Wo christliche US-Nationalisten irren

Die USA feiern 250. Geburtstag. Im PRO-Podcast „Glaube. Macht. Politik.“ blickt der Theologe Thorsten Dietz auf Religion, Demokratie und christlichen Nationalismus. Seine These: Die Vereinigten Staaten waren nie als christlicher Staat gegründet.
Von Nicolai Franz

Die USA feiern in diesen Tagen das 250. Jubiläum ihrer Unabhängigkeitserklärung. Kaum ein Thema ist dabei so umstritten wie die religiöse Prägung des Landes. Wurden die Vereinigten Staaten als christlicher Staat gegründet? Oder steht am Anfang vielmehr die Idee eines säkularen Staates mit starker Religionsfreiheit? Darüber spricht PRO-Redakteur Nicolai Franz in der neuen Folge des Podcasts „Glaube. Macht. Politik.“ mit dem Theologen, Publizisten und Podcaster Thorsten Dietz.

Dietz widerspricht in der Folge entschieden der Vorstellung, die USA seien als christliche Nation gegründet worden. Wer das behaupte, verbreite „Mythen und betreibe Geschichtsklitterung“. Zwar seien die nordamerikanischen Kolonien zur Zeit der Staatsgründung stark protestantisch geprägt gewesen. Katholiken hätten nur eine kleine Minderheit gebildet, Konfessionslose seien kaum erfasst worden. Doch gerade die religiöse Vielfalt der Kolonien habe dazu geführt, dass die Gründer eine Staatskirche auf Bundesebene verhindern wollten.

Die USA – ein christlicher Staat?

Ein zentrales Motiv der amerikanischen Staatsgründung sei deshalb die Religionsfreiheit gewesen. In der Verfassung wurde festgelegt, dass es für öffentliche Ämter keinen religiösen Test geben darf. Für Dietz ist das ein revolutionärer Schritt: In Europa sei es damals selbstverständlich gewesen, dass Herrschaft und Religion eng miteinander verbunden waren. In den USA dagegen habe sich eine säkulare Staatsordnung entwickelt – allerdings nicht im laizistischen Sinn. Religion sollte nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden, aber der Staat sollte keine Kirche privilegieren und keine Religion vorschreiben.

Kritisch sieht Dietz den heutigen sogenannten christlichen Nationalismus in den USA. Dieser wolle Politik, Recht und öffentliche Moral wieder einheitlich christlich prägen und berufe sich dabei auf eine angeblich christliche Gründung des Landes. Das sei historisch falsch. Gefährlich werde diese Bewegung dort, wo sie demokratische Strukturen, Gewaltenteilung und Minderheitenrechte geringer gewichte als die Macht eines starken Präsidenten.

Die Radikalisierung der vergangenen Jahre unterscheide sich deutlich von der älteren christlichen Rechten, sagt Dietz. Viele christliche Nationalisten lehnten inzwischen nicht nur Demokraten, sondern auch frühere republikanische Präsidenten wie George W. Bush als Teil des Establishments ab. Dietz warnt vor autoritären Sehnsüchten. Die Gründerväter hätten gerade Machtmissbrauch verhindern wollen – durch Gewaltenteilung, föderale Strukturen und „Checks and Balances“.

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