Mit Gott im Plattenbau unterwegs

Viele Regionen werden immer säkularer. Auch in sozialen Brennpunkten haben es christliche Gemeinden schwer. Gegenüber PRO erklärt Stefanie Kloft, warum das nicht so sein muss, was sie Gemeinden empfiehlt und was der 1. FC Magdeburg damit zu tun hat.
Von Johannes Blöcher-Weil
Vor allem junge Menschen haben kaum noch Bezug zur Religion. Diese Menschen können christliche Vereine und Gemeinden mit ihren Angeboten prägen

Frau Kloft, was müssen Kirchen und Gemeinden beachten, die in Plattenbauten arbeiten wollen?
Kloft: Das liegt natürlich an den Rahmenbedingungen. Hier in Stendal haben wir ganz andere Voraussetzungen als in Berlin-Marzahn. Auch west- und ostdeutsche Städte unterscheiden sich massiv. In vielen solcher Siedlungen herrscht eine völlig andere Kultur als in unseren christlichen Gemeinden. Diese repräsentieren leider zu wenig gesellschaftliche Milieus. Menschen hier aus der Platte kommen dort oft nicht vor.

Woran liegt das?
Die Menschen sind seit Generationen durch völlig andere Werte geprägt. Ein Beispiel: Für viele ist Familie das Allerwichtigste. Ein Kind braucht für die Schule neue Stifte, die die Mutter gerade nicht kaufen kann, weil das Geld fehlt. Um die Mutter vor den Lehrern nicht zu beschämen, geht das Kind in den Laden und klaut die Stifte. Der Wert der Familie steht über dem Wert der Ehrlichkeit. Auch die Sprache in unseren Gemeinden hat mit deren Realität wenig bis gar nichts zu tun. Wörter wie Evangelium, Heiland, Sünde, Barmherzigkeit kommen in deren Sprachgebrauch überhaupt nicht vor. Wir sprechen davon, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist. Menschen ohne christliche Vorprägung, verstehen davon gar nichts. Daran muss ich denken, wenn ich ihnen begegne.

Wo sind die gravierendsten Unterschiede zwischen Ost und West?
Die Prägung durch die DDR ist nicht zu unterschätzen. Das merken wir auch bei unseren Gesprächen mit den Menschen . Uns Ostdeutschen fällt es oft schwerer, in Dingen als erstes das Potential zu sehen und mutige Entscheidungen zu treffen. In der DDR wurde die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt. Das wirkt bis heute. Für die 10.000 Menschen in unserem Stadtteil gibt es inzwischen eine Moschee, aber keine Kirche. Sie können hier leben und sterben, ohne einem einzigen Christen zu begegnen. Wenige sind noch Mitglied einer Kirche. In unserem Landkreis gibt es fünf Freikirchen. Die Realität in der Altmark ist, dass manche Christen sonntags eine Stunde Auto fahren, um den Gottesdienst zu besuchen. Sachsen-Anhalt zählt inzwischen zu einer der säkularsten Regionen der Welt.

Wie wirkt sich das auf die Menschen aus?
Viele haben eine tiefe Abneigung gegenüber dem christlichen Glauben. Eine ältere Dame erklärte mir, dass sie das nur von SED-Parteiveranstaltungen kenne, dass man in Reih und Glied sitze und einer ihr erkläre, wie man sein Leben zu leben hat. Wenn Menschen unsere Gottesdienste so erleben, regt sich Widerstand.

Wie sieht das mit der jüngeren Generation aus?
Die ist religiös gar nicht geprägt. Viele Kinder glauben, dass an Weihnachten der Weihnachtsmann Geburtstag hat. Positiv daran ist, dass wir junge Menschen neu prägen können. Sie interessieren sich dafür, was wir ihnen erzählen.

Wie kann Kirche wieder Zugang zu diesen Milieus finden?
Am wichtigsten finde ich unsere innere Haltung, mit der wir Menschen begegnen. Die Besucher unserer Angebote merken sofort, welche Haltung wir haben. Wenn sie merken, dass es uns nur um unsere eigenen Interessen geht und um den Erhalt unserer Gemeinde, machen sie dicht.

Wie können wir das verhindern?
Wir müssen in Beziehung investieren und verlässlich sein. Dann öffnen die Menschen ihre Türen und erzählen ihre Geschichten. Wir dürfen auch gerne für die Menschen beten, sie seelsorgerlich begleiten. Das sind oft viele kleine Schritte über lange Zeit, die nicht nur eine Person leisten kann. Um nachhaltig zu sein, sollten sich mehrere Personen um die Menschen aus der Platte kümmern und sich dort investieren. Es gibt hier viele Personen, die könnten wir jede Woche besuchen. Das schaffen wir aber nicht.

