Nach dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat Wolfgang Büscher, Sprecher des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“, bei „WeltTV“ ein alarmierendes Bild gezeichnet: Radikalisierung sei in den Brennpunkten der Republik längst Alltag und werde von einer Mehrheit junger Männer mitgetragen.
Am Samstag war ein Kleinbus am Rande des CSD in eine Menschenmenge gefahren. Dabei wurde eine Frau getötet, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Der mutmaßliche Tatverdächtige ist der 21-jährige Abdul Ballout. Der ist nach Informationen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ein in Berlin geborener deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln. Der mutmaßliche Tatverdächtige war bereits seit seinem 16. Lebensjahr dem Verfassungsschutz als Islamist bekannt und hatte nach Ermittlerangaben versucht, sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Bei einem Polizeieinsatz am Sonntag wurde er erschossen.
Alarm aus den Jugendklubs
An diesem Punkt – islamistisch radikalisiert im Jugendalter, unbemerkt von der Mehrheitsgesellschaft – setzt „WeltTV“ am Dienstagmorgen bei dem Interview mit Büscher an und will Näheres über Art und Weise erfahren, wie sich junge Menschen radikalisieren. „Wir müssen einfach nur in die Jugendklubs der Städte gehen, in die Brennpunkte. Dort treffen wir auf unzählige junge Menschen, die radikalisiert sind, unzählige Menschen, die ein anderes Deutschland wollen“, erklärte Büscher, und weiter: „Sie pushen sich gegenseitig auf. Sie gehen auf Tiktok. Sie hören jeden Tag radikale Prediger.“ Als Beispiel nannte er den Salafisten-Prediger Pierre Vogel, dessen Auftritte im Netz omnipräsent seien.
Viele dieser jungen Männer wollten „unsere DNA zerstören, wollen unser Land zerstören“, erklärte Büscher. „Sie wollen eine andere Republik – das müssen wir endlich begreifen“, warnte der „Arche“-Sprecher. Demokratie stehe dabei nicht auf deren Wunschliste: „Viele wollen auch die Scharia, viele wollen ihre Lebensvorstellungen durchsetzen, und die sind komplett anders als unsere Werte.“
„80, 90 Prozent“ unterstützten die Radikalen
Büschers warnte, nach seiner Einschätzung stünden nicht nur einzelne Gewalttäter für das Problem: „Es sind auch mehr als die Radikalen, die das Ganze auch in die Tat umsetzen. Aber die, die diese Radikalen unterstützen, das sind 80, 90 Prozent aller jungen Männer, die zu uns gekommen sind.“
Büscher äußerte in dem Interview wenig Hoffnung auf schnelle Integration. „Ich gehe davon aus, dass wir diese Menschen nicht demokratisieren können.“ Politik und Gesellschaft hätten das Ausmaß bislang nicht begriffen. „Ich glaube persönlich nicht, dass wir das hinbekommen, dass wir die Menschen innerhalb unserer Demokratie integrieren. Das wird nicht funktionieren.“
Familien, Zwangsheirat und die queere Community
Büscher verweist in dem Interview auf ein weiteres Problem: die Familien. Großeltern und die Eltern radikalisierten häufig die Kinder weiter. Büscher berichtet aus seiner Arbeit von Zwangsheiraten, die „eigentlich täglich“ vorkämen. „Viele unserer Kinder gehen ja zurück in ihre Familien. Und dort lebt man letztendlich das Syrien, das Afghanistan, das Äthiopien, was man von zu Hause kennt“, erklärte Büscher. Die Jugendlichen selbst wollten zwar in Deutschland leben, „aber sie wollen ein Stück weit ihr Land behalten, ihre Werte behalten. Und die sind radikal.“
Was das Verhältnis der queeren Szene zum Islam angeht, machte Büscher sein Unverständnis deutlich: „Ich begreife bis heute nicht, dass die queere Community zum Beispiel Palästina-Fahnen schwingt auf ihren Veranstaltungen und damit ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Wenn ich als Schwuler durch den Gazastreifen laufe oder durch Palästina laufe, kann es passieren, dass ich totgeschlagen werde.“ Das habe man hierzulande – auch in der Politik – noch nicht begriffen.
Mansour bei „Bild“: „Wir haben viele Jahre verschlafen“
Auch der deutsch-israelische Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour, selbst Muslim, äußerte sich zu dem Anschlag gegenüber „Bild“. Mansour sieht die Ursache zunächst in einem gesellschaftlichen Vermeidungsverhalten: „Beim Thema Islamismus haben wir viele Jahre verschlafen, wir haben Angst gehabt, in Teilen der Bevölkerung, aber auch in Teilen der Politik, das Thema anzusprechen und vor allem Lösungen anzubieten.“
Diese Angst führt er auf eine linke beziehungsweise identitätspolitische Diskursdynamik zurück: „Wir haben Akteure, die in den letzten Jahren jegliche Kritik am Islamismus als antimuslimischen Rassismus abgetan haben.“ Er selbst sei dafür wiederholt angefeindet worden. Ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Islamismus, das klare Grenzen zieht, sei nach seiner Einschätzung „mit der linken Politik in den letzten Jahren nicht möglich gewesen“.
Mansour beschreibt aus der Sicht des Psychologen, warum Islamismus jungen Menschen attraktiv erscheint: als Angebot von Orientierung, Zugehörigkeit und Verantwortungsabgabe in einer persönlichen Krise. Zur Anfälligkeit junger Menschen für islamistische Ideologien greift Mansour auf eigene Erfahrung zurück: „Ich war selbst radikal. Und ich weiß, dass ich das superattraktiv fand, dass andere mir sagen, wo es langgeht, dass ich keine Verantwortung übernehmen sollte. Und das Attraktivste dabei war: Ich hatte das Gefühl, zu einer Elite zu gehören.“
Verschärft werde dieser Sog durch familiären Druck. Wer in manchen muslimischen Familien etwa Homosexualität nicht ablehne, dem drohe „der Ausschluss aus dieser Community“.
Der Nahost-Konflikt als Brandbeschleuniger
Als einen entscheidenden Beschleuniger benennt Mansour den Nahost-Konflikt. „Seit dem 7. Oktober sind Islamisten durch die Propaganda in den sozialen Medien superaktiv. Sie nutzen die Bilder aus Gaza, um Menschen auf Distanz zur Mehrheitsgesellschaft zu bringen, Wut zu machen. Und von da ist der Weg zur Radikalisierung sehr, sehr kurz.“ Was er seither an Schulen erlebe, sei „unfassbar“ und ohne Vorbild in seiner seit 2007 andauernden Arbeit.
Mansour spricht in dem Interview von einer sichtbaren „Radikalisierungswelle“. Er fordert deshalb einen Rechtsstaat, der wirklich abschreckt. „Solange die Strafe nicht abschreckend funktioniert, ist die Hemmschwelle zur Gewalt sehr, sehr klein.“