Kommentar

Paraguays Sieg und das Gebet eines kleinen Mädchens

Gute Fans sind der zwölfte Mann des Fußballteams. Was passiert aber, wenn sie anfangen zu beten? Und die gegnerischen Fans auch?
Von Nicolai Franz
Fußballerisch unterwegs waren die europäischen Priester in den vergangenen vier Tagen bei ihrer Europameisterschaft (Symbolbild)

Not lehrt beten, das gilt auch für den Fußball. Vielleicht gerade dann. Nicht nur viele gläubige Spieler senden regelmäßig Flehen und Bitten gen Himmel, auch viele Fans tun das. Und zwar umso intensiver, je mehr sich der Schlusspfiff nähert.

Als Deutschland gegen Paraguay spielte, schlugen die Emotionen natürlich wieder hoch. Weil es so spät war, schaute ich alleine im Wohnzimmer, in der linken Hand ein Bier, in der rechten Hand mein Handy, im Dauerkontakt mit meinem Freund Rainer. Rainer ist Paraguayer und Mennonit, wohnt mit seiner Familie in San Lorenzo in der Nähe der Hauptstadt Asunción, und als Anhänger der Underdogs war er noch ein bisschen aufgeregter als ich. „Das ist Psychoterror!“, schallte es mir aus der Sprachnachricht entgegen. Recht hatte er.

Ich versuchte natürlich, die Ehre meines Landes hochzuhalten und meinem Freund, den ich aus Studienzeiten kenne, in martialischen Worten mitzuteilen, dass Deutschland Paraguay vernichtend schlagen werde. Dann ging Paraguay in Führung, kassierte das Gegentor, Deutschland legte nach, doch der Treffer zählte nicht – ja, das war Psychoterror, für die Paraguayer vielleicht noch mehr als für die Deutschen.

Und dann kam Gott ins Spiel.

„Tania betet gerade, dass Paraguay nicht verliert“, teilte mir Rainer über seine neunjährige Tochter mit. „Und jetzt diskutieren wir gerade, ob ihr Gebet ausreicht, wenn Tausende Deutsche für Deutschland beten.“ Was denn meine theologische Meinung dazu sei, fragte Rainer, natürlich augenzwinkernd. Aber wir diskutieren leidenschaftlich gerne, also bezog ich sofort Stellung.

Fußballfans und Exodus

Ich verwies auf die vergeblichen Gebete der Baalspriester, und das könne ja bedeuten, dass das aufrichtige Gebet eines Mädchens mehr bewirkt als Millionen Gebete schreiender Schland-Fans. „Aber“, fuhr ich fort, „ich glaube eher, dass Gott am Ende sagt: Der Bessere möge gewinnen.“ Natürlich hielt ich Deutschland für das bessere Team, auch wenn die Leistungen auf dem Platz dies nicht widerspiegelten.

Doch Tania belehrte mich eines Besseren. Paraguay behielt beim Elfmeterschießen die Nerven, Deutschland versagten selbige. Und Rainers theologische Deutung setzte sich – wie so oft – am Ende durch. Natürlich sei Deutschland besser, sagte er. Aber Gott, so läsen wir doch im Exodus-Bericht, stehe auf der Seite der Schwachen. „Der Unterdrückten. Der Kleinen. Der Zweiten“, predigte er, und schloss: „Demnach ist Gott die Präferenzoption der Armen, Nico.“

Für die Nichtinsider: Rainer spielte natürlich auf die Befreiungstheologie an, die vor allem in Lateinamerika weit verbreitet ist, hauptsächlich unter Katholiken. So wie Gott das Volk Israel aus der Knechtschaft führte, so führt er auch heute sein Volk aus den Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Und zumindest an diesem Fußballabend konnte ich mich mit dieser Deutung gut anfreunden. Paraguay hat das schier Unmögliche geschafft, der Underdog hat den scheinbar Überlegenen bezwungen. Und vielleicht hatte das auch mit dem ehrlichen Gebet eines kleinen Mädchens zu tun.

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