Was muss man sonst noch über die Menschen wissen?
In solchen Stadtteilen herrscht oft auch eine ökonomische Not. Den Familien fehlt es an Essen und Kleidung. Sie brauchen praktische Unterstützung bei Umzügen oder Amtspost. Aber bevor sie den Mut finden, das zu erzählen, brauche ich eine Beziehung zu ihnen. Es ist nicht cool, arm zu sein. Deswegen finde ich es sehr problematisch, wie die Politik über das Thema redet. Viele Bürgergeld-Empfänger lehnen sich nämlich nicht zurück und finden es super, dass der Staat sie unterstützt. Ganz viele Menschen schämen sich für ihre Situation. Wenn wir um ihre Situation wissen, können wir dort ansetzen und investieren.

Wie gestalten Sie ihre Arbeit praktisch, damit sich die Türen öffnen?
Wir haben klassische Begegnungsorte für alle Altersgruppen. Dort können Menschen zwanglos hinkommen und andere mitbringen, so lernen wir immer wieder neue Menschen aus dem Stadtteil kennen. In der Corona-Zeit kam es aber auch vor, dass mich eine mir unbekannte Mutter angerufen hat, weil sie Bastelmaterial für ihre Kinder gesucht hat. Daraus ist eine langfristige Beziehung entstanden. Wir sind vor Ort und lassen uns von Menschen finden. Mit unserem Team schauen wir immer genau hin, welche Familien wir in ihren Bedürfnissen unterstützen können.

Dazu gehört auch Bildung?
Wir bieten Nachhilfeunterricht an, weil Bildung ein großes Thema ist. Wir schauen mit Schulen, wer welche Unterstützung braucht. Über das Kind in der Nachhilfe kommt vielleicht eine Mutter in die Beratung. Dann stellen wir fest, dass es einen großen Bedarf an Angeboten für Eltern gibt und überlegen, wie wir diesem Bedarf begegnen können. Wir reflektieren regelmäßig, ob wir noch die richtigen Angebote machen.

Was ist die größte Hürde für diese Menschen, um eine Gemeinde zu besuchen?
Menschen brauchen Punkte, an denen sie andocken. Ich war letzte Woche auf einer Veranstaltung, wo ich niemanden kannte. Ich habe mich natürlich an den Menschen orientiert, denen es genauso ging. Die meisten unserer Gemeinden sind leider so homogen, dass Menschen aus diesem Milieu keine Anknüpfungspunkte finden. Oft kommen sie dann nicht wieder, weil die Prägungen schwer miteinander vereinbar sind. Aber auch Menschen mit gebrochenen Biografien sollten in unseren Gemeinden Verantwortung bekommen und auf Augenhöhe agieren. Ich nenne ein Beispiel.

Bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier finden die Menschen Punkte, wo sie andocken können (Foto: Stefanie Kloft)

Bitte!
Mit unseren Jugendlichen waren wir auf dem Freakstock-Festival. Danach haben wir sie nach ihren Erfahrungen gefragt. Ein Junge war begeistert, weil er sich mit dem Kleidungsstil des Redners identifiziert hat und sich mit ihm auf Augenhöhe fühlte. Mit einem Pfarrer im Talar hätte er nichts anfangen können. Nicht falsch verstehen: für viele Christen aus der Mittelschicht oder gehobenen Mittelschicht gehört ein Pfarrer im Talar oder ein Prediger im Anzug zu einem guten Gottesdienst und das ist völlig in Ordnung. Aber wir dürfen nicht erwarten, dass Menschen mit einer völlig anderen Prägung sich an unsere Vorlieben anpassen. Mein Mann und ich hatten einmal eine gute Bekannte zum Gottesdienst eingeladen, in dem er gepredigt hat. Sie kam nicht nur zu spät, sondern auch mit einem Jogginganzug in den Gottesdienst. Sie ging durch den Mittelgang nach vorne und setzte sich neben meinen Mann in die erste Reihe. Einige Leute haben sich hinterher aufgeregt. Aber mein Mann war der einzige Bekannte für sie und der Jogginganzug das Sauberste, was sie hatte. Das war weit weg von der Realität aller anderen und hat beide Seiten herausgefordert. Wir sollten uns fragen, ob uns solche Sachen stören, weil sie dem Evangelium widersprechen oder nur weil sie nicht in meinem Milieu vorkommen. Ganz häufig ist es nicht das Evangelium.

