Jan Fleischhauer vertritt die These, dass eine gesellschaftliche Minderheit den öffentlichen Diskurs dominiert und dabei die Überzeugungen der Mehrheit an den Rand drängt. Auch wenn sein Buch keine explizit christliche Perspektive einnimmt, liefert es zahlreiche Denkanstöße für Christen, die sich mit ihren Positionen zu Ehe, Familie, Lebensschutz oder Meinungsfreiheit zunehmend in der Defensive sehen.
Der Kolumnist und Autor geht in dem neuen Buch „Du bist nicht allein“ der Frage nach, warum „viele Menschen offenbar das Gefühl“ haben, dass sie mit ihrer Sicht auf die Welt alleine da stehen – und damit falsch liegen.
Zur Erklärung zieht Fleischhauer die Sozialwissenschaft heran. Die nennt das Phänomen das „Mehrheitsparadox“. Mit Worten des Autors: „Der Einzelne glaubt, er sei mit seiner Meinung allein, obwohl in Wirklichkeit die meisten so denken wie er.“ Mit ihrer Weltsicht sind also Hinz und Kunz nicht allein, auch wenn sie beim Blick in die Zeitung genau dieses Gefühl haben. Der Journalist Fleischhauer hat den „Eindruck, dass die Welt, wie sie in den Medien abgebildet wird, und die Welt, die eine Mehrheit nach wie vor als ihr Zuhause begreift, immer weiter auseinanderfallen“.
Minderheit dominiert Diskurs
Damit ist der Rahmen für das Buch gesetzt. Fleischhauer seziert auf 304 Seiten den Betrieb in Politik, Gesellschaft und Medien und sucht nach Belegen dafür, dass „sich eine Minderheit daran macht, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es langgeht“, sondern diese gar noch „dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die Minderheit, die den Ton angibt“. Dabei beleuchtet er unter anderem die Justiz, den Medienbetrieb, Lebenswirklichkeiten in Stadt und Land, Umweltschutz, Migration, den Sprachgebrauch, Cancel Culture, den Sozialstaat und das Verhältnis der Linken zum Humor.
Seine Beobachtungen darüber, dass eine gesellschaftlich kleine Gruppe – der Blick des Autors wendet sich hier nach links und sieht rot und grün – den öffentlichen Diskurs dominiert und gegen die gesellschaftliche Mitte Politik macht, sind so eindrücklich wie amüsant.
Bei seinen Gedanken über die Verzerrung der Wirklichkeit geht Fleischhauer auch mit dem eigenen Berufsstand ins Gericht. Statt wie einst zu „sagen, was ist“ – der Leitgedanke von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein – fühlten sich heute Redaktionen dem Motto verpflichtet: „Sagen, wie es sein soll.“ Fleischhauer: „Die Wirklichkeit zu beschreiben, sie zu beurteilen, im Zweifel auch die Handelnden zu kritisieren und für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen – das reicht vielen Journalisten nicht mehr.“
Berufskollegen hätten sich die Rettung der Demokratie auf die Fahne geschrieben und kämpften ergo gegen „rechts und gegen Diskriminierung, gegen den Klimawandel, das Artensterben und die Benachteiligung der Frauen“. Noch verheerender wertet Fleischhauer bei Journalisten „das Bedürfnis, der richtigen Sache zu dienen“ – eine Absage an den Haltungsjournalismus.
Wie umgehen mit unpopulären Überzeugungen?
Als Meister seines Berufsstandes schreibt Fleischhauer pointiert, amüsant und teils herrlich ironisch. Kostprobe? „Selbst ein Milchbrötchen wie der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther wird zum Totengräber der Meinungsfreiheit stilisiert, weil er sich bei ‚Lanz‘ despektierlich über Journalisten geäußert hat, die er nicht leiden kann. Nennen Sie mich oldschool, aber Journalisten, die sich vor Daniel Günther fürchten, kann ich nicht ernst nehmen.“
Bei der Lektüre von „Du bist nicht allein“ drängt sich einem Christenmenschen die Frage auf, ob Fleischhauer nicht zu sehr auf sein „Gefühl“ setzt statt auf Zahlen, Daten und Fakten. Aber auch, ob der kluge und wortgewandte Autor mit seiner These nicht voll ins Schwarze trifft, wenn man an so bedeutungsvolle Themen wie Ehe, Familie, Sexualität oder Lebensschutz denkt. Sind am Ende als konservativ verschriene oder gar als rechts gebrandtmarkte – und als dezidiert christlich zu bezeichnende – Überzeugungen doch weiter verbreitet, als das bestimmte Stimmen, die den öffentlichen Diskurs dominieren, einem glauben machen wollen? Und wie offen soll und will man zu diesen Überzeugungen stehen, wenn die unpopulär und wenig ertragreich scheinen? Welche Rolle spielen Medien und kulturelle Eliten, wenn es um christliche Überzeugungen geht?
Das Buch liefert keine direkten Antworten auf solche Fragen. Aber Fleischhauers Diagnose gesellschaftlicher Entwicklungen deckt sich mit dem Empfinden und den Erfahrungen vieler – besonders der konservativen – Christen. Das Buch offeriert dem Leser in kurzweiliger, humoriger und ironischer Weise tiefsinnigen Stoff. Kurz: klare Leseempfehlung. Fans der Grünen oder Robert Habecks ist – weil es zwischen den Buchdeckeln mächtig „fleischhauert“ – von der Lektüre abzuraten.
Jan Fleischhauer: „Du bist nicht allein: Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen“, Deutsche Verlags-Anstalt, 304 Seiten, ISBN 978-3421070616