Wenn Sie von der Rapperin Ikkimel noch nichts gehört haben, haben Sie nichts verpasst. Etliche Zuschauer des ZDF-Morgenmagazins dürften Sie um Ihre Unkenntnis beneiden. Denn die hatten kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, dem ersten Liveauftritt von Ikkimel im ZDF beizuwohnen.
Ikkimel – leider sind die Zitate hier nötig – bezeichnet sich selbst als „Fotzenrapperin“. Sie singt von Sex und Drogen und davon, wie sehr sie Männer verachtet. Also ungefähr so wie männliche Gangsta-Rapper, nur umgekehrt. Und mit dem Unterschied, dass niemand auf die hirnrissige Idee käme, solche verirrte Typen in ein gebührenfinanziertes Morgenprogramm zu holen.
Dabei ist das vorgetragene Stück „Fußballmänner“ noch eines der harmloseren Fremdschamwerke, die die Rapperin, die sich selbst als Feministin sieht, als Lieder auf Vinyl pressen lässt. Trotzdem sorgte „Fußballmänner“ für verstörte Gesichter beim ZDF-Publikum.
Ihren poetischen Höhepunkt entfaltet die Berlinerin im, nun ja, Refrain:
„Fußball-Männer, alles Penner
Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker
Lattenkracher, Mertesacker
Tiki-Taka in ’nem Tanga“
Auch wenn dieser infantile Schmuddelschenkelklopfer selbst durchschnittlich begabten Zehntklässlern zu doof wäre, hält dies das deutsche Feuilleton nicht davon ab, in Ikkimels Texten Höheres zu erahnen: Es gehe um weibliche Selbstermächtigung, um das Brechen von Tabus. Die „taz“ stellte fest, dass das Publikum „überfordert“ gewesen sei, die „FAZ“ sinnierte darüber, warum Ikkimels Auftritt „das Land spaltet“.
Das ZDF erklärte im Nachgang gegenüber der „FAZ“, Ikkimels Song greife „das Thema Fußball aus einer popkulturellen Perspektive auf und hat insbesondere bei jungen Menschen große Aufmerksamkeit erhalten“.
Na, dann ist ja alles gut. Oder auch nicht.
Einig bin ich mir mit den Kritikern, dass es zumindest weder um Musik noch um textliche Tiefe geht. Das muss es auch nicht.
Aber wer Kinder hat, weiß, dass jedes von ihnen spätestens ab dem Alter von drei Jahren sehr mutig „gesellschaftliche Moralvorstellungen“ zu überwinden weiß. Man nennt das auch Pipi-Kacka-Humor.
Wenn man als 29-Jährige allerdings durch Deutschland tourt und hauptsächlich über primäre und sekundäre Geschlechtsorgane singt und dabei mit der Menge der konsumierten illegalen Drogen prahlt, liegt die Schaffenshöhe vielleicht nicht bedeutend höher. Aber wenn man das Ganze noch als „Feminismus“ framen kann, dann wird man selbst von Kulturkritikern ernst genommen. Von denselben übrigens, die staunend anerkennen, dass die menschenverachtenden Texte von Kollegah und Farid Bang ja „deren eigene Biographie verarbeiten“.
Unabhängigen christlichen Journalismus häufiger bei Google sehen
PRO bei Google bevorzugenDas alles darf man in Deutschland. Es ist auch erlaubt, dass Ikkimel auf ihren Konzerten mit Dildos posiert und Männer auf der Bühne in Hundekäfige einsperrt.
Es ist aber auch erlaubt, das als dumm, primitiv und jugendgefährdend zu bezeichnen.
Und man darf die Frage stellen, ob die ZDF-Verantwortlichen, die Ikkimel in diese Sendung eingeladen haben, noch zurechnungsfähig sind oder ob sie einfach nur die Grenzen des Medienstaatsvertrags testen wollten. Die sie übrigens deutlich überschritten haben.
Frauen als Sex-Subjekt
Während Ikkimel nämlich selbst eher unbeholfen über ihre „Pussy“ sang und die Tatsache, dass Fußballfans aus der Kreisliga bessere Sexpartner sind („die geh’n viel härter“) als die von Hertha BSC, saßen nämlich nicht nur von Fremdscham berührte Rentner im Publikum, sondern auch zahlreiche Kinder.
Daher sei die Frage erlaubt: Geht’s noch, ZDF? Wie kommt ihr auf den Gedanken, es sei in Zeiten, in denen man keine Pippi-Langstrumpf-Episode mehr ohne Triggerwarnung schauen kann, eine gute Idee, Kindern eine Künstlerin zu präsentieren, die Frauen vor allem als Sex-Subjekt verkauft und lebensgefährliche Drogen verherrlicht?
„Die ist ja nackt“, hätte ein Kind in Richtung der zumindest untenrum arg luftig bekleideten Dame rufen können. Wie in der Geschichte beim Kaiser, der eben keine neuen Kleider hatte. Heute würde dieses Märchen aber ohnehin nicht mehr funktionieren. Seine Pressesprecher würden seine Blöße als „männliches Empowerment“ framen, als „mutiges Brechen gesellschaftlicher Tabus“ und als „Dekonstruieren kapitalistischer Modevorstellungen“. Journalisten würden dies dankbar aufgreifen. Und den nackten Kaiser zudem dafür loben, dass er öffentlich gegen Bodyshaming vorgeht.
Doch natürlich ist das Thema ernst, denn am Ende geht es auch um Kinder, die geschützt werden müssen. Deswegen muss es im ZDF auch ernste Konsequenzen geben. Wer auch immer die Entscheidung für Ikkimels Auftritt gefällt hat, hat an verantwortlicher Stelle nichts verloren.