Welche Erwartungen haben solche Menschen an Gemeinden?
Das sollten sich Gemeinden grundsätzlich fragen: Welche Erwartungen hat Gesellschaft an Kirche und Gemeinde? Wenn wir darauf keine Antwort haben, sollte uns das umtreiben. Und wenn wir feststellen, dass Menschen gar keine Erwartungen an Kirche und Gemeinde mehr haben, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Dann hat Kirche keine Relevanz mehr für unsere Gesellschaft und das ist meines Erachtens das Schlimmste, was uns als Christen passieren kann. Die meistens Menschen in unserem Stadtteil haben keine Erwartungen. Aber die, die zu uns kommen, haben eine Sehnsucht. Sie sehnen sich nach Menschen, die ihnen Wert und Würde geben. Was wir ihnen vermitteln, soll sinnvoll für ihr Leben sein und ihnen helfen. Sie möchten dazu gehören, ohne vorher Leistungen zu erbringen. Wenn wir das als Gemeinden leben, wäre vielen geholfen.

Wo suchen die Menschen nach Orientierung, wenn nicht in Gemeinden?
Ein ganz wichtiger Punkt ist für viele der Fußball. Die Menschen hier feiern Fußballhochzeiten in den Farben des 1. FC Magdeburg. An der Autobahn liest man Sprüche wie „Du bist niemals alleine“ zum Vereinsemblem. Ich würde mir wünschen, dass wir Christen auch so eine starke Identifikation anbieten können. Ganz viele Menschen suchen Zugehörigkeit und gehen einsam durchs Leben.

Welche Kirche wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich persönlich wünsche mir eine Kirche, die an manchen Punkten zerfällt. Ich meine das nicht negativ. Sie sollte aber kleinteiliger agieren und im Blick auf die verschiedenen Milieus über ihre Grenzen hinausdenken. Gemeinde findet für mich nicht nur am Sonntagmorgen im Gottesdienst mit 30, 100 oder 300 Menschen statt. Ich wünsche mir eine Kirche, die nicht nur auf Mitgliederzahlen oder Gottesdienstbesucher schaut. Wenn klar ist, dass alle gemeinsam in die richtige Richtung unterwegs sind, dann kann es auch gut sein, dass die einen sich sonntags zum Gottesdienst treffen und die anderen freitags in einer Kleingruppe am Esstisch. Alle haben das gleiche Ziel und nutzen verschiedene Wege.

Welches biblische Vorbild treibt Sie bei dieser Haltung an?
Mich fasziniert Philippus. Er geht in die Wüste und weiß nicht, was ihn erwartet. Er erklärt dem Kämmerer einen ganz kleinen Teil der Bibel. Dann lässt er diesen weiterziehen und verlässt sich drauf, dass dieser genug verstanden hat. Er muss das nicht noch einmal überprüfen, sondern vertraut darauf, dass Gottes Wort lebendig ist und wirkt. Das kann auch anders sein, als ich es mir vorstelle. Ich wünsche mir dieses Vertrauen auf den Heiligen Geist, weil es am Ende immer noch Gottes Mission ist und Gott einen Weg weiß. Wir müssen Gott nirgendwo hinbringen, er ist immer schon vor uns da.

Welche biblischen Geschichten sind eine gute Grundlage, um sich dort zu investieren?
Wenn wir Menschen begegnen, wollen wir einen einfachen Bogen spannen. Viele Menschen hier fühlen sich ungewollt. Ihnen sagen wir, dass das nicht stimmt und es jemanden gibt, der sie liebt und deswegen geschaffen hat. Wir sagen den Menschen, dass am Ende alles gut wird. Für viele Christen hört sich das vielleicht plakativ und klischeehaft an. Aber für Menschen, die viel Schatten erleben und viele Brüche in ihrer Biografie haben, ist es wichtig zu hören, dass das beste Leben noch auf sie wartet. Dazwischen erzählen wir von Jesus, weil er das alles verkörpert. Er kennt die Lebenswirklichkeit der Menschen. Für viele ist es heilsam, Gott und seiner bedingungslosen Liebe zu begegnen, weil diese Niedergedrückte aufrichtet und ungewollte Menschen zu Königskindern macht. Dann entsteht der Wunsch nach Veränderung im eigenen Leben ganz alleine.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Buch „Gott wohnt in der Platte“ ist im Neukirchener Verlag erschienen (Foto: Verlag)

Stefanie Kloft ist Pädagogin und Autorin. Vor 19 Jahren ist sie anlässlich ihres sozialwissenschaftlichen Studiums nach Stendal gezogen und wohnt seitdem im Plattenbauviertel „Stadtsee“. Gemeinsam mit ihrem Mann Samuel arbeitet sie für den christlichen Verein „Lebendige Steine e.V.“, einem sozialdiakonischen Werk in einem sogenannten Brennpunktviertel. Gemeinsam mit einer Kollegin und weiteren Menschen aus Ost- und Westdeutschland ist das Buch „Gott wohnt in der Platte“ entstanden.

Anna Babbel, Samuel Kloft, Stefanie Kloft (Hg.); Gott wohnt in der Platte, Warum es für Kirche auf Augenhöhe mehr braucht als Almosen, Neukirchener Verlag, 176 Seiten, ISBN 9783761571064, 22,00 Euro

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