßen und in den Stadtvierteln leben. Die Stadt steht noch immer unter dem Schock der Ereignisse von vor eineinhalb Wochen.
„Tausende Menschen sind noch immer hier“
Die Zusammenarbeit der Gemeinden zeigt, dass die Stadt Ceuta noch weit davon entfernt ist, zur Normalität zurückzukehren. „Manchmal gibt die Berichterstattung nicht genau wieder, was die normalen Bürger hier jeden Tag erleben, insbesondere am Stadtrand. Die Stadtviertel sind weiterhin überfüllt. Wir sprechen von Tausenden Menschen, die noch immer in der Stadt sind.“
Das Ergebnis sei ein Klima der Unsicherheit, das dazu führe, dass viele Einwohner nicht mehr aus dem Haus gingen oder dies nur noch täten, wenn es unbedingt notwendig sei. Santolaria bestätigt, dass es trotz einer verstärkten Präsenz von Polizei und Militär weiterhin zu Unruhen komme, auch wenn nicht alle Vorfälle in den Medien auftauchten.
Hinzu komme die Anspannung rund um den Beginn des neuen Schuljahres. Die Möglichkeit, zwei Schulen für die Unterbringung unbegleiteter Minderjähriger umzuwandeln, hat Proteste unter Eltern ausgelöst. „Das sind Probleme, die sich immer weiter auftürmen“, fasst Santolaria zusammen.
Mehr Polizeipräsenz, aber nicht ausreichend
Die Ankunft zusätzlicher Polizeikräfte und Verstärkungen der spanischen Guardia Civil vom Festland sowie der Einsatz des Militärs an strategischen Punkten – etwa an den Eingängen von Supermärkten und Tankstellen – habe den Bewohnern etwas mehr Sicherheit gegeben.
„Man kann den Unterschied erkennen“, räumt der Pastor ein. Doch die Zahlen seien weiterhin überwältigend: „Egal, wie viele kommen – wenn wir von Tausenden Menschen sprechen, bleibt das Gefühl, dass noch mehr Kräfte benötigt werden.“
Die Belastung in den Krankenhäusern
Zu den Menschen, die seit Tagen bis an ihre Belastungsgrenze gehen, gehört Santolarias Ehefrau, die als Krankenschwester in einem Gesundheitszentrum der Stadt arbeitet. Bereits am ersten Tag der Krise wurde sie nach Tarajal geschickt, um sich um die ankommenden Menschen zu kümmern.
„Es waren nicht nur um die Verletzten, die angekommen waren. Einige Jugendliche waren bereits gestorben“, berichtet sie. Nach Angaben von NGOs aus der Region liegt die Zahl der Todesopfer in Spanien und Marokko bei mehr als 140. Schätzungen zufolge könnten innerhalb von 24 Stunden rund 70.000 Menschen die Grenze überschritten haben.
Zu den emotionalen Belastungen kommt eine erhöhte Arbeitsbelastung hinzu, da mehr Menschen versorgt werden müssen – viele von ihnen mit unterschiedlichen körperlichen und emotionalen Bedürfnissen.
Von Zoom zurück zum Gottesdienst vor Ort
Am Sonntag nach Ausbruch der Krise traf sich die Casa de Alabanza per Videokonferenz. „Stellen Sie sich vor: Innerhalb von fünf oder sechs Stunden kommen mehr als 70.000 Menschen in Ihre Stadt, die selbst 85.000 Einwohner hat. Man steht unter Schock.“ Aus Vorsicht und auf Empfehlung der Behörden öffnete die Gemeinde am vergangenen Sonntag nicht ihre Türen. Für den folgenden Sonntag hoffte man jedoch, wieder persönlich zusammenkommen zu können.
Die Gemeinde spiegelt die Vielfalt wider, die Ceuta heute prägt: Familien aus Venezuela, Mexiko, Argentinien und Kolumbien kommen in einer Kirche zusammen, die seit mehr als sechs Jahrzehnten eine wichtige protestantische Institution der Stadt ist.
Der Pastor zeigte sich außerdem dankbar für die Solidaritätsbekundungen, die ihn von anderen Christen in Spanien erreicht haben.
„Wir bitten euch, weiterhin für uns zu beten, denn es ist nicht einfach. Alles, was geschehen ist, kommt zu unseren täglichen Aufgaben und Sorgen hinzu. Wir brauchen Kraft und wünschen uns, zu sehen, wie Gott wirkt“, schließt Pastor Santolaria.
Dieser Artikel ist zuerst bei „Evangelical Focus“ erschienen, einer englischsprachigen Plattform mit Sitz in Spanien.